Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 30.04.2012

"Vom Chamäleon können wir wirklich gut lernen"

Autorinnen über ihr Buch "Das Chamäleon-Prinzip - Überleben in der modernen Arbeitswelt"

Nina Brodbeck und Katrin Thorun-Brennan im Gespräch mit Ute Welty

Das Chamäleon ist bestens geeignet, die Arbeitswelt im 21. Jahrhundert zu erklären, finden Nina Brodbeck und Katrin Thorun-Brennan.  (PLoS/A.  Moussalli, D. Stuart-Fox)
Das Chamäleon ist bestens geeignet, die Arbeitswelt im 21. Jahrhundert zu erklären, finden Nina Brodbeck und Katrin Thorun-Brennan. (PLoS/A. Moussalli, D. Stuart-Fox)

Lieber arbeiten wie ein Chamäleon als wie ein Hamster im Hamsterrad zu schuften, sagen Nina Brodbeck und Katrin Thorun-Brennan, Autorinnen des Buches "Das Chamäleon-Prinzip". Wichtig sei, entspannt aber konzentriert zu agieren und wenn es darauf ankomme, blitzschnell in Aktion zu gehen.

Ute Welty: Schuppig, glupschäugig und irgendwie aus der Zeit gefallen: Das Chamäleon entspricht nicht gerade dem Schönheitsideal des 21 Jahrhunderts, und trotzdem ist das Chamäleon bestens geeignet, im Vorfeld des Tages der Arbeit die Arbeitswelt im 21. Jahrhundert zu erklären, finden jedenfalls die Autorinnen Nina Brodbeck und Katrin Thorun-Brennan. Und deshalb heißt ihr aktuelles Buch auch "Das Chamäleon-Prinzip". Guten Morgen hier im Deutschlandradio Kultur!

Nina Brodbeck / Katrin Thorun-Brennan: Guten Morgen!

Welty: Warum ausgerechnet das Chamäleon? Das klingt danach, als ob Sie ein traumatisches Zoo-Erlebnis der Kindheit bearbeiten müssten!

Thorun-Brennan: Nein, nein, ganz im Gegenteil, das Chamäleon ist ein fantastisches Tier mit wirklich ausgezeichneten Eigentum. Das hat zum Beispiel einen Rundumblick, das heißt, 360 Grad kann sich das Chamäleon bewegen mit dem Kopf und dabei den Überblick behalten. Das ist ein toller Kommunikator, es kann nämlich die Farbe wechseln und kommuniziert über den Wechsel der Farbe.

Brodbeck: Und es ist vor allem eben ein wunderbares Bild, um zu sagen, wie kann ich mit diesen Bedingungen zurechtkommen.

Welty: Die herausragendste Eigenschaft des Chamäleons ist ja vielleicht die blitzschnelle Zunge. Da braucht es ja dann ein bisschen Transferleistung, um die in die Arbeitswelt zu übertragen. Denn das ist ja vielleicht bei den Kollegen oder auch beim Chef nicht besonders opportun, die Zunge rauszustrecken!

Thorun-Brennan: Also, vom Chamäleon können wir wirklich gut lernen oder uns was abgucken, wenn es darum geht, Zeit einzuteilen. Ein Chamäleon, wenn Sie das beobachten, sitzt in der Regel ganz entspannt, aber irgendwie auch konzentriert auf seinem Platz und beobachtet, geht im Schaukelgang und kann dann aber auch wirklich blitzschnell die Zunge rausstrecken, wenn es darum geht, Beute zu fassen. Wenn wir uns angucken manchmal, oder viele betrifft es von uns in der modernen Arbeitswelt, sind wir eher wie so die Hamster in einem Hamsterrad. Also, es geht darum, sich beim Chamäleon so abzugucken, in Ruhe zu arbeiten, eins nach dem anderen, und dann in die blitzschnellen Aktionen zu gehen.

Welty: Sie arbeiten beide freiberuflich als Journalistin, als Psychologin. Wie kriegen Sie diese Balance hin zwischen Ruhe und Arbeit und dann im richtigen Moment richtig zu reagieren, Frau Brodbeck?

Brodbeck: Bei mir ist es ganz oft als freie Journalistin das Thema, also digitale Arbeitswelt, Mails gehen raus irgendwo in den Äther, wo auch immer, es ist kein Bezug mehr zu meinem Gegenüber. Und da wirklich drauf zu achten, zum Beispiel die Zangenfüße einsetzen, dann aber wieder greifbar zu machen auch im Umgang mit anderen, also, darauf zu bestehen, Verbindlichkeiten zu schaffen, Regelmäßigkeiten, Rituale einzuführen, so was.

Welty: Sie haben sehr viele Beispiele gesammelt, stellen auch Einzelschicksale dar. Haben Sie die gesucht, um das Chamäleon-Prinzip zu illustrieren oder hat sich das Chamäleon-Prinzip aus diesen Beispielen heraus ergeben?

Thorun-Brennan: Es hat sich eigentlich gegenseitig befruchtet, sage ich mal so. Eigentlich sind wir beide sehr neugierig gewesen, haben gesagt, wir wollen uns mal angucken, was sind die Herausforderungen? Wir kennen sie selbst, aber dann haben wir gesucht, was sind denn, kennen wir Leute, begegnen uns Leute, die interessante Geschichten zu erzählen haben? Und die haben wir eingewoben und haben natürlich dann auch unser Wissen, unser Hintergrundwissen mit eingebracht. Und daraus hat sich erst mal das Chamäleon-Prinzip entwickelt. Also, das stand am Anfang nicht fest, sondern hat sich mit uns entwickelt.

