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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.03.2008

Von der Einsamkeit des Exils

Sherko Fatah: "Das dunkle Schiff", Jung und Jung, Salzburg 2008, 440 Seiten

Reist als blinder Passagier im Frachtraum eines Schiffes. (AP)
Reist als blinder Passagier im Frachtraum eines Schiffes. (AP)

Der dritte Roman des in Berlin geborenen Sherko Fatah beginnt in Saddam Husseins Irak. Seine Hauptfigur wächst dort auf und lässt sich zum Terroristen ausbilden. Später reist er als blinder Passagier auf einem Schiff nach Europa. Zuletzt gelangt er nach Berlin. Doch sein Abstand zur westlichen Welt ist zu groß, als dass er heimisch werden könnte.

Die Schönheit und der Schrecken des Augenblicks liegen dicht beieinander in der Prosa von Sherko Fatah. Sein dritter Roman "Das dunkle Schiff" besticht durch seine präzise Beiläufigkeit und epische Wucht. Die Lebensgeschichte des jungen Kerim, die er erzählt, beginnt in der Zeit Saddam Husseins, als das Militär aus purer Langeweile und zur Einschüchterung der kurdischen Bevölkerung mordete. Kerim soll wie sein alevitischer Vater Koch lernen und das väterliche Gasthaus übernehmen. Nachdem Geheimdienstleute den Vater vor seinen Augen umbringen, wird er von Gotteskriegern der Peshmerga entführt und lässt sich von ihnen zum Terroristen ausbilden. Er lebt bei ihnen in einem Lager in den Bergen, er ist bei einer Grabschändung, bei Hinrichtungen und Attentaten dabei, bis ihm schließlich die Flucht gelingt.

Das titelgebende Mittelstück zeigt Kerim als blinden Passagier, der versucht, im dunklen Frachtraum eines Schiffes nach Europa zu gelangen. Die Überfahrt endet als Robinsonade auf einem einsamen Felsen. Im dritten Teil, verwandelt sich "Das dunkle Schiff" in einen Großstadt-, Liebes- und Exilroman. Kerim kommt nach Berlin, wo er bei einem Onkel wohnt. Doch sein Abstand zur westlichen Welt ist zu groß, als dass er heimisch werden könnte. Die Gewalt, der er entkommen wollte, lässt ihn nicht los. Seine Vorstellungen von Liebe und Zusammenleben passen nicht zu denen einer selbstbewussten Berliner Studentin. Er erlebt die Einsamkeit des Exils und erstmals auch die heimatstiftende Kraft der Religion, die bei den Gotteskriegern einen eher ritualhaften Charakter hatte.

Fatah erzählt diese Geschichte als spannenden Abenteuerroman. Er kommentiert und wertet an keiner Stelle, weil er ganz aufs Erzählen vertraut. Der kurdische Nordirak ist ihm von klein auf vertraut. 1964 wurde er in Ost-Berlin als Sohn eines Kurden und einer Deutschen geboren und wuchs in der DDR auf, bis die Familie Mitte der 70er Jahre in den Westen übersiedelte. In West-Berlin studierte er Philosophie und Kunstgeschichte. Der Irak aber blieb ein ständiger Bezugspunkt. Sein Vater ist dorthin zurückgekehrt. Auch für "Das dunkle Schiff" hat Sherko Fatah das Land bereist und mit Menschen gesprochen, die gegen die Gotteskrieger kämpften. Der Roman liest sich so wirklichkeitsnah, als hätte Fatah selbst am Kampf teilgenommen und den Krieg aus der Nahperspektive miterlebt.

Es ist eine beklemmende, atemraubende Lektüre. Fatah widersteht der Versuchung, die islamistischen Fundamentalisten bloß als ungebildete, bärtige Schreckensgestalten zu zeichnen. Vielmehr versucht er, ihr Denken, ihre Weltsicht, ihre Erfahrungen und ihr Handeln begreifbar zu machen. Der Erzähler ist dabei, wenn der Trupp sich in einer Höhle versteckt, während amerikanische Flugzeuge Bomben abwerfen. Dem "Lehrer" – einer schillernden Gestalt, die Religiöses und Ideologisches überzeugend vorzutragen vermag – ist nicht zu widersprechen, wenn er sagt: "Versteht doch, sie haben uns nichts gelassen außer dem Krieg."

Was Kerim bei den Gotteskriegern erlebt und gesehen hat, wird erst nach und nach enthüllt. Die schrecklichsten Szenen erzählt Fatah im Rückblick, wenn Kerim schon in Berlin lebt. Die Bilder von zerfetzten Körpern lassen ihn nicht los. Fatah geht bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus. Er zeigt die Gewalt und ihre Folgen in drastischer Genauigkeit, ohne dabei aber jemals ins bloß Sensationsheischende abzudriften. Das hat mit der ruhigen Kraft seiner Sprache zu tun und mit der nie nachlassenden Anteilnahme, die er seinen Figuren entgegenbringt. Kerim ist bloß ein Mitläufer, aber doch einer, der bereit ist, an Attentaten teilzunehmen. Er ist Täter und Opfer. Die schlichten Unterscheidungen in gut und böse, in richtig und falsch, in Teilhabe und Distanz, werden von Sherko Fatah geschickt unterlaufen. Ihm geht es um die Verstrickung des Einzelnen und um den Verlust der Entscheidungsfähigkeit. Kerims Geschichte beruht auf Zufällen und nicht auf geplanten Handlungen. Deshalb ist "Das dunkle Schiff" auch kein Roman über islamischen Fundamentalismus, sondern eine Geschichte über die Schwierigkeit des Erwachsenwerdens und die Verführbarkeit des Menschen.

Mit Sherko Fatah kommt ein neuer Ton in die deutsche Literatur. Er erweitert ihr Themenspektrum und ihren Zuständigkeitsbereich. Migration, Exil und das Verhältnis von westlicher und orientalischer Welt rücken aus dem biografischen "Hintergrund" in den literarischen Vordergrund. "Ich versuche Distanz zu schaffen zwischen mir und dieser Herkunft und diese Distanz literarisch fruchtbar zu machen", sagt er. In "Das dunkle Schiff" ist ihm das auf eindrucksvolle Weise gelungen.

Rezensiert von Jörg Magenau

Sherko Fatah: Das dunkle Schiff. Roman.
Jung und Jung, Salzburg 2008, 440 Seiten, 22,- Euro

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