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Religionen / Archiv | Beitrag vom 27.08.2011

Vom Elitesoldaten zum Menschenrechtsaktivisten

Warum der fromme Jude Yehuda Shaul nicht von Hebron loskommt

Von Bettina v. Clausewitz

Israelische Soldaten patrouillieren durch Hebron. (AP Archiv)
Israelische Soldaten patrouillieren durch Hebron. (AP Archiv)

Junge Armeeveteranen der israelischen Menschenrechtsorganisation "Breaking the Silence" haben auf einer DVD festgehalten, wie der militärische Alltag junger Israelis aussieht. Einige von ihnen, wie zum Beispiel Yehuda, sind mittlerweile zu Friedensaktivisten geworden.

"Die militärische Logik sagt: Wenn die Palästinenser das Gefühl haben, das Militär ist jederzeit überall, dann greifen sie nicht an. Also mach, dass sie deine Gegenwart spüren: Donner an ihre Tür mitten in der Nacht! weck die Leute auf! Männer auf die eine Seite, Frauen auf die andere! durchsuch das ganze Haus! und dann ab ins nächste Haus! Mach viel Krach, schieß’ herum, schüchter’ sie ein! 24 Stunden, sieben Tage die Woche – seit dem Jahr 2000 bis heute hat das nicht eine Sekunde aufgehört."

Wenn Yehuda Shaul von seiner Militärzeit in Hebron erzählt, ergreift auch der Befehlston wieder Besitz von ihm, dem ehemaligen Sergeant einer Elitetruppe mit 120 Leuten unter sich. Er spricht in kurzen, herrischen Sätzen – nur manchmal unterbrochen von langen Pausen, die ihn in seine eigenen inneren Abgründe zu ziehen scheinen.

Dann blickt der große, massige Mann mit dem dunklen Vollbart und der Kippah auf dem Kopf verloren vor sich hin – und niemand unterbricht das Schweigen. Bis er selbst weiter erzählt. Wie er 2002 mitten in den blutigen Auseinandersetzungen der zweiten Intifada nach Hebron geschickt wird, als 19-Jähriger. Dort drüben vom Dach einer konfiszierten Schule hat er in die Wohnhäuser auf den Hügeln gegenüber gefeuert:

"Du hältst den Auslöser so fest, wie du kannst, und betest anfangs, dass möglichst wenige Granaten losgehen, denn wenn du ihn ziehst, dann können 88 Granaten pro Minute abgefeuert werden – und du hoffst, du verletzt niemanden. In der ersten Nacht bist du angespannt, in der nächsten schon weniger und nach einer Woche findest du es den spannendsten Moment des Tages, nachdem du dort 24 Stunden warst ohne raus zu kommen – jeden Abend kannst du spielen, es ist wie ein Videospiel."

Militäralltag - diese Szenen haben junge Armeeveteranen der israelischen Menschenrechtsorganisation "Breaking the Silence" auf einer DVD festgehalten. Seit der Besetzung des Westjordanlandes 1967 sind rund 800 ultraorthodoxe Juden ins Zentrum von Hebron gezogen, einer arabischen Stadt mit 180.000 Einwohnern. Und genau das facht den Konflikt immer wieder an. Die militanten Siedler greifen ihre Nachbarn an und können sich nur mit Hilfe der Armee halten. Es ist eine Atmosphäre aus Angst, Hass und Repression, die die einst quirlige City zur Geisterstadt gemacht hat, mit versiegelten Wohnhäusern, verrostenden Scharnieren an den Basartüren und herab hängenden Kabeln. Seit dem Jahr 2000 wurden etwa 1.800 Geschäfte geschlossen, viele palästinensische Familien sind geflohen. Aber auch Israelis wurden getötet.

