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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.04.2008

Vom Glücken der Liebe

Iris Hanika: "Treffen sich zwei", Droschl Verlag. Wien, Graz 2008, 283 Seiten

"Senta" und "Thomas" - die Protagonisten des Romans treffen sich in Berlin. (Stock.XCHNG Michelle Seixas)
"Senta" und "Thomas" - die Protagonisten des Romans treffen sich in Berlin. (Stock.XCHNG Michelle Seixas)

Oft lebt die Literatur davon, dass Liebesgeschichten unglücklich verlaufen oder abbrechen, bevor sich das Liebespaar dem Alltag stellen muss. Iris Hanika erzählt eine Geschichte von Leidenschaft und Liebesleid - aber auch vom Glücken der Liebe.

Treffen sich zwei - so beginnen Witze, die ohne Umschweife zur Sache kommen. Zwei müssen es sein, denn sonst gäbe es keinen Grund, etwas zu erzählen. "Treffen sich zwei" ist der Titel des Romans der Autorin Iris Hanika. Komik und Kurzweil bietet er, dabei geht es um Liebe. Um das Sexualverhalten einer Großstadtneurotikerin, die Unverträglichkeit von Temperamenten. Um verlorene Träume und ewige Hoffnungen, alltägliche Wunder und Katastrophen - eine Art "Berlin Berlin" für Mittvierziger.

Das ist viel. Aber Iris Hanika ist Spezialistin für dergleichen. Bereits in ihren vorhergehenden Texten - eleganten Grenzgängern zwischen den Gattungen Erzählung, Glosse und Kurzprosa - hat sie bewiesen, dass sie sich auskennt in Gesellschaftstheorie und Seelenkunde, Literatur und Leidenschaften. Die Autorin beherrscht die Kunst trefflicher Formulierungen auf der breiten Palette vom Pathos über Sarkasmus bis zur Selbstironie. Stets reflektierend, zugleich übermütig verspielt, beschreibt sie Abgründe des heutigen Geschlechterkampfes und fördert dabei viele funkelnde wie auch fleckige Wahrheiten vor allem weiblicher Psyche zu tage.

In ihrem ersten Roman erweist sie sich erneut als kluge Beobachterin, die innere Befindlichkeiten angemessen in Worte kleidet und die Sprache ihrer Hauptfiguren so konstruiert, dass sich deren Gefühlswelt unterhaltsam in aller Pracht oder Dürftigkeit offenbart. Man liest von - auch erotischen - Verwicklungen ihrer beiden Hauptfiguren und möchte sich sofort einmischen.

Senta und Thomas heißen die zwei, die sich treffen. Im heißen August in Berlin. "Ein großes Innehalten ist der Sommer im August, eine Tür ins Paradies", so lyrisch verheißungsvoll klingt es im ersten Absatz. Abends in einer Kreuzberger Bar stehen sie plötzlich voreinander. Thomas ist hingerissen, Senta überwältigt. "Also war es jetzt soweit. Die Liebe sollte beginnen." Dabei hat sie schon längst begonnen. Man kann nur noch hinterher oder davon laufen.

In Hanikas Roman geht es um gewaltige Fliehkräfte. Gesetze von Anziehung und Abstoßung, die große Lust, den Zwang zum Unglücklichsein. Senta, abgebrochene Studentin der Geisteswissenschaft, und Thomas, Systemberater, verbringen eine erste verheißungsvolle Nacht miteinander. Doch können sie ihr Glück kaum begreifen. Weil alles so schön und wunderbar und passend ist, darf es nicht wahr sein. Das ist der Witz. Senta, deren Lebens- und Liebeskonzept auf dem Grundbedürfnis zum Leiden basiert, schafft es auch diesmal, den Traummann mit den grünen Augen zu verprellen. Nun kann sie wieder heulen wie ehedem, eine bittere Pointe.

Iris Hanika beschreibt den Verlauf der Liebesgeschichte aus den wechselnden Perspektiven ihrer beiden Protagonisten, garniert sie mit inhaltlichen und formalen Zitaten aus Literatur und Musik (von Kleist bis Bob Dylan) und bleibt so als kommentierende und konstruierende Autorin immer präsent. Die Zärtlichkeit, mit der menschliche Schwächen beschrieben sind, die Direktheit, mit der die Autorin Worte beim Schopf packt, das raffinierte Spiel mit den Emotionen ihrer Protagonisten, die Übertragung erotischer Bewegungen auf die Form des Romans, machen dieses Buch zu einer der schönsten Liebesgeschichten der letzten Jahre. Wenn sich für die Figuren am Ende harte Beziehungsarbeit andeutet, so ist doch der Leser beglückt. Da hat er zwei getroffen, bei denen es klappt. Kein Witz.

Rezensiert von Carsten Hueck

Iris Hanika: Treffen sich zwei
Droschl Verlag, Wien, Graz 2008
283 Seiten, 19,00 Euro

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