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Profil / Archiv | Beitrag vom 29.11.2010

Vom Skater zum angesagten Grafiker

Der Hamburger Künstler Stefan Marx

Von Dirk Schneider

Marx: Ein Skateboard mit einer tollen Grafik hat mich einst glücklich gemacht.  (Linus Bill)
Marx: Ein Skateboard mit einer tollen Grafik hat mich einst glücklich gemacht. (Linus Bill)

Seine schrägen Figuren haben es auf T-Shirts und Plattencover, aber auch in seriöse Galerien geschafft. Menschen von den USA bis Japan tragen Stefan Marx' Kreationen. Beim Schweizer Ringier Verlag erscheint ein Band über seine Arbeit.

Marx: "Also ich komm einfach so vom Skateboard fahren. Das ist so mein Background, damit habe ich meine ganze Jugend verbracht, und damit bin ich auch grafisch groß geworden."

Stefan Marx steht in seinem Atelier in Hamburg. Die Abendsonne scheint herein und schimmert golden in den Wuschelhaaren des 31-jährigen Künstlers. Um ihn herum ein kreatives Chaos: große Wandbilder, kleine Zeichnungen, Skateboards stapeln sich, daneben Platten, Bücher und T-Shirts – alles von Stefan Marx gestaltet, bedruckt, bekritzelt. Angefangen hat das vor anderthalb Jahrzehnten:

"Ich bin natürlich nicht in der großen Stadt aufgewachsen, sondern ich komme vom Land. Ich komme aus so einem Minidorf in Nordhessen, das heißt Todenhausen. (...) mit so zwei, drei Freunden, später auch mein Bruder, haben wir da so die Mini-Skateboard-Szene gebildet."

Das Skateboard ist eine Erfindung der Großstadt, es entstammt einer Welt des versiegelten Bodens, des glatten Betons – das absolute Gegenteil zum Dorf mit seinen Äckern und Feldwegen, wo die Trecker selbst auf der Hauptstraße noch die Erdscholle verteilen. Aber auf dem Skateboard wurde für Stefan Marx und seine Freunde das Dorf zur Stadt. Alle paar Wochen haben sie einen Tagesausflug nach Kassel gemacht, in den nächsten Skateshop.

"Das hat mich total glücklich gemacht, ein tolles Skateboard zu besitzen, das irgendwie eine Grafik hat, die mich persönlich angesprochen hat, mit der ich irgendetwas verbunden habe. (...) Das Gleiche ist tatsächlich auch das T-Shirt, also gedruckte T-Shirts... das beschäftigt mich auch schon, seit ich 15 bin."

Für den jungen Stefan sind Skateboards und T-Shirts die Ausdrucksmittel schlechthin. Nur leider viel zu teuer. Da kommt ihm die Do-It-Yourself-Devise des Punk wie gerufen. Auf sein erstes T-Shirt malt er eine Blume. Darunter das englische Wort "Livin'", mit Apostroph hinten.

" (Lacht) "Total bescheuert, eigentlich! Also ehrlich gesagt so ein bisschen Teenage Romantics. (...) Aber dann haben auch meine Freunde gefragt: Was machst du da, Stefan, machst du mir auch eins? Ja, okay, ich mach dir eins." "

Stefan Marx' T-Shirt-Label war geboren, die "Lousy Livin' Company". Mit einem Startkapital von 500 Mark, geborgt von der großen Schwester.

"Den Gedanken, eben als 17-Jähriger eine "Company" zu haben, fand ich natürlich total attraktiv."

Heute tragen Menschen von den USA bis Japan Stefan Marx' T-Shirt-Motive. Die Zeichnungen wirken immer noch wie von einem jugendlichen Landei entworfen: holprige Linien, einfache Blockschrift, naive Motive. Er selbst trägt gerade eines seiner Shirts: Darauf das Porträt einer dicken, wuschelhaarigen Biene, die freundlich-verwundert schaut. Oder die Figuren, die Marx für das Hamburger Skaterlabel Cleptomanicx entworfen hat: Die Zitrone auf zwei Beinen mit Baseballkappe – ein Bestseller. Genau wie ihr Kumpel, ein Toastbrot mit Gesicht.

"Ich lache auch extrem gerne über meine Arbeit, oder manche Arbeiten, da sage ich auch: Kuck mal, diese schrottige Zeichnung, sieht eigentlich total super aus!"

Und Stefan Marx große braune Augen lachen hinter der Hornbrille von Yves Saint Laurent.

"Ich möchte nur ungerne 'Zeitgeist' sagen, aber manchmal frage ich mich, warum gerade jetzt so viele Leute so eine Sache so gut finden, und andere Sachen, die ich gut finde, nicht gut finden, also so, was nicht richtig gut funktioniert."

Stefan Marx muss sich nicht als Künstler verkaufen, das tun andere für ihn. Er wird mit seinen Originalen von einer namhaften Hamburger Galerie vertreten, und er hat schon mit Daniel Richter und Jonathan Meese ausgestellt. Dabei hat Stefan Marx das Zeichnen nie gelernt. Nach Hamburg gegangen ist er, um Kritische Kulturphilosophie und Typografie zu studieren.

In der Hansestadt arbeitet Marx nicht nur für das Skaterlabel Cleptomanicx, er gestaltet auch das Artwork für das kleine Elektronik-Plattenlabel Smallville. Die Booklets der CDs und Platten sind kleine Broschüren mit seinen Arbeiten.

Auf dem Skateboard steht Marx heute nicht mehr so oft. Er ist längst angekommen, in der Großstadt, in der Welt:

"Also ich hab meine Arbeit schon an verschiedenen Orten gezeigt, also Tokio, Sydney, LA, Paris, London, keine Ahnung ..."

Doch mit dem Abstand wächst auch die Sehnsucht nach dem kleinen Dorf in Nordhessen.

"Ich habe doch auch irgendwo dieses Heft hingelegt, ich habe nämlich auch eine Fotoarbeit gemacht über Todenhausen."

Stefan Marx' Eltern, sein Vater ist Schlosser, seine Mutter Hausfrau, bewirtschaften dort noch nebenbei einen kleinen Bauernhof.

"Hier ist mein Vater, der gerade einen Wagen mit meinem Bruder zusammen in die Scheune schiebt, und das ist die Dorfkirche. Der Glockenturm. (...) und das ist mein Lieblingsbaum, eine Kastanie auf dem Feld. (...) Der Friede, der dort herrscht, den finde ich immer wieder total entzückend, eigentlich, und das habe ich früher gar nicht so wahrgenommen, eigentlich, wenn man dort so gelebt hat."

Service:
Das Buch "I Guess I Shouldn't Be Telling You" von Stefan Marx ist in der Reihe Christoph Keller Editions im Verlag JRP Ringier erschienen. Es hat 96 Seiten und 85 Schwarz-Weiß-Abbildungen und kostet 29 Euro.

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