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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 09.03.2013

Virtuelles Wasser

Die neueste Erfindung von Umweltschützern klagt die Verbraucher an

Von Udo Pollmer

Bewässerungsanlage auf einer Farm in der Nähe von Tripolis (Libyen). (picture alliance / dpa / Matthias Tödt)
Bewässerungsanlage auf einer Farm in der Nähe von Tripolis (Libyen). (picture alliance / dpa / Matthias Tödt)

Nach dem ökologischen Fußabdruck und dem CO2-Fußabdruck latscht nun der virtuelle Wasser-Fußabdruck durchs Internet und tritt den gesunden Menschenverstand mit Füßen.

Umweltverbände klagen die deutschen Verbraucher an: Sie würden aus anderen Ländern riesige Wassermengen importieren, Wasser, das dort dringend für die Bevölkerung benötigt wird. Statt die Dürstenden zu laben, wird das kühle Nass zur Herstellung von Exportgemüse, Kaffee oder Jute missbraucht.

Deutschlands Umweltschützer wollen die Welt vor dem Vertrocknen bewahren. Zu diesem Zweck haben sie ein neues Wort erfunden: den Wasser-Fußabdruck. Der Durchschnittsdeutsche nutzt am Tag etwa 120 Liter - zum Duschen, zum Trinken, für den Geschirrspüler. Aber das ist minimal gegenüber dem virtuellen Wasser, das wir unbemerkt konsumieren. Zum Leitungswasser kommen neuerdings nochmals 5.000 Extra-Liter. Virtuelles Wasser ist Wasser, das für die Waren genutzt wird, die wir kaufen. Davon käme ein ganz erheblicher Teil aus der Dritten Welt. Schon fordern Verbraucherschützer ein Wassersiegel, um beispielsweise in kenianischen Kaffeeplantagen das Wasser zu schützen.

So entsteht die Vorstellung, wir würden beim Kaffeekochen den Afrikanern das Wasser abgraben. Eine harmlose Tasse Mocca verbraucht angeblich 140 Liter. In der Tat wird Wasser benötigt, um die Kaffeesträucher zu bewässern. Dieses Wasser wird aber nicht aus den Plantagen exportiert – es bleibt dort. Nur der Kaffee kommt zu uns. Genauso gut könnte man sagen, die Chinesen atmen uns die virtuelle Luft weg. Doch die Luft bleibt selbst dann noch in China, wenn uns dort Milliarden Menschen was husten.

Aber wäre es nicht besser, wir würden das Wasser, das in den Plantagen versickert, durch Kaufverzicht den Habenichtsen gönnen? Ob die Herrschenden den Mittellosen dann wohl frisches Wasser kredenzen? Da stünde schon eher der Import von Gemüse aus Regionen zur Disposition, die unter Trockenheit leiden. Denken Sie an Spanien. Dort nutzen die Bauern enorme Mengen an Wasser, um Gemüse für den Export anzubauen. Wie wär‘s mit einem Boykott spanischer Gurken oder auch spanischen Weines? Wer Gurken importiert, importiert Wasser. Sie bestehen zu 97 Prozent aus purem Wasser – ist der Kauf von Wasserbomben aus Trockengebieten ethisch vertretbar? Bei Kaffeebohnen stellt sich diese Frage weniger. Das Wasser bleibt vor Ort. Und Kaffee bringt im Gegensatz zu Billiggurken richtig Geld ins Land.

In der Dritten Welt leiden die Menschen nicht in erster Linie unter Wassermangel, weil wir deren Wasser verbrauchen, der Mangel ist gewöhnlich die Folge von Misswirtschaft. Metropolen wie Mexico-City oder Delhi leiten ihr Abwasser einfach ungeklärt in den nächsten Fluss – aber sie erzählen der Öffentlichkeit, sie hätten gute Abwassersysteme. Die Milliarden, die in die Wasserversorgung vieler Städte der Dritten Welt gepumpt werden, auch mit internationaler Hilfe, versickern dort so schnell wie das Trinkwasser in den maroden Leitungen. Vielerorts geht die Hälfte des Trinkwassers durch kaputte Rohre verloren. In den meisten Ländern gibt es genug Wasser, aber es wird vor Ort vergeudet. Eine Ausnahme von dieser Regel ist der Anbau von Baumwolle. Wer hier Ressourcen schonen will, darf gern auf Modeklamotten verzichten und statt Baumwollsocken Nylonstrümpfe tragen.

Abwasser muss geklärt werden, Trinkwasser muss aufbereitet und in sicheren Leitungen transportiert werden. Dann kann es immer wieder genutzt werden. Aber wenn wir pauschal virtuelles Wasser sparen, haben die Menschen in Afrika, Asien oder Südamerika keinen einzigen Tropfen mehr. Nach dem ökologischen Fußabdruck und dem CO2-Fußabdruck latscht nun der virtuelle Wasser-Fußabdruck durchs Internet und tritt den gesunden Menschenverstand mit Füßen.

Wie wär‘s mit dem Atem-Fußabdruck: Haben unsere Umweltschützer schon bedacht, dass Sie mit jedem Atemzug der Luft ihren wertvollen Sauerstoff entziehen und sie beim Ausatmen mit Kohlendioxid verunreinigen, einem Klimagas? Wer umweltbewusst atmen will, braucht nur ein bisschen weniger Luft zu holen. Allein der Verzicht auf Sportarten, bei denen wir leicht außer Atem geraten, könnte schon viel Gutes für die virtuelle Sauerstoffbilanz des Planeten bewirken. Klimafreundlicher Sport wären beispielsweise Angeln oder Schach. Ein Umweltengel für Denksport wäre eine intellektuelle Großtat.

Mahlzeit!

Literatur:
Anon: 4130 Liter jeden Tag – Umweltstiftung WWF berechnet Wasserfußabdruck. 3sat nano, 10. 1. 2013
Biswas AK: Wasserknappheit wird kein Problem sein. The European vom 7. Januar 2013
Greenhart E: Can I Recycle my Granny and 39 Other Eco-Dilemmas. Hodder & Stoughton, London 2008
Hoekstra AY (Ed): Virtual Water Trade. Research Report Series No.12, Delft 2003
Anon: Wasserbewußt einkaufen. Homepage des Bundesverband Die Verbraucherinitiative e.V.
Rahaman MM, Varis O (Eds) