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Interview

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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.02.2013

Voigt warnt vor "Amerikanisierung" der Medien

SPD-Politiker rügt den immer härteren Wettbewerb um Schnelligkeit und "knallige Überschriften"

Karsten Voigt im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Karsten Voigt (SPD)
Karsten Voigt (SPD) (Deutscher Bundestag)

Der SPD-Politiker Karsten Voigt hat deutsche Medien davor gewarnt, sich vom Qualitätsjournalismus zu verabschieden und dem aus den USA bekannten Trend zur Skandalisierung zu verfallen. Politiker, die gerne Schlagzeilen produzierten, dürften sich nicht wundern, wenn die Medien dies ausnutzen.

Jan-Christoph Kitzler: Annette Schavan hat ihren Hut genommen, sie ist als Bundesbildungsministerin an diesem Wochenende zurückgetreten, weil sie bei ihrer Doktorarbeit betrogen haben soll, vor über 30 Jahren. So ganz geklärt ist das nicht, die Uni Düsseldorf hat ihr den Doktortitel zwar entzogen, aber Annette Schavan will dagegen klagen. Und im normalen Leben würde in solchen Fällen bis zu einem endgültigen Urteil die Unschuldsvermutung gelten. Aber ein Politikerleben ist kein normales Leben, da gelten andere Maßstäbe, und es drängt sich irgendwie der Eindruck auf, diese Maßstäbe, sie werden immer strenger. Die Empörungsspirale steigt immer schneller, immer öfter werden auch Dinge ans Tageslicht gezerrt, die eigentlich privat sind, wenn wir über Politiker reden. Drohen uns da amerikanische Verhältnisse in der Politik, in den Medien? Das will ich mit Karsten Voigt besprechen. Er saß über 20 Jahre lang für die SPD im Deutschen Bundestag, und er ist ein intimer Kenner der USA, bis 2010 war er Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit. Schönen guten Morgen, Herr Voigt!

Karsten Voigt: Schönen guten Morgen, Herr Kitzler!

Kitzler: Gleich mal zum Grundsätzlichen: Ist es richtig, dass eine Ministerin wegen einer Sache zurücktritt, die über 20 Jahre zurückliegt und von der noch nicht im Zweifelsfall feststeht, ob es da überhaupt eine Schuld gibt?

Voigt: Wenn es sich darum handelt, dass diese Ministerin in dem Gebiet, sprich Hochschule, tätig ist, und wenn sie vorher ja genau dieses Kriterium gegenüber einem anderen Kollegen, nämlich gegenüber Herrn von zu Guttenberg gerade hervorgehoben hat, wenn das der Fall ist, dann, glaube ich, ja. Ich glaube, dass der Rücktritt unvermeidlich war, wenn man eine positive politische Kultur in unserem Lande weiterentwickeln will.

Kitzler: Das heißt, es ist schon eine Frage des politischen Anstands, oder ist da vielleicht auch künstlich …

Voigt: … der politischen Kultur …

Kitzler: … der politischen Kultur. Oder ist da vielleicht auch künstlich skandalisiert worden?

Voigt: Das ist dazugekommen. Die Neigung nimmt bei uns zu. Sie haben das ja eben schon erwähnt: Wenn das ins Private hinein geht, ins Privatleben, ins Familienleben, dann halte ich das für besonders negativ, aber wenn das Dinge sind, die sich auf das Amt selber beziehen und auf die Amtsausübung beziehen und auf den Stoff beziehen, auf den sich die Ministerin ja, für die sie verantwortlich ist, dann ist das eine andere Frage. Ich hatte es übrigens für sehr interessant gehalten, dass eine Frage, die ich auch für eine Frage der politischen Kultur halte, dass nämlich die Bundesbildungsministerin Schavan als Landesministerin das Kooperationsverbot zwischen Hochschulen und Land und Bund im Wissenschaftsbereich, im Forschungsbereich selber mit blockiert hat und als Ministerin auf Bundesebene die gegenteilige Position vollzogen hat, zum Nachteil übrigens – die Position, die sie in Baden-Württemberg vertreten hat –, zum Nachteil der Forschungs- und Wissenschaftspolitik, die stets überhaupt nie eine Rolle gespielt hat, obwohl das auch eine Frage der politischen Kultur ist.

Kitzler: Wir reden jetzt natürlich auch über Skandalisierung, wir reden über Emotionalisierung und Personalisierung von Politik – wer trägt daran eigentlich die Schuld?

Voigt: Wenn Politiker ihr Privatleben selber in die Öffentlichkeit hineintragen, das ist ja, das hat Gerhard Schröder schon gemacht, das haben – also, es ist nicht nur spezifisch für die CDU –, das hat Wulff gemacht, das hat von zu Guttenberg gemacht, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn die Presse das später auch aufkauft. Wenn aber die Presse insgesamt immer mehr in das Schlüpfrige hinein geht und das mit Genugtuung dann verbreitet, um anschließend empört zu tun – und das ist eine Neigung, die in den USA extrem stark ist und die bei uns auch zunimmt –, dann sehe ich das mit großer Sorge und Abscheu.

Kitzler: Würden Sie sagen, wir steuern da zu auf amerikanische Verhältnisse, oder passt das Bild nicht so ganz?

Voigt: Ja, es ist eine Neigung in dieser Richtung. Das liegt daran, dass solche Skandale natürlich sich viel schneller als Vier-Zentimeter-Schlagzeile verbreiten lassen. Da brauchen Sie auch nicht große Hintergründe zu berichten, sondern da kann jeder mitreden, das geht ja alles dann um Dinge, wo jemand meint, besonders, wenn es Bettgeschichten sind, dass man etwas auch dazu zu sagen hat, auch am Stammtisch. Also, und diese Neigung zum Privatleben, da durchzugreifen, das ist in den USA sehr stark. Ich glaube, bei uns ist noch etwas anderes hinzugekommen, was in den USA auch der Fall ist. Ich sehe ja morgens, dann beginnt das mit den Meldungen bei "Spiegel online", dann kommt "Bildzeitung online", dann kommt "Welt online", das heißt, da gibt es einen Wettbewerb, innerhalb von wenigen Stunden immer irgendeine neue Meldung zu produzieren, die dann häufig, wenn man genau hinguckt, in der Überschrift mehr und eindeutiger etwas wiedergibt als der Sachverhalt das wiedergibt. Und das trägt zur Skandalisierung eindeutig bei. Diese technischen Medien, die Schnelligkeit, die Geschwindigkeit und die Notwendigkeit, kurze Stellungnahmen zu machen, knallige Überschriften zu machen, das trägt zur Skandalisierung bei.

Kitzler: Und Themen werden immer mehr auch personalisiert vorgetragen. Auf der anderen Seite beklagen wir uns ja, dass es keine echten Typen mehr gibt in der Politik. Was macht denn eigentlich diese Entwicklung in den Medien auch mit den Politikern? Wie müssen Politiker heute beschaffen sein, die in diese beschleunigte Welt passen?

Voigt: Das Interessante ist ja, dass die Personen, die bei uns auf diese Art von kurzfristiger Politik nicht reagieren, ein besonders hohes Ansehen haben. Das sehen Sie mal – anders ist die Sache von Helmut Schmidt ja überhaupt nicht zu erklären. Also das heißt, die gleichen Leute, die wahrscheinlich auch auf so skandalsüchtige Meldungen hereinfallen und sie auch mit nachvollziehen, die gleichen Leute haben in Wirklichkeit lieber eine Vorliebe für Leute, die pflichtbewusst ihre Politik machen und von deren Privatleben wir sehr wenig wissen. Steinmeier ist auch so ein Beispiel. Und insofern bin ich da über die Bedürfnisse der deutschen Bevölkerung gar nicht so pessimistisch. Die langfristigen – ein Politiker, der langfristig Erfolg haben will, der muss auf diese Bedürfnisse der Skandalisierung nicht eingehen, sondern der tut besser daran, seriös seine Politik zu machen. Aber derjenige, der gern mal in der Schlagzeile drinsteht, der gerne mal im bunten Blatt drinsteht oder in entsprechenden Organen, der macht das und der darf sich dann auch nicht wundern, wenn die gleichen Leute, die ihn hoch geschrieben haben, ihn dann später in der gleichen Weise fallen lassen.

Kitzler: Heißt das nicht auch, Angela Merkel, die Bundeskanzlerin, zeigt uns in perfekter Weise, wie man mit so was umgeht – unaufgeregt, uneitel, aber letztendlich auch ohne ganz große Vision, weil, die versteht ja eh keiner?

Voigt: Also dass sie uneitel ist, das finde ich gut. Dass sie nicht vermittelt, nach welchen Maßstäben und Wertmaßstäben und welchen Visionen sie agiert, bedauere ich zutiefst, denn ich glaube, dass unser Land es verdient hat, dass die Politiker deutlich machen, wohin sie wollen und an welchen moralischen und politischen Maßstäben sie sich orientieren.

Kitzler: Die Amerikanisierung unserer Politik oder auch Nichtamerikanisierung – das war der SPD-Politiker Karsten Voigt. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, und einen schönen Tag!

Voigt: Vielen Dank auch selber!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das vollständige Gespräch können Sie mindestens bis zum 10.08.2013 als MP3-Audio in unserem Audio-on-Demand-Player nachhören.

Mehr auf dradio.de:

Wulff und die Medien - Michael Götschenberg: "Der böse Wulff? ", Plassen-Verlag - Über die Rolle der Medien in der Affäre um den ehemaligen Bundespräsidenten