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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.01.2013

Von Blitzen durchleuchtete Texte

Andrzej Stasiuk: "Tagebuch danach geschrieben", Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 175 Seiten

Die Schwarze Madonna von Tschenstochau in einer Kapelle in Jasna Gora in Polen. (picture alliance / dpa / Waldemar Deska)
Die Schwarze Madonna von Tschenstochau in einer Kapelle in Jasna Gora in Polen. (picture alliance / dpa / Waldemar Deska)

Andrzej Stasiuk schildert zentrale Bestandteile der polnischen Identität. So bitter, so zornig und so persönlich hat er sich noch nie geäußert, schreibt über die Massaker Stalins und Hitlers, über Heiligen- und Marienverehrung.

Andrzej Stasiuk ist ein großer Reisender, der liebevoll wie kein anderer Verfall, Elend und Stillstand in Osteuropa beschreibt. Dort findet der wohl bekannteste polnische Schriftsteller, was er zuhause vermisst: ursprüngliches, ungeregeltes, auch ungezügeltes Leben, unberührt vom Konsum, weitgehend jedenfalls. Stasiuk unternimmt im Osten Reisen in der Zeit.

Im neuen "Tagebuch danach geschrieben" fährt er zunächst nach Süden, um sich im abschließenden Buchteil so bitter, so zornig und so persönlich wie noch nie zuvor über sein Vaterland zu äußern. Stasiuk schildert zentrale Bestandteile der polnischen Identität - das Gefühl, Opfer zu sein, die Massaker Stalins, Hitlers und der Kommune, dazu die Heiligen- und Marienverehrung - und stellt der Heimat das Zeugnis geistiger Leere aus.


Andrzej Stasiuk (AP)Andrzej Stasiuk gilt als einer der wichtigsten jüngeren Gegenwartsautoren Polens. (AP)Sie sei ein "zurückgebliebenes Deutschland" mit dem Konsum als einzigem Ideal. In Passagen, die zwischen Essay und Reportage hin- und hergleiten, zwischen Biographie und Geschichtsschreibung, Beobachtung und Analyse, beschreibt Stasiuk die Mentalität des heutigen Polen.

Die Folie für diese 2010 verfasste schonungslose Kritik bilden zwei davor stehende, wenig ältere Texte. Sie schildern voller Faszination Reisen auf den Balkan. Anders als in "Fado" (2006, deutsch 2008) setzt Stasiuk Szenen aus vielen Reisen nach Albanien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Serbien und Kroatien zu größeren Texten zusammen.

Er beschwört in einer bildmächtigen Sprache Naturwahrnehmungen und Begegnungen mit Fremden herauf und wechselt sofort zur nächsten Beobachtung oder Begebenheit. Keine der Reisen wird chronologisch nachvollzogen, zuweilen verbindet die Szenen ein "vor sieben Tagen" oder "wie vor einem Jahr". Kein Mensch wird, wie in Zeitungsreportagen üblich, exemplarisch zitiert.

Kein Anspruch auf Vollständigkeit, sondern einer auf innere Wahrheit charakterisiert die sprunghaften, wie von Blitzen durchleuchteten Texte. In ihnen folgen Faszination und Schrecken aufeinander, denn die Balkanbewohner sind sowohl zugewandt wie größenwahnsinnig, naiv wie brutal, gastfreundlich wie fremden- und judenfeindlich, sie betrügen und schenken, und die Albaner sind so zärtlich mit anderen Männern und so ungerührt gegenüber dem Müllgestank um sie herum, dass sich Stasiuk wie eine Frau vorkommt.

Gefährlich präsent scheinen immer noch die Jugoslawienkriege. Dass niemand sie gewinnen konnte, habe, so Stasiuk, niemand auf dem Balkan gehindert, dem Konsens-Europa mal zu zeigen, was echte l‘art pour l‘art ist. 15 Jahre sind seit den Kriegen erst vergangen - so viele wie damals, 1960, als Stasiuk geboren wurde. Mit solchen biographischen Reminiszenzen tastet sich der Pole an die Abgründe seiner Balkan-Faszination heran. Albanien ist ihm am Liebsten, weil es am Ungezügeltsten, Unzivilisiertesten ist: Dort kommen die Bergbauern in die Städte herab und rauben, was ihnen gefällt. Andrzej Stasiuk ist ein Romantiker, aber nicht nur: Ihn gruselt es auch vor dem zuweilen gewalttätigen Wilden. Weil die Reisetexte beidem Platz geben, entsteht ein ungewöhnlich reiches Bild der vernachlässigten Region. Die Kritik der polnischen Konsumzivilisation fällt sehr viel einsträngiger aus.

Besprochen von Jörg Plath

Andrzej Stasiuk: "Tagebuch danach geschrieben"
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
175 Seiten, 15,50 Euro

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