"Ich habe keinen Zweifel daran, dass das, was heute hier in Hebron geschieht, eine Schande für meine Flagge und für meinen Gott ist."

sagt Yehuda Shaul, während im Hintergrund laute Propagandamusik über den Platz schallt. "Hebron gehört den Juden, es ist die heilige Stadt, die dem heiligen Volk gegeben ist" dröhnt es aus den Lautsprechern vor dem Aufgang zur Grabstätte, in der Erzvater Abraham und seine Nachkommen liegen sollen. Ein Heiliger Ort für Juden und Muslime gleichermaßen, ähnlich wie Jerusalem. Davon ist auch Yehuda Shaul überzeugt, orthodoxer Jude und Zionist, der nur kosher isst, und samstags den Shabbat hält ohne Telefon oder Mails zu beantworten – ganz in der Tradition der Familie. Aber die Menschenrechtsverletzungen, die er als Soldat in Hebron erlebt hat – auch, um die illegalen jüdischen Siedler zu schützen – haben ihn zum Friedensaktivisten gemacht.

"Ich habe zwei Persönlichkeiten in mir: einerseits bin ich orthodoxer Jude und andererseits lebe ich im Jahr 2011 in einer modernen, säkularen Demokratie. Diese beiden Wertesysteme kollidieren und ich muss sie versöhnen. Das gelingt hier in Hebron. Denn mein Kampf dagegen, wie Hebron heute aussieht, richtet sich nicht nur dagegen, wie mein Land sich hier verhält, sondern auch wie meine Religion sich verhält."

Und so kommen Yehuda Shaul und seine Kollegen immer wieder als alternative Touristenführer mit in- und ausländischen Gruppen in die fast menschenleere Altstadt. Die ehemalige Geschäftsstraße Shuhada Street ist heute eine "Sterile Straße" - nur für Siedler und Soldaten. Die wenigen Palästinenserfamilien, die hier noch wohnen, müssen ihre versiegelten Häuser über Leitern von hinten übers Dach betreten. Nach vorne haben sie alle Fenster und Balkone vergittert, um die Steinwürfe der Siedler abzuwehren. Auch Yehuda Shaul ist schon angegriffen worden. Im palästinensischen Teil der Altstadt dagegen hat er mittlerweile Freunde, obwohl er als Israeli nicht dorthin darf – nur Ausländer dürfen an den Soldaten vorbei durch das Drehkreuz am Checkpoint.

"Dies hier war der Goldmarkt von Hebron, einer der schönsten Märkte, aber dann hat die Armee die Geschäfte geschlossen und die Siedler haben das Dachgeschoss besetzt und nutzen es jetzt als Kindergarten. Das ist illegal auch nach israelischem Recht, aber niemand kümmert sich darum."

Der Palästinenser Issar Amar arbeitet mit Yehuda Shaul Hand in Hand. Der 31-jährige Ingenieur hat gewaltfreie Jugendprojekte in Hebron gegründet und Videokameras installiert, um Übergriffe zu dokumentieren, die auch von der UNO und der israelischen Regierung kritisiert wurden.

Eine schwierige Freundschaft, denn es hat viel Blutvergießen auf beiden Seiten gegeben: 1929 etwa wurden bei einem Massaker in Hebron 67 Juden getötet, der Rest der Gemeinde flüchtete nach Jerusalem - erst seit 1968 gibt es wieder eine jüdische Präsenz. 1994 dann ermordete der extremistische Siedler Baruch Goldstein 29 betende Muslime in der Abraham-Moschee.
Dennoch kann Issar Amar sich jüdische Nachbarn vorstellen - sofern sie einen palästinensischen Staat respektieren. Die Religion, meint er, hat eigentlich mehr Verbindendes als Trennendes:

"Wenn wir unseren eigenen Staat haben und sie ihren, dann können wir endlich ohne all diese Fanatiker zusammen leben. Jetzt gibt die Besetzung der Gewalt und den Fanatikern auf beiden Seiten immer neue Nahrung."

Dieser Satz könnte auch von Yehuda Shaul stammen. "Es geht nicht darum, pro oder contra Israel oder Palästina zu sein", sagt er auf der Fahrt zurück nach Jerusalem. "Es geht um pro oder contra Gewalt." Ein Abschied von den alten Denkmustern.

"Für die meisten von uns, die ihr Schweigen gebrochen haben, hat das mit einer moralischen Verspflichtung zu tun. Wir kennen die Wahrheit, deshalb müssen wir auch darüber sprechen."


Weitere Infos im Web:

Homepage des Films "Breaking the silence"

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