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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.10.2009

Vom anderen Stern

Die Oper "Siegfried" von Richard Wagner in Essen

Von Ulrike Gondorf

Szene aus der Oper "Siegfried". (promo / Thomas Aurin)
Szene aus der Oper "Siegfried". (promo / Thomas Aurin)

Der Regisseur Anselm Weber schafft zusammen mit seinem Bühnenbildner Raimund Bauer für diese "Siegfried"-Inszenierung eine virtuelle Märchenwelt. Generalmusikdirektor Stefan Soltesz und die Essener Philharmoniker werden den hohen Erwartungen des Publikums gerecht.

Gemütlich ist anders: Mime hat seine Werkstatt in einer Art Mondlandschaft aufgeschlagen. Zerborsten und aufgebläht ist der Boden, eine surreale Hügellandschaft - später wird man sehen, dass es der schrundige Rücken des Drachens Fafner ist, auf dem der missgünstige Zwerg und sein aufsässiger Ziehsohn Siegfried hausen. Unwirtlich und unwirklich sieht das alles aus, wie aus einem digital produzierten Fantasyfilm oder einem Computerspiel.

Anselm Weber, der dritte im Bunde der Essener "Ring"-Regisseure, schafft zusammen mit seinem Bühnenbildner Raimund Bauer für diese "Siegfried"-Inszenierung eine virtuelle Märchenwelt, jedenfalls zwei Akte lang. Dann macht er plötzlich das Theater zum Thema und zum Stilmittel: Erda erscheint Wotan, der mit einem Blumenstrauß auf sie wartet, durch einen halbgeöffneten Vorhang und im opulenten Kostüm; für die Erweckung Brünnhilds auf dem Feuerfelsen schwebt eine riesengroße, glimmende Kohle sichtbar aus dem Schnürboden, und die Kostümierung der Walküre im großen Abendkleid aus weiß-goldener Seide mit langer Schleppe könnte schon beim ersten Bayreuther Ring Anno 1876 so oder ganz ähnlich ausgesehen haben.

Was das Konzept des Regisseurs ist, erschließt sich nicht recht aus diesen Elementen - natürlich ist es auch nicht einfach, in Essen aber beabsichtigt, dass jeder Teil der Tetralogie von einem anderen Leitungsteam realisiert wird. Für den "Siegfried", das scheinbar naivste, leichteste, mit seinen Naturidyllen wie ein Satyrspiel vor dem finalen Showdown wirkende vorletzte Stück, ist es auch wohl am schwierigsten, eine zugespitzte Aussage zu finden. Die Stärken von Webers Inszenierung liegen im Detail: in der profilierten Personenführung, wenn er mit seinem Hauptdarsteller Johnny van Hal deutlich machen kann, wie Siegfried sich aus dem pubertierenden Jungen über die drei Akten zu einem erwachsenen Mann entwickelt. In einer spannenden Dialogregie, die die vielen Zweierszenen des Stücks als Zweikämpfe zeigt, in denen es immer nur um Druck, Betrug und Instrumentalisierung geht. Der Abend ist niemals langweilig, aber man fragt sich, welche Deutung der Regisseur der Geschichte eigentlich geben wollte.

Fraglos geglückt und beglückend ist die musikalische Seite. Der Generalmusikdirektor Stefan Soltesz und die Essener Philharmoniker werden den hohen Erwartungen gerecht, die das Publikum inzwischen in dieses Opernhaus mitbringt. Es ist ein Wagner ohne alle Kraftmeierei, voll wunderschöner Details und doch spannend, in einem großen Bogen, musiziert, schlank und zügig in den Tempi, mit allem erdenklichen instrumentalen Glanz. Das Groteske, Schräge, Karikierende, den grimmigem Humor, den Wagner den Figuren und Situationen mitgab, präpariert Soltesz in den ersten beiden Akten scharf heraus, das große Liebesduett am Schluss steigert er in rauschhafte Ekstase. Und jeden, wirklich jeden einzelnen Moment des langen Abends stellt er einen dichten Austausch her zwischen Bühne und Orchester.

Die Stimmen werden niemals abgedeckt, das Orchester kann leise sein, ohne mit der Lautstärke auch an Intensität und Vielschichtigkeit des Klanges zu verlieren. Ein ohne Ausnahme gut besetztes, sängerisch souveränes und auch darstellerisch sehr überzeugendes Ensemble hinterlässt ebenfalls nachhaltigen Eindruck. Das Zentrum ist Johnny van Hal, der die gefürchtete Partie des Siegfried wirklich singen kann. Die Stimme ist schön timbriert, hat eine sichere, offene Höhe. Und der Sänger gibt der Rolle, die so oft durchgebrüllt wird, schwingende Linienführung, beinah lyrische Gestaltung, differenzierte Klangfarben, eine kluge musikalische Interpretation. Es gibt sie also doch, die angeblich ausgestorbenen Heldentenöre.

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