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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.11.2012 um 12:30 Uhr

Von der Waffen-SS zum Staatsschriftsteller

Annette Leo: "Erwin Strittmatter - Die Biographie"

Rezensiert von Bernd Wagner

Grabstätte der Familie Strittmatter auf dem Friedhof in Schulzenhof, Brandenburg
Grabstätte der Familie Strittmatter auf dem Friedhof in Schulzenhof, Brandenburg (picture alliance / ZB)

Das Neue an Annette Leos Biographie ist die Perspektive der um eine Generation jüngeren Leserin, die, aufgestört durch Werner Lierschs Veröffentlichung über die Kriegszeit des Autors, den Lebensweg Strittmatters anhand neuen Archivmaterials, bisher unbekannter Briefe und Tagebucheintragungen nachvollzieht, um hinter das Geheimnis seiner Popularität zu kommen.

Ihre Leseerfahrungen mit dem Porträtierten begannen sehr früh.

"Während wir im Unterricht den Tinko-Stoff behandelten, lief gleichzeitig eine Kampagne, um die letzten Einzelbauern zum Eintritt in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zu bewegen. 'Sozialistischer Frühling auf dem Lande’ wurde das genannt. Ich war für den Frühling."

Vielleicht erklärt dies die Anhänglichkeit so vieler Leser: Strittmatter war von Anfang an da und blieb bis zum Schluss bei ihnen, scheinbar oder tatsächlich ihre Aufbruchstimmung und ihre Illusionen artikulierend, ihre Schwierigkeiten und ihre Zweifel, ja auch die, aber doch ohne jemals das gesellschaftliche System der DDR und damit ihr Leben grundsätzlich in Frage zu stellen.

Annette Leo versucht zu den Wurzeln dieser Symbiose vorzudringen, indem sie das Exemplarische an Strittmatters Werdegang herausarbeitet, die Verdrängungen, Verklärungen und Selbstlügen. Insbesondere die vom Autor reichlich vernebelte Zeit vor seiner Geburt als sozialistischer Schriftsteller vermag sie dank ihrer Recherchen deutlich aufzuhellen.

Buchcover "Erwin Strittmatter. Die Biographie" von Annette LeoBuchcover "Erwin Strittmatter" von Annette Leo (Aufbau Verlag)Es sind die gleichen Jahre, zu denen Strittmatter in seinen Büchern immer wieder zurückkehrt. Darin spielt er sein Erwachsenwerden in immer neuen, dem jeweils in der DDR herrschenden Zeitgeist entsprechenden Varianten durch. War er im "Ochsenkutscher" und im "Wundertäter" noch lupenreiner proletarischer Held, bekennt er sich im "Laden" zu seiner kleinbürgerlichen Herkunft; sind in den frühen Werken Kommunisten seine Vorbilder, wird es im dritten Teil des "Wundertäters" ein sorbischer Dorfweiser namens Zaroba.

Dieser literarischen Wandlungsfähigkeit entspricht der Variantenreichtum seiner biographischen Angaben in Lebensläufen und Fragebögen. Nach Annette Leo sieht Erwin Strittmatters frühe Biographie folgendermaßen aus: Er wuchs als Ältestes von fünf Geschwistern in einer ländlichen Händlerfamilie in der Lausitz auf, verließ das Gymnasium in Spremberg vor dem Abitur und absolvierte stattdessen eine Bäckerlehre.

In den folgenden Jahren zog er als Tierpfleger und -züchter, als Bäcker und Hilfs-Arbeiter von Ort zu Ort, zeugte mit zwei Ehefrauen seine ersten vier Söhne und versuchte, zumeist vergeblich, seine Gedichte und Erzählungen in Zeitungen und kleinen Verlagen unterzubringen.

Ein unbefriedigendes Dasein, dem er durch den Waffendienst im Krieg entrann – für Strittmatter durchaus nicht das von ihm später so oft beschworene Unglück. Vielmehr meldete er sich im September 1939 freiwillig zur Wehrmacht, bewarb sich bei der Schutzpolizei und schließlich bei der Waffen-SS. Im Mai 1940 schrieb er an seinen Vater:

"Vorige Woche hatte ich endlich einen Einberufungsbefehl zur Kraftfahrerschule nach Rudolstadt. Die Freude war kurz, denn nach drei Tagen musste ich mich auf dem Wehrkreiskommando melden, wo er mir wieder abgenommen wurde. Das hat wieder die Waffen-SS gemacht, zu der ich mich freiwillig gemeldet habe. Bin dort vor drei Wochen auch gemustert und angenommen worden."

Die meiste Zeit diente Strittmatter als Schreiber seines zur Partisanenbekämpfung in Slowenien eingesetzten Polizei-Bataillons, das später in das SS-Gebirgsjäger-Regiment Nr. 18 integriert wurde. Was genau er aber bei dieser sogenannten "Befriedungsaktion" oder beim späteren "Wach- und Streifendienst" im Generalgouvernement Krakau oder bei der "Bandenbekämpfung in Griechenland" durchlebte, bleibt im Dunklen.

Ebenso die genaueren Umstände seiner angeblichen Fahnenflucht. In den Wirren des Kriegsendes tauchte er, wie lange ist unklar, bei einer Bauernfamilie in Böhmen unter, was er später in den Verhören der Amerikaner, als Desertion interpretierte.

Als Erwin Strittmatter im Juni 1945 nach Thüringen zurückkehrt, ist er 33 Jahre alt und will endlich seine Passion zum Beruf machen. In einem Brief an die Redaktion der sozialdemokratischen Landeszeitung "Tribüne" in Jena stellt er sich als sozialdemokratischer Autor vor, der bisher gezwungen war, nur für die Schublade zu schreiben. Er schließt mit dem gewichtigen Satz:

"Nun da der Albdruck des Naziregimes von uns genommen wurde, glaube ich meine Zeit für gekommen und biete ihnen meine Mitarbeit an."

Die Erfolge aber stellen sich erst ein, nachdem Strittmatter 1947 in die SED eintritt, er einen Lehrgang für Journalisten in der Kreisparteischule besucht und Hilfsredakteur der "Märkischen Volksstimme" wird.

Jetzt hat er Zeit und Gelegenheit, sich dem berufsmäßigen Schreiben zu widmen, jetzt trifft er in Schriftstellerverband und Verlagen die Förderer, die in ihm das naturwüchsige Erzähltalent erkennen, das unbelastet und flexibel genug ist, um die Anforderungen an die neue und doch steinalte Schreibweise des "sozialistischen Realismus" zu erfüllen.

Der Rest ist DDR-Geschichte. Seine Tätigkeit als Erster Sekretär des Schriftstellerverbandes, die ihm als einsiedlerischen Landmenschen zwar widerstrebt, deren Anforderungen, etwa als Scharfmacher in der Formalismusdebatte, er aber willig erfüllt. Seine Parteitreue in allen prekären Phasen, angefangen mit den Arbeiteraufständen in der DDR und Ungarn, über die Niederschlagung des Prager Frühlings bis hin zur Ausbürgerung des von ihm verachteten Wolf Biermann.

Seine bei Brecht abgeschaute Fähigkeit zur Selbststilisierung mit Maurermütze, Möbelpackerhemd und Latzhose, die ihn auch optisch zur perfekten Verkörperung des schreibenden, nie seine Wurzeln verleugnenden Arbeiters machten. Und schließlich, als die Zeit und auch er dafür reif war, seine Wandlung zum Zweifler am Marxismus und zum den Lehren des Taoismus zuneigenden Weltweisen.

Dieses bekannte Bild versteht Annette Leo mit frischen Farben zu malen, indem sie die Strittmattersche Lebenssaga immer wieder auf ihren realen Urgrund hin überprüft und eine Vielzahl von Zeugen zu Wort kommen lässt, die ihr eigenes Licht auf die Ereignisse werfen. Doch die Frage, ob Strittmatters Romane und Erzählungen über das Ende der DDR und seiner Leserschaft hinaus Bestand haben werden, beantwortet sie nicht. Ich zweifle daran.

Annette Leo: Erwin Strittmatter. Die Biographie
Aufbau-Verlag, Berlin 2012