Welty: Hätte auch ein anderes Tier sein können?

Thorun-Brennan: Ich weiß es nicht. Also, es gibt, glaube ich, kein Tier, was das wirklich so toll repräsentiert. Es wandelt sich von innen, was für uns steht für lebenslanges Lernen im gesamten Lebensverlauf, und dann eben auch von innen.

Welty: Das Leben, der Beruf, aber Sie streifen auch das Private, den Zustand der Beziehung, die Frage Kind oder Karriere, oder Kind und Karriere. Ist das dann nicht genau der Punkt, wo es so kompliziert wird für viele, weil der Job eben alles überlagert?

Thorun-Brennan: Also, kompliziert ist es auf jeden Fall, jeder, der mitten in der Arbeitswelt steht, weiß das. Und es ist eine besondere Fähigkeit und Herausforderung, in dieser Zeit wirklich das genau unter den Hut zu bringen. Eine Familie muss sich absprechen, muss gut miteinander planen. Wie hört sich das denn an, in der Liebesbeziehung planen gehört mit dazu, kommunikative Kompetenzen sind im Job und in der Familie einfach unglaublich wichtig.

Brodbeck: Wir müssen uns einfach bewusst sein, das zieht sich einfach durch und wir mussten immer wieder neu schauen, ist was noch stimmig, wirklich kommunizieren. Das Chamäleon zum Beispiel, das ist ja nicht nur so, das tarnt sich, nimmt die Farbe an, sondern das kommuniziert mit der Farbe. Und das heißt, sagen wir, man muss Farbe bekennen, auch in der Beziehung, und immer wieder sich fragen, passt das noch für uns, und sich dann wirklich auseinandersetzen, immer wieder neu, und tatsächlich, es finden sich dann auch Wege: Dem anderen auch erst mal zuhören, dann selbst Farbe bekennen, sich rückkoppeln, habe ich jetzt richtig verstanden, das ist dir wichtig? – Das ist ein Prozess.

Welty: Wie sorgen Sie dafür, dass dieser Prozess auch zwischendurch mal anhält, wie sorgen Sie dafür, dass ein Tag wie morgen beispielsweise, ein Feiertag, dann auch ein freier Tag ist?

Thorun-Brennan: Also, Stichwort Bewusstheit, also, bewusst freie Zeiten schaffen. Gerade jetzt in der heutigen Zeit, wo die modernen Arbeitsmittel es uns ja erlauben, an jedem Ort zu jeder Zeit zu arbeiten, ist die Verführung riesengroß, immer bereit zu sein, auch im Job bereit zu sein, und dann, ach, mal schnell noch auf der Terrasse an einem freien Tag etwas schnell erledigen. Das Chamäleon macht das vor: Also, das hat wirklich so Zeiten, wo es ganz entspannt ist und dann konzentriert eben, wie gesagt, beim Zungenschuss dabei ist. Es ist einfach wichtig, bewusst seine Zeit so einzuteilen und zu sagen, ich brauche freie Zeit. Und übrigens ist freie Zeit nicht vertane Zeit, das ist ja so ein Missverständnis, sondern während ich nichts tue, arbeite ich ja auch im Gehirn. Mein Gehirn arbeitet ja und sortiert Dinge. Und wir brauchen freie Zeit, um dann wieder fit sein zu können. Ansonsten ist natürlich die Gefahr riesengroß, dass ich mich dann irgendwann mal so erschöpfe und dass ich gar nicht mehr konzentriert arbeiten kann.

Brodbeck: Ein kleiner Punkt ist auch, so mal ganz vorneweg sich zu fragen, was habe ich eigentlich da für ein Selbstbild, kann ich mich auch entspannt sehen, also mal nicht busy-busy, sondern es gibt viele Leute, die haben auch so dieses Bild von sich, also, ich bin was wert, wenn ich eben ständig beschäftigt bin. Da so von Anfang gleich mal da anzusetzen.

Welty: Als Status ...

Brodbeck: ... als Status so. Darf ich mich als entspannter Zeitgenosse präsentieren in dieser Welt heute, in dieser Arbeitswelt heute.

Welty: "Das Chamäleon-Prizip" von Nina Brodbeck und Katrin Thorun-Brennan, ein Wegweiser durch den Dschungel der modernen Arbeitswelt. Danke für den Besuch hier im Deutschlandradio Kultur!

Brodbeck: Gerne.

Thorun-Brennan: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Interview

Shimon Peres"Wir glaubten, er sei unsterblich"
Shimon Peres starb im Alter von 93 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. (dpa  /Picture alliance EPA  Abir Sultan)

Shimon Peres wollte Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Doch wie steht es heute um dieses Ziel? "Es mangelt am politischen Willen", meint Anita Haviv-Horiner, die in Israel für den deutsch-israelischen Austausch arbeitet. Mehr

Humor in der PolitikIronie macht Politiker menschlich
Bekannt für seinen Humor: Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)

Politik gilt als ernstes Geschäft, doch Ironie müsse in ihr einen Platz haben, findet der Humorforscher Thomas Holtbernd. Als positive Beispiele nannte er Gregor Gysi und Wolfgang Bosbach. Diese Politiker seien in der Lage, sich selbst zu karikieren.Mehr

Mundarten in Deutschland Sterben unsere Dialekte aus?
Bayerin im Chiemgau mit Breitenstein und Geigelstein. (imago)

Berliner, die nicht berlinern oder Münchner, die nicht Bayerisch sprechen: Wird es irgendwann keine Dialekte mehr in Deutschland geben? Der Sprachwissenschaftler Sebastian Kürschner kann beruhigen: Ganz so schlimm wird es nicht kommen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur