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Profil / Archiv | Beitrag vom 06.06.2013

Vom Broker zum Heldentenor

Ein amerikanischer Investmentbanker steht in Leipzig auf der Bühne

Von Tabea Soergel

Die Leipziger Oper bei Nacht: Hier singt Smith sein erstes Stück.  (Andreas Birkigt)
Die Leipziger Oper bei Nacht: Hier singt Smith sein erstes Stück. (Andreas Birkigt)

Er hatte nur einen Versuch: Zehn Minuten vorsingen beim Startenor, daraus wurden zehn Tage - und schließlich ein ganz neues Leben. Der amerikanische Investmentbanker James Allen Smith krempelt mit 44 Jahren sein Leben um und geht an die Oper in Leipzig. Hier versucht er, eine einmalige Chance zu nutzen.

"Ich habe meinen ersten Fanbrief gekriegt, einen schönen Brief von einer jungen Dame. Sie hat sich den 'Ring für Kinder' angesehen. Sie hat ein sehr, sehr schönes Bild gemalt. Ich glaube, man spricht sie Elenya aus, falls sie also zuhört: Damit hast du mir den Tag versüßt!"

James Allen Smith, ein jungenhafter Mann mit kurzem dunklen Haar, sitzt in einem Büro in der Oper Leipzig, von der Straße wehen Autolärm und das Dröhnen der Straßenbahnen herauf. Er betrachtet das Bild auf dem Tisch vor sich, das die kleine Elenya nach der Vorstellung des "Rings für Kinder" von ihm gemalt hat: gelbe Haare und Schwert in der Hand, unverkennbar Siegfried. Auch ihr Brief beginnt mit der Anrede: "Lieber Siegfried!"

"Sie schreibt davon, wie ich in einem Akt das Schwert aus dem Baum ziehe. Die Kinder kapieren das! Sie verstehen es alle, und das ist wunderbar."

Noch vor kurzem hätte sich James Allen Smith wohl nicht träumen lassen, dass er eines Tages Fanpost von einer Wagner-begeisterten Fünfjährigen bekommen würde. Geboren und aufgewachsen ist er, Jahrgang 1968, in Chicago. Er verdient sich etwas zum Taschengeld dazu, indem er ausgerechnet der legendären Wagner-Sängerin Margaret Harshaw den Rasen mäht, aber die weltberühmte Oper seiner Heimatstadt zu besuchen, wäre ihm damals nicht eingefallen. Sein Tempel ist das Baseball-Stadion. Nach der Schule studiert er Physik und Mathematik und arbeitet anschließend fünfzehn Jahre lang erfolgreich als Broker an der Chicagoer Börse. In dieser Zeit verschwendet er keinen Gedanken ans Singen – bis zu diesem einen Tag im Fitness-Studio.

"Im Fitnessclub habe ich auf dem iPod 'Die schöne Müllerin' von meinem Lieblingssänger Fritz Wunderlich gehört. Der Titel davor war 'Die Walküre'. Und als das Orchester den Sturm spielte, war ich Feuer und Flamme."

In diesem Moment weiß James Allen Smith, dass er nicht mehr mit Aktien handeln, sondern Wagner singen will – auch wenn er damals außer der "Walküre" nichts von ihm kennt. Er beginnt zu recherchieren, stößt auf die Homepage des bekannten Wagner-Basses Eric Halfvarson und bittet darum, ihm vorsingen zu dürfen. Ohne jegliche Gesangsausbildung oder Vorerfahrung, abgesehen von seiner Zeit im Schulchor.

Der Starsänger gewährt im zehn Minuten. Aber aus dem kurzen Vorsingen werden gleich zehn Tage in New York, in denen Halfvarson mit ihm die Siegmund-Partie aus der "Walküre" einstudiert: Smith' Einstieg in die Wagner-Welt.

Wieder zu Hause, findet er Förderer an der Lyric Opera of Chicago. 2012 sieht Smith auf Einladung Halfvarsons seine erste Wagner-Inszenierung in Berlin. Im Anschluss bekommt er die Gelegenheit, in Leipzig vorzusingen. Nach dem zweiten Vorsingen bietet man ihm einen Vertrag an.

"Manche Leute sagen, ich hätte unverschämtes Glück – wahrscheinlich schon, aber ich war auch bereit. Als Leipzig mir das Angebot gemacht hat, war ich bereit, es anzunehmen."

Mit 44 Jahren gibt er sein altes Leben in Chicago auf und wird Eleve an der Oper Leipzig. Wenige Wochen nach seiner Ankunft ist James Allen Smith auf Plakaten in der ganzen Stadt zu sehen: Der "Ring für Kinder" mit ihm in der Hauptrolle feiert schon im Januar 2013 Premiere.

In Leipzig wohnt Smith in der Innenstadt. Morgens vor den Proben treibt er Sport, ein Tribut an seine Liebe zur Schokolade. Abends sitzt er im Café und vertieft sich in Partituren. In seiner spärlichen Freizeit büffelt er Deutsch – und die Koordinaten aller bedeutenden Sänger, Dirigenten und Einspielungen aus dem Wagner-Kosmos. Die einmalige Chance, die man ihm geschenkt hat, will er so gut wie möglich nutzen.

"Ich wache nicht jeden Morgen auf und schüttele ungläubig den Kopf, sondern weiß, dass eine große Aufgabe vor mir liegt. Vor einem Jahr saß ich in einem Café im Mittleren Westen von Amerika, habe mir Partituren angesehen und mir vorgestellt, ich sei Opernsänger. Und jetzt singe ich Opern, in Wagners Heimat, was unglaublich ist. Aber dann habe ich auch die Pflicht, mein Bestes zu geben."

Eine große Aufgabe, die Pflicht, sein Bestes zu geben – James Allen Smith konzentriert sich lieber auf seine Arbeit, als über die unwahrscheinliche Wendung zu staunen, die sein Leben genommen hat.

Überhaupt betrachtet er die Dinge pragmatisch: Natürlich fehlen ihm sein Freundeskreis und seine Familie. Der Abschied aus Chicago ist ihm aber deshalb nicht allzu schwergefallen, weil er weder eine feste Beziehung noch eigene Kinder hat. Er ist jetzt genau da, wo er sein will. Für ihn ist dieses neue Leben vielleicht schon eine Selbstverständlichkeit – nur sein Umfeld muss sich noch daran gewöhnen.

"Meine Nichten waren gerade zu Besuch. Sie werden 12 und 8, und ihr ganzes Leben wussten sie nichts von mir als Sänger. Und aus heiterem Himmel zieht ihr Onkel in ein fremdes Land und singt in einer anderen Sprache."

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