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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.03.2012

Von alten Witwern und einsamen Geliebten

Alice Munro: "Was ich dir schon immer sagen wollte", Dörlemann Verlag, Zürich 2012, 384 Seiten

Ihr Name wurde schon für den Nobelpreis gehandet: Alice Munro (picture alliance / dpa)
Ihr Name wurde schon für den Nobelpreis gehandet: Alice Munro (picture alliance / dpa)

Die kanadische Schriftstellerin Alice Munro erzählt Geschichten, die unser Leben bestimmen: Es geht um das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern, ums Altern, um Sex und vor allem um die unüberbrückbaren Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Dass dieses - 1974 im Original erschienene - Buch der kanadischen Schriftstellerin erst jetzt und zum ersten Mal auf Deutsch erscheint, das ist nicht nur Munro-Fans ein Rätsel. Spätestens seit der Fischer Verlag sich des Werks dieser Autorin angenommen hat (Klett-Cotta war es in den 1980er-Jahren nicht gelungen, diese - von bedeutenden Kollegen stets gepriesene - Schriftstellerin bei uns bekannt zu machen), ist ihr Rang nicht nur unbestritten, ihre Bücher verkaufen sich auch gut. Trotzdem waren ihre frühen Bücher bislang nicht übersetzt worden.

Nachdem der kleine, auf literarische Entdeckungen abonnierte Schweizer Dörlemann Verlag im letzten Jahr den ersten Band "Tanz der seligen Geister" veröffentlichte, folgt dort nun "Was ich dir schon immer sagen wollte".

In der titelgebenden Geschichte geht es um eine verwickelte Liebesgeschichte, in deren Zentrum zwei Schwestern stehen. Alice Munro springt mühelos von einer Zeit in die andere. Sie erzählt von der Jugend der beiden Frauen, von der unglücklichen ersten Liebe der einen und dann von deren Vernunft-Ehe, in der der Geliebte von einst Jahrzehnte später plötzlich wieder eine Rolle spielt. Eine Wiederbegegnung, die zum Schrecken wird, an dem die ledige Schwester gehörigen Anteil hat. Später wollte sie ihrem Schwager ihr Tun stets beichten, aber dann stirbt er. Und sie behält die Wahrheit für sich.

Die 13 Erzählungen dieses Bandes, die von Heidi Zerning einmal mehr hervorragend übersetzt wurden, zeigen Alice Munro bereits auf der Höhe ihrer Kunst. Sie beherrscht auf unvergleichliche Weise die Fähigkeit, Geschichten nicht zuletzt durch Auslassungen zu erzählen. Biografien gewinnen nicht in erster Linie durch Handlung an Bedeutung, vielmehr durch Stimmungen, schnell aufflammende Gefühle, mühsame Erkenntnisse und Wendungen. Ihr Ton ist voll lakonischer Empathie. Es geht um die Liebe und das Leiden, um die Stunde der ersten und der letzten Empfindung, um die Rituale zwischen den Geschlechtern und vor allem darum, dass jede Generation "Dinge als endgültig bewertet hatte, die nur zufällig und vorläufig waren".

Ein alter Witwer versteht die Hippie-Generation nicht, wie sehr er sich auch bemüht; eine verlassene Geliebte erinnert sich an die ersten Jahre ihrer Studenten-Ehe; eine Schwester kommt zur Beerdigung ihres Neffen und hat flüchtigen Sex mit ihrem Schwager. Die Themen der Alice Munro sind die, die unser Leben bestimmen: Familie, Kinder, Liebe und Ehe, das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern und Schwestern, es geht ums Alter und um Sex und vor allem und immer wieder um die unüberbrückbaren Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Besprochen von Manuela Reichart

Alice Munro: Was ich dir schon immer sagen wollte. Dreizehn Erzählungen.
Aus dem Englischen von Heidi Zerning
Dörlemann Verlag, Zürich 2012
384 Seite, 23,90 Euro

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