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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.10.2008

Vom Gang-Mitglied zum Streetworker

Fadi Saad hat in "Der große Bruder von Neukölln" sein Leben aufgeschrieben

Von Dorothea Jung

Schüler der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln auf einem Archivbild von 2006. (AP)
Schüler der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln auf einem Archivbild von 2006. (AP)

Der 29-jährige Fadi Saad hat früher mit seiner Gang "Araber-Boys 21" die Straßen in Berlin-Neukölln unsicher gemacht. Dann wanderte er in den Knast und änderte sein Leben. Mittlerweile arbeitet Saad als Sozialarbeiter in seinem Heimatbezirk und hat das Buch "Der große Bruder von Neukölln" geschrieben.

Das Gemeinschaftshaus in der Neuköllner Morusstraße ist brechend voll. Der halbe Kiez ist in den Veranstaltungssaal geströmt: Lehrer und Sozialarbeiter aus dem Quartier; Polizisten, die hier im Viertel Streife gehen; Nachbarn, die den Ort sonst als Treffpunkt nutzen. Man sieht Eltern mit Kindern, Jugendliche, Senioren. Und man hört sie Berlinern, manchmal mit arabischem oder türkischem Akzent. Viele kennen sich, und viele begrüßen Fadi Saad mit einer Umarmung. Was der kräftige junge Mann mit einer Mischung aus Rührung und Gefasstheit über sich ergehen lässt.

Zur Ehre des Tages spielt Fadi Saads Onkel auf der Ney-Flöte und seine Mutter hat ihren schönsten Hidschab angelegt, der ist aus schwarzer Seide und am Saum bestickt mit kleinen Glitzer-Perlen und Pailletten.

Zur Buchpremiere hat der Herder-Verlag die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung eingeladen. Für Maria Böhmer ist der Mann, der es vom Mitglied einer Streetgang zum Streetworker geschafft hat, ein ermutigendes Vorbild.

Fadi Saad fragt am Ende seines Buches: "Was hat mir den Kick gegeben, mich zu ändern?" Und seine erste Antwort lautet: "Aus eigenen Fehlern lernen." Und eine zweite Antwort lautet: "Man sollte nie sagen, es ist jetzt zu Ende, sondern noch einmal einen Anlauf starten, denn dazu bietet das Leben einfach viel zu viel."

Trotz dieses Lobes bleibt Fadi Saad mit beiden Beinen auf dem Boden und gesteht, dass ihn die Idee des Verlages, ein Buch über seine Lebensgeschichte zu schreiben, zunächst befremdet hat.

Fadi Saad: " Dann bin ich zu meiner Frau gekommen und sag:" Eh, Schatz! Heute rief mich einer aus dem Verlag an und schlug mir vor, 'nen Buch zu schreiben, was hältst du davon?" Da sagt sie zu mir: "Du hast doch bis jetzt noch nicht mal richtig 'nen Buch zu Ende gelesen!" "

Fadi Saad wurde im Berliner Wedding als Kind palästinensischer Flüchtlinge geboren. In seinem Elternhaus stand kein einziges Buch. Und an einen eigenen Schreibtisch für ihn und seine sieben Geschwister in der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung seiner Eltern war nicht zu denken. Dass er etwas entbehrt, sei ihm sehr subtil bewusst gewesen. Denn ob in der Schule oder bei Arzt- und Behördenbesuchen, oft habe er sich fremd gefühlt. Und vor allen Dingen fehl am Platz, gesteht der 29-Jährige.

Fadi Saad: " Also wenn ich hier geboren und hier aufgewachsen bin und jetzt - lass mich mal auch den Unsinn gemacht haben und Schuld sein - und man hört die Sprüche: "Geh wieder da hin, wo du hergekommen bist!" Eh! Dann hab ich meistens auch frech zurückgefragt: "Wohin, in den Wedding?""

In seiner Jugend sei er voller Hass gewesen. Später, nach seinen Jahren in der Straßengang, nach Strafanzeigen und Jugendknast konnte er sich aber auf die Liebe in seinem arabischen Elternhaus besinnen. Eine Ressource für meine Arbeit, sagt Fadi Saad.

" Was die Jugendlichen interessiert, ist das Thema Respekt. Und dann frag ich sie: "Wer muss mehr Respekt haben: Ich vor euch oder ihr vor mir?" Und dann gucken sie und sagen: "Na, ja, wir vor Ihnen, Herr Saad. Sie sind ja der Ältere." Ich sag: "Nein! Ihr müsst vor mir genauso viel Respekt haben wie ich vor euch! Ich bin nicht besser als irgendein anderer." "

Heute bezeichnet sich Fadi Saad sich als Deurabier, also als eine Mischung aus deutscher und arabischer Identität. Dass die Kompetenz, mit zwei Kulturen zurechtzukommen, eine Chance ist, versucht er auch, in seiner Arbeit den Migrantenkindern zu vermitteln. Fadi Saad sei wirklich der "Große Bruder von Neukölln" geworden, lobt ihn die türkisch-stämmige Rechtsanwältin Seyran Ates.

Seyran Ates: " Dass Fadi es geschafft hat, trotz seiner Laufbahn - in Anführungsstrichelchen - mit seinen Ausrutschern, jetzt die Position zu erlangen, dass er als 'Großer Bruder' Anerkennung findet, Vertrauen findet bei den Jugendlichen, die in einer ähnlichen Situation sind, das ist eine riesengroße Leistung, und das ist auch das ganz Besondere an diesem Buch."

Da das Buch erst an diesem Nachmittag auf den Markt gekommen ist, haben es nur wenige unter den Zuhörern bereits gelesen. Aber das Motto, das Fadi Saad seinem Buch vorangestellt hat, haben alle sofort wahrgenommen. Es lautet: Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdiene, denn dann brauche ich es am dringendsten.

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