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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.11.2012

Vom Mond auf die Erde gefallen

Andrej Bitow: "Der Symmetrielehrer", Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 335 Seiten

Ein sonderbarer Mann behauptet in diesem Roman, vom Mond auf die Erde gefallen zu sein, weshalb er für schwachsinnig gehalten wird.
Ein sonderbarer Mann behauptet in diesem Roman, vom Mond auf die Erde gefallen zu sein, weshalb er für schwachsinnig gehalten wird. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Das Buch gibt vor, die Übersetzung eines Romans aus einer fremden Sprache zu sein, welche allerdings nur aus dem Gedächtnis vollzogen wurde. Und auch in dem übersetzten Roman wird aus wieder anderen Werken zitiert. So mäandert der Leser durch eine skurril anmutende Ansammlung von Szenen mit oft sehr seltsamen Figuren. Das alles hat eine Bannkraft, die nicht auf Anhieb zu erklären ist.

Es ist dies vielleicht die erste Schikane dieses Textes, der da irgendwie suggeriert, er habe mit Symmetrie zu tun. Da denkt man an Geometrie und Regelmaß, an so eine spiegelbildliche Langeweile, die sich anfühlt wie ein akkurat gefertigtes Ornament, eine gefällige Schnitzerei, die ein - natürlich symmetrisches - Lächeln der Zufriedenheit erzeugt.

Bei Andrej Bitow übersetzt sich der Begriff der Symmetrie allerdings ganz anders, und das mit dem Übersetzen ist zunächst ganz wörtlich gemeint. "Der Symmetrielehrer" tarnt sich gleichsam als die Übersetzung eines Romans von einem gewissen A. Tired-Boffin, "The Teacher of Symmetry", den wiederum Andrej Bitow "aus dem Ausländischen" übersetzt haben will.

Das Übersetzen allerdings geschah ohne Vorlage, aus dem Gedächtnis, denn das fragliche Buch war nicht mehr aufzutreiben, nicht einmal eine Spur von ihm war zu finden, zudem habe die Lektüre lang zurückgelegen, alle Versuche, des Buches wieder habhaft zu werden, seien gescheitert. In aller Scheinheiligkeit ruft der "Übersetzer" Bitow dennoch in seinem Vorwort aus: "Schließlich hatte nicht ich das alles erdacht!"

Das Textgeschehen wird nicht übersichtlicher durch den Umstand, dass in den "übersetzten" Textkapiteln zitiert wird aus Romanen eines dubiosen englischen Schriftstellers polnisch-italienischer Abstammung, der sich auffallend oft mit Russland beschäftigt, womöglich nicht ganz bei Verstand ist und als Fahrstuhlführer sein Dasein fristet. Hierzu gesellen sich Kommentare - als Fußnoten - des "Übersetzers" Bitow, die ergänzt werden durch Fußnoten der - nun wirklichen - Übersetzerin Rosemarie Tietze.

Kann so etwas eine durchgehende Romanhandlung ergeben? Natürlich nicht, nicht in diesem "traditionellen", Geschichten erzählenden Sinn. Wobei es nicht so ist, dass Geschichten – etwa von der Liebe – nicht vorkämen oder die von jenem sonderbaren Mann, der allen Ernstes behauptete, er sei vom Mond auf die Erde gefallen, und deshalb natürlich für etwas schwachsinnig gehalten wird. Dessen Todesumstände dann freilich so rätselhaft sind, dass man beinahe glauben könnte, der Mann könnte vielleicht doch die Wahrheit gesagt haben über seine Mond-Herkunft. Auch finden sich wiederkehrende Motive oder Gedanken wie die Frage, ob das Zeichen O nun eher Buchstabe oder Zahl sei, das Periodensystem der Elemente, Betrachtungen, was eigentlich ein literarisches Sujet ausmacht.

Bitows Erzählen ist gespickt mit literarischen Zitaten und Verweisen, es kann wechseln zwischen einem analytisch-essayistischen Ton und einem enorm trockenen scharfen Witz. Die einzelnen Teile dieses sogenannten "Echoromans" sind früher bereits als novelleske Texte veröffentlicht worden, wie eine editorische Notiz am Ende verrät. Bitow hat das nun zusammengeführt, für die deutsche Fassung nochmals bearbeitet, und es liest sich, wie man vielleicht ein Gemälde wie "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch betrachtet: eine skurril anmutende Ansammlung von Szenen, belebt von oft sehr seltsamen Figuren, dabei von einer Bannkraft, die nicht auf Anhieb zu erklären ist.

Von Gregor Ziolkowski

Andrej Bitow: Der Symmetrielehrer
Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
335 Seiten, 26,95 Euro