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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.01.2012

"Voltaire war eher wie so ein Schulmeister für Friedrich"

Historiker Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen würdigt Friedrich den Großen als Persönlichkeit seiner Zeit

Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen in den Neuen Kammern des Schlosses Sanssouci (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen in den Neuen Kammern des Schlosses Sanssouci (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Eine historische Figur in die Gegenwart zu transponieren sei problematisch, meint der Historiker Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen und warnt davor, den preußischen König auf seine Begabung zur Kriegsführung zu reduzieren. Damals habe jeder Kriege geführt.

André Hatting: Kein anderer Monarch wird in Deutschland bis heute so verehrt wie der Alte Fritz, das zeigen schon die Beinamen für Friedrich II. von Preußen. Der bekannteste ist "der Große", "das Genie auf dem Königsthron" sicher der schmeichelhafteste. Friedrich liebte die Kunst, komponierte Musik, korrespondierte mit Voltaire, verstand sich als Vertreter des aufgeklärten Absolutismus, in dem der König der erste Diener seines Staates sein solle und jeder nach seiner Fasson selig werden. Heute vor 300 Jahren wurde Friedrich im Berliner Staatsschloss geboren.

Am Telefon ist jetzt Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, er ist Historiker und Urenkel von Kaiser Wilhelm II., also als echter Hohenzoller auch Nachfahre von Friedrich II. Guten Morgen, Prinz von Preußen!

Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen: Ja, guten Morgen, Herr Hatting, ich grüße Sie!

Hatting: Vielleicht ist ja Ihr Vorfahre bei den Deutschen bis heute auch deshalb so beliebt, weil er die Kartoffel nach Brandenburg holte?

von Preußen: Ja, das ist, das stimmt. Ich meine, die Kartoffel ist schon früher nach Brandenburg gekommen, der große Kurfürst hat ja auch schon die Kartoffel anbauen lassen. Aber da wurde es damals, glaube ich, nur so als Zierkraut angebaut, während, Friedrich der Große hat das ja wirklich im großen Stil dann machen lassen.

Und zwar auf Böden, die normalerweise kein Getreide vertragen. Deswegen hat er dann diese Böden mit Kartoffeln bepflanzen lassen und hat dann auch kostenloses Saatgut verteilt. Und das ist völlig richtig gemeint, er hat eigentlich die Kartoffel in großem Stil in Brandenburg, Preußen, eingeführt, das stimmt.

Hatting: Sie haben selber zu Friedrich II. geforscht. Wie sehen Sie persönlich Ihren Vorfahren?

von Preußen: Ja, also, wissen Sie, ich finde es immer etwas problematisch, wenn man eine historische Figur in die Gegenwart transponiert und dann fragt, was hat sie uns heute noch zu sagen. Aber Friedrich der Große, glaube ich, war schon eine außergewöhnliche Persönlichkeit in seiner Zeit im Vergleich zu seinen Kollegen auf den anderen Thronen Europas, nicht wahr, wenn Sie ihn vergleichen mit Ludwig XV. in Frankreich oder mit Maria Theresia in Österreich oder, sagen wir mal, mit der Zarin Elisabeth in Russland und mit Georg II. in England. Dann war Preußen damals schon ein liberaler Rechtsstaat und das war schon außergewöhnlich.

Und er war ja auch ein ganz großer Tierfreund, das vergisst man heute sehr gerne, und dann war er auch ein Naturschützer. Wenn Sie zum Beispiel daran denken, dass der Berliner Tiergarten, das war ja früher ein Jagdrevier für die Fürsten und späteren Könige.

Hatting: Sie sprechen von einem liberalen Rechtsstaat Preußen. Trotzdem ist es doch eigentlich merkwürdig: Der Vater, Friedrich Wilhelm, der mit den Langen Kerls, der gilt bis heute als der große Militarist, dabei war sein Sohn eigentlich der Kriegstreiber. Ich erinnere an die Kriege gegen Schlesien, da hat er zweimal die Verträge gebrochen. Es gibt Biografen, die nennen das - Zitat - "das sensationellste Verbrechen der Neuzeit". Dann der Einmarsch in das Kurfürstentum Sachsen ohne Kriegserklärung. Warum spielt das im kollektiven Gedächtnis heute nur eine Nebenrolle?

von Preußen: Ja, das mag sein, also, das war sicherlich ein anderer Aspekt der Persönlichkeit Friedrich des Großen. Und ich finde, es ist sehr einseitig, wenn man ihn halt reduziert auf diese Kriegsführungsbegabung, die er ja zweifellos hatte. Ich meine, ganz abgesehen davon, dass dieses Kriegführen damals ja gang und gäbe war, jeder hat da Krieg geführt. Und wenn Sie die Hitliste der kriegführenden Nationen im 17. und 18. Jahrhundert nehmen, dann rangiert Preußen an allerletzter Stelle hinter den anderen Großmächten wie England, Frankreich, Russland oder Österreich. Also ... Aber sicherlich, die anderen Dinge, die werden also in der Bevölkerung tatsächlich anders gesehen und ich finde das sehr, sehr positiv.

Hatting: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das so ist?

von Preußen: Ich weiß es nicht, vielleicht liegt das den Menschen näher. Weil, ich meine, so diese Geschichte mit dieser Kartoffel, nicht wahr, damit kann jeder etwas anfangen, das berührt einen unmittelbar. Während diese Kriegsführungsfragen, die sind eher abstrakt. Und Friedrich hat einfach die Chance ergriffen, dann die Chancen beim Schopf gepackt und hat dann also auch ohne Kriegserklärung ... Das war ja nicht der Einzige, der so was gemacht hat.

Hatting: Ja, Gelegenheit beim Schopf nehmen, das ist vielleicht ein bisschen euphemistisch in dem Fall. Ich will aber ein anderes Beispiel, vielleicht ein etwas konkreteres Beispiel nennen, und zwar die Weltoffenheit, die ja viel beschworen wurde: Die gab es beim Friedrich II. gegenüber den Hugenotten und den Katholiken; die Juden hat er diskriminiert, genau wie sein Vater es auch schon getan hat.

von Preußen: Ja, das ist sicherlich ein negativer Punkt, das würde ich auch so sehen. Das lag auch an der Zeit. Ich meine, da war er sicherlich nicht der Einzige, der das so gesehen hat. Aber Sie haben recht, das würde ich auch als einen negativen Punkt auf seinem sonst großen Habenkonto sehen, das ist richtig.

Hatting: Sie haben vorhin kurz in einem Nebensatz die neuen Publikationen angesprochen, die das Bild von Friedrich II. jetzt prägen. Es gibt auch Historiker, die ihn als einen großen Verstellungskünstler sehen, der ein Spiel mit Maskeraden betrieben hat. Sehen Sie das auch, können Sie dem was abgewinnen?

von Preußen: Nein, dem kann ich gar nichts abgewinnen, im Gegenteil, also ... Ich weiß gar nicht, wo soll die Maskerade da gelegen haben?

Hatting: Zum Beispiel im Verhältnis gegenüber seinem Vater: Einerseits hat er ihn gehasst, dann gibt es aber Quellen, in denen er ihm immer wieder huldigt, in denen er liebend in seinen Armen gelegen hat kurz vor seinem Tod.

von Preußen: Na ja, gerade diese Versöhnungsszene, die soll ja echt gewesen sein. Der Vater war ja ... Der hielt ja von seinem Sohn überhaupt nichts, der wollte den ja, am liebsten hätte der den ja zugunsten seines zweiten Sohnes August Wilhelm abserviert. Aber ich meine, sicherlich, der hatte natürlich, musste natürlich sich in irgendeiner Form arrangieren. Und wie hätte der sich sonst verhalten sollen?

Hatting: Friedrich der Große gilt eben auch als ein Künstler, als ein Humanist, jemand, der sich auch der Philosophie verschrieben hat. Er hat ja Briefwechsel betrieben mit Voltaire. War das wirklich eine Freundschaft auf Augenhöhe oder war Friedrich der Zweite nur so ein Möchtegernphilosoph?

von Preußen: Also, das glaube ich nicht. Ich meine, er war sicherlich ... Er war sicherlich auch ein Verehrer von Voltaire. Erst mal, der war ja wesentlich älter als er: Als der Briefwechsel begann, war der Friedrich 24 und der Voltaire schon 43, ein arrivierter Philosoph und Literat. Da war sicherlich echte Verehrung drin. Ich meine, sicherlich, dieses Verhältnis hat sich mit der Zeit dann wohl etwas abgekühlt und ich meine, man hat ja gesehen, wie Voltaire hinterher, der hat sich ja sehr abfällig auch über Friedrich geäußert und die sind ja dann wohl auch im Zorn auseinandergegangen. Obwohl dann ... ^

Die haben sich dann zwar nie wiedergesehen, aber diese Brieffreundschaft, die ist ja bestehen geblieben. Also, eine innige Freundschaft würde ich das nicht nennen, aber der Voltaire war eher wie so ein Schulmeister für Friedrich. Also, das würde ich sehen. Und Friedrich hat sicherlich sehr viel von dem profitiert. Ich meine, Voltaire hat sich darüber mokiert, dass er dann die Verse und überhaupt das Geschriebene von ihm korrigieren musste und so weiter, aber ... Also, das war so ein Geben und Nehmen von beiden Seiten.

Hatting: Prinz von Preußen, jetzt haben wir sehr viel über Ihren Vorfahren gesprochen, wir haben ihn auch in ein etwas kritischeres Licht gestellt, als Kriegsherr, als Judendiskriminierer, auch Frauen gegenüber war er nicht besonders wohl gesonnen. Und trotzdem bleibt er der Große. Liegt es vielleicht auch daran, dass die Deutschen wenigstens einen guten Monarchen haben wollen?

von Preußen: Ich sehe Friedrich den Großen auch als eine Lichtgestalt in unserer Ahnenreihe, aber ich würde eben genau so gut sagen, dass sein Vater trotz dieses fürchterlichen Verhältnisses, was ja da zeitweise herrschte zwischen den beiden ... Ohne den wäre Friedrich der Große gar nicht möglich gewesen. Und ein anderer, den ich außerordentlich verehre, ist der große Kurfürst. Also gut, die Nachfolger, darüber kann man diskutieren, also ... Da kann man geteilter Meinung sein, über die ...

Hatting: Friedrich II. von Preußen, bis heute "der Große" genannt, wurde heute vor 300 Jahren geboren. Ich sprach mit einem Nachfahren, dem Historiker Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, über das Bild vom Alten Fritz. Prinz von Preußen, ich bedanke mich für das Gespräch!

von Preußen: Ja, ich bedanke mich auch, alles Gute, Wiederhören!

Hatting: Ihnen auch, Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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