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Von der Superhelden-Parodie zum Satiremagazin

Vor 60 Jahren erschien die erste Ausgabe des Satiremagazins "MAD" in den USA

Von Hendrik Feindt

Ein Kölner Buchhändler präsentiert eine deutschsprachige Ausgabe das Satiremagazins "MAD" aus dem Jahr 1998.
Ein Kölner Buchhändler präsentiert eine deutschsprachige Ausgabe das Satiremagazins "MAD" aus dem Jahr 1998. (picture alliance / dpa / Roland Scheidemann)

Ob Sport, Politik oder Film und Fernsehen: Dem satirischen Zugriff des "MAD"-Magazins sollte kein Themenspektrum entkommen. Dabei waren die ersten Exemplare des Magazins zunächst nur als Parodie auf Superhelden-Comics gedacht.

"Wha-a-?" staunte der spätere Comic-Zeichner Robert Crumb, als er mit neun Jahren die erste Ausgabe des "MAD Magazine" in die Hand bekam. Es sollte seine Sicht auf die Welt verändern. Kaum einen Autor der amerikanischen, selbst der europäischen Comic-Szene gibt es, der "MAD" nicht zu seinen Vorbildern zählt.

Doch ein Heft nach Hause zu bringen - damals, in den 50er-Jahren -, war, wie Crumb in einer Hommage an den Gründungsherausgeber Harvey Kurtzman erklärt, "unthinkable": undenkbar.

"Well — the comic books were having a hard time, they’re being investigated.”"

Comics hatten einen schweren Stand, erzählt Harvey Kurtzman, sie waren sogar Gegenstand polizeilicher Ermittlungen. Seit 1950 hatte er Soldatengeschichten gezeichnet, die kaum einen Hehl aus der wenig heroischen Wirklichkeit an und hinter den Fronten machten. Als Propaganda, zumal zu Zeiten des Koreakriegs, waren sie untauglich. Doch der New Yorker Verlag mit dem janusköpfigen Namen EC Comics gab dem Zeichner die Chance zu einem zweiten Standbein. Kurtzmann über seinen Arbeitgeber:

"" Wenn sie Eindruck schinden wollten, hieß es ‘Comics mit erzieherischem Auftrag’, ein andermal, wenn die Rücksichten fallen sollten, waren es ‘Comics zur Unterhaltung’: ein richtiges Jekyll und Hyde-Spiel mit den Titeln."

Kurtzman wählte die Form der Parodie. Schon das erste "MAD"-Heft von Anfang Oktober 1952 nahm gleich mehrere Genres der Unterhaltungsliteratur aufs Korn. Im vierten Heft dann brachte ein achtseitiges Pastiche auf die Populär-Ikone "Superman" den Durchbruch. Die Leserschaft wuchs, mit ihr das Spektrum der Themen - ob Sport, Politik oder Kulturindustrie: nichts sollte dem satirischen Zugriff entkommen - bis die Auflage nach zwei Jahrzehnten die Zweimillionengrenze überschritt.

Heute ist das Ganze Unterfangen zwar radikal dezimiert. Aber auf die Frage, ob sich politisch etwas über die sechs Jahrzehnte geändert habe, antwortet Tomas Bunk, der als Autor seit 1990 zum festen Mitarbeiterstab der Zeitschrift gehört:

"Nein, "MAD" versucht immer neutral zu sein, weil gelogen wird ja überall, links und rechts, und die Leute, die dort arbeiten, die hinterfragen mehr die allgemeine Verlogenheit. Und das Hinterfragen, das ist auch das eigentliche Thema von MAD."

Nicht hinterfragt wird jedoch das pubertäre Gehabe, mit dem die Geschichten nicht selten durchsetzt sind. Und das sich, quasi natürlich, auf einer eigens von "MAD" edierten Single lautstarken Ausdruck verschafft.

Viele Namen aus der Geschichte von "MAD", ob Zeichner oder Texter, ob Herausgeber oder Verleger - Männer zumeist - sind mittlerweile vergessen. Harvey Kurtzman hatte das Magazin ohnehin bereits nach gut drei Jahren verlassen.

Ein Name allerdings ist noch heute aktuell: Alfred E. Neumann, das Maskottchen der Zeitschrift, eine imaginären Figur, mit deren kürbisbreit grinsendem Konterfei seit 1955 die Titelblätter geschmückt sind. Legenden über die Herkunft des Bildes gibt es Unmengen: Die Bandbreite reicht von einer Reklame für Erfrischungsgetränke aus dem Ersten Weltkrieg bis hin zur Illustration eines fachwissenschaftlichen Textes über die Folgen von Jodmangel. Kurtzman fand das Bild an der Pinnwand eines Kollegen.

"Das Gesicht hat was von Rücksichtlosigkeit, von bösem Unfug; es stellt den Teufel in uns allen dar, den, der die Regeln brechen will."

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