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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.01.2010

Vom Aussterben bedroht

Taras Grescoe: "Der letzte Fisch im Netz", Karl Blessing Verlag, übersetzt von Franka Reinhart, 543 Seiten

Kabeljau: Auch diese Fischart gibt es immer seltener.  (Marine Institute)
Kabeljau: Auch diese Fischart gibt es immer seltener. (Marine Institute)

Seit Mitte der Neunzigerjahre sind die Populationen von Thunfisch, Kabeljau oder Flunder um 85 Prozent zurückgegangen. Wissenschaftler prophezeien nun einen endgültigen Zusammenbruch der wichtigsten Nahrungsquelle der Weltbevölkerung.

11. Januar 2010: In Berlin findet die Auftaktveranstaltung zum Internationalen Jahr der biologischen Artenvielfalt statt. Seltene Tier- und Pflanzenarten sterben aus, -und das täglich. Aber auch bekannte Tierarten scheinen vor der Ausrottung zu stehen: Allein in den letzten 15 Jahren sind die Welt-Populationen von Thunfisch, Kabeljau oder Flunder um 85 Prozent zurückgegangen. Wissenschaftler prophezeien einen endgültigen Zusammenbruch der wichtigsten Nahrungsquelle der Weltbevölkerung: Fisch.

Mit eben diesem Thema beschäftigt sich das Sachbuch "Der letzte Fisch im Netz. Wie wir die wichtigste Nahrungsquelle der Welt retten können – die Meere" des kanadischen Reiseschriftsteller Taras Grescoe. Innerhalb eines Jahres reiste Grescoe einmal um die Welt, -die Stationen waren USA, Frankreich, Portugal, England, Indien, China, Japan und Kanada-, und ermittelte in bester journalistisch-investigativer Manier an den "Tatorten", also in den örtlichen Restaurants, auf Fischkuttern und vor Ort in den sogenannten Aqua-Kulturen, jenen Zuchtanstalten für Fisch, Muscheln und Garnelen, die dem Konsumenten das Gefühl geben, nicht die Meere auszuplündern.

Die Fakten sprechen eine andere Sprache: Die 340 Lachs-Zucht-Farmen in Schottland zum Beispiel produzieren doppelt soviel Abwasser wie die gesamte Bevölkerung Schottlands zusammen. Die Zuchtlachse werden mit Fischmehl gefüttert, mit Fischmehl von Fischen, die im offenen Meer gefangen werden.

Wer Zucht-Lachse isst, der muss mit gen-manipulierten, kranken Tieren voller Antibiotika rechnen. Und mittlerweile sollen schon 40 Prozent der Wildlachs-Bestände aus Lachsen bestehen, die aus Fischfarmen geflüchtet sind. Ganz zu schweigen von den Kloaken in Indien, in denen die Billig-Shrimps gezüchtet werden, und wo die Bevölkerung angrenzender Dörfer unter Krankheitssymptomen wie nach einer Chemie-Katastrophe leidet.

Es gehe aber, so Grescoe, nicht darum, keinen Fisch mehr zu essen, sondern ihn bewusst zu essen und sich dieser so kostbaren Ressource bewusst zu sein; ökologisch vollkommen unbedenklich sind zum Beispiel Hering, Makrele oder Sardinen, die dank der Klimaerwärmung jetzt auch in der Nordsee heimisch werden. Ein Großteil des wertvollen Fischfangs allerdings wird als Fischmehl verfüttert, an Kälber, Schweine, Hühner und zum Beispiel in Fischfarmen.

Die Konsumenten müssen sich entscheiden: entweder Burger und Billig-Hühnchen oder gesunden Fisch. Und was gar nicht geht: bei einer saisonalen Überproduktion von Fischmehl wird dies auch mal zum Düngen von Feldern oder als Brennstoff in Heizkraftwerken verfeuert, wie kürzlich in Dänemark geschehen.

Frau mit Computer (Stock.XCHNG / Elena Buetler)Im Netz gibt es zahlreiche Konsumenteninformationen. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)Was tun ? Grescoe empfiehlt: Informieren Sie sich: www.fishbase.org (auch deutschsprachig) und www.msc.org; über Sie Druck aus, nerven Sie Kellner, Supermarkt-Filialleiter und Politiker und schreiten Sie zum Konsumenten-Boykott.

Wenn nichts passiert, dann bricht in 40 Jahren weltweit der Fischfang zusammen. 200 Millionen Menschen werden ihre Arbeit verlieren. Und dann gibt´s nur noch Quallensandwiches, die übrigens sehr proteinreich sind. Es ist, wie Grescoe zeigt, fünf vor zwölf.

Die Dimension der Zerstörung der Meere ist unfassbar: 56 Tonnen Seepferdchen und 70 Millionen Haie pro Jahr werden getötet, - 99 Prozent der gefangenen Haie werden nur die Flossen abgeschnitten, um sie als Aphrodisiakum zu verwenden; die Haie verbluten, gegessen werden sie nicht. Und im Pazifik kreist ein Teppich aus Plastikmüll, der die Größe Afrikas hat.

Wenn Sie, atemlos vor Spannung, Taras Grescoes "Der letzte Fisch im Netz. Wie wir die wichtigste Nahrungsquelle der Welt retten können – die Meere" gelesen haben, dann wird Ihnen Ihr nächster Besuch im Supermarkt so gruselig vorkommen wie ein Besuch in der Gerichtsmedizin. Unbedingt lesen, ein brillant erzähltes Buch !

Besprochen von Lutz Bunk

Taras Grescoe: Der letzte Fisch im Netz. Wie wir die wichtigste Nahrungsquelle der Welt retten können - die Meere
Karl Blessing Verlag München 2010, übersetzt von Franka Reinhart, 543 Seiten, 19,95 Euro

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