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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.07.2009

Von Auktionsrekorden und schillernden Figuren

Sarah Thornton: "Sieben Tage in der Kunstwelt", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, 320 Seiten

Sarah Thornton schildert einen Tag auf der Biennale in Venedig. (AP)
Sarah Thornton schildert einen Tag auf der Biennale in Venedig. (AP)

In ihrem Buch "Sieben Tage in der Kunstwelt" taucht die Soziologin, Kunsthistorikerin und Journalistin Sarah Thornton als teilnehmende Beobachterin in die Welt der Gegenwartskunst ein. Sie macht das Milieu mit seinen Auktionsrekorden und schillernden Figuren anschaulich, indem sie sieben Tage des letzten Kunstjahres beschreibt.

Um es gleich zu sagen: Dies ist nicht nur eins der aufschlussreichsten, sondern auch eins der unterhaltsamsten Bücher, die in den letzten Jahren über die faszinierende Welt der Gegenwartskunst geschrieben wurden. Das liegt daran, dass die Soziologin, Kunsthistorikerin und Journalistin Sarah Thornton ihre Studie als ethnologische Exkursion anlegt. Die britische Techno-Szene hat sie schon erforscht, ins Milieu der Werbung ist sie vorgedrungen – auch hier setzt sie den Rahmen äußerst klug: Ein Schöpfungsbericht. Sieben entscheidende Tage des letzten Kunstjahrs hat sie ausgewählt, aus ihrer Beschreibung setzt sie die Welt der Gegenwartskunst zusammen: die große Auktion bei Christie´s in New York, die Vernissage der weltweit wichtigsten Messe in Basel, die Eröffnung der Biennale in Venedig, die Verleihung des Turner-Preises in London, das legendäre Crit-Seminar für Kunststudenten in Los Angeles, die Schlussredaktion der Zeitschrift Artforum, der Atelierbesuch beim japanischen Künstler Takashi Murakami. Es geht Sarah Thornton darum, wie Kunst heute gemacht wird – nicht nur von Künstlern, sondern auch von Galeristen, Sammlern, Kuratoren und Kritikern.

Sie ist dabei, wenn der Chefauktionator sein streng vertrauliches Drehbuch studiert, wenn Murakami sein neues Werk enthüllt, wenn Kritiker um ein Urteil und Sammler auf der Messe um ein Meisterwerk ringen. Ihren Blick beschreibt sie als den "einer streunenden Katze": "Neugierig und offen, aber nicht bedrohlich" – teilnehmende Beobachtung nennen das die Soziologen. Ein gutes Dutzend Bücher hat uns im letzten Jahr erklären wollen, was "gute Gegenwartskunst" ist: Das Werk wurde auf den Sockel gehoben, analysiert, Kriterien wurden entwickelt. Sarah Thorntons Leistung besteht darin, den Blick auf die Gesellschaft zu richten, die sich um den Sockel schart – und dabei geht es keineswegs darum, Kunstkritik als Scharlatanerie zu entlarven oder Gegenwartskunst als Szene-Hype zu diskreditieren. Es geht darum, zu verstehen, welchen Bewertungsprozessen ein Kunstwerk unterliegt: Im Atelier, in der Galerie, auf der Messe, in der Redaktion. Vor 100 oder 500 Jahren waren diese Prozesse andere, aber genau so prägend – und sie wurden genauso gern wie heute als etwas Nachrangiges, die Reinheit der Kunst Befleckendes vernachlässigt.

Nicht so bei Thornton. Und so erfahren wir, dass sich bei Christie´s in New York während der Boomjahre die Werke am schlechtesten verkauften, die nicht in einen Standardaufzug in der Park Avenue passten; dass Galeristen auf der Messe in Basel ihre besten Stücke keineswegs an den Meistbietenden verkaufen; dass die Herstellung eines kindlich lachenden Blumenbildes von Murakami so rigide und eisern organisiert ist wie die Produktion eines Kleinwagens in einem japanischen Konzern. Bei all diesen Schilderungen erweist sich Thornton nicht nur als glänzende Dramaturgin: Jeder einzelne Tag ihres Schöpfungsberichts wird aus Dutzenden von Interviews und Recherchen, aus vielen Reisen und Telefonaten zusammengesetzt – ein Verfahren, das sie im Buch offenlegt. Sie zeigt sich auch als genaue und sensible Beobachterin, wenn es darum geht, den schillernden Figuren des Betriebs Kontur zu verleihen – dem charmanten Sammler, der glamourösen Kritikerin, dem exzentrischen Künstler. Charakterstudien, die nur ein Jahr nach Veröffentlichung des amerikanischen Originals bereits historische sind: Der boomende Kunstmarkt, der diese selbstbewussten Figuren hervorgebracht und getragen hat, ist Geschichte.

Am siebten Tag ruht die Welt der Gegenwartskunst nicht. Sie trifft sich in Venedig zur Eröffnung der Biennale. Thornton begegnet ihrer Prominenz plaudernd am Luxus-Pool des Cipriani-Hotels und staunend im Spiegelkabinett des Künstlers David Altmejd im kanadischen Pavillon. Und wie sie dieses Paradoxon im letzten Kapitel umkreist, wie sie aufgeschlossene Kunstbegeisterung und elitäres Dolce Vita nebeneinander stehen lässt – das sagt vielleicht mehr über die widersprüchliche Welt der zeitgenössischen Kunst als jede noch so brillante Werkanalyse.

Besprochen von Alexandra Mangel

Sarah Thornton: Sieben Tage in der Kunstwelt
Aus dem Englischen von Rita Seuß
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009
320 Seiten, 18,95 Euro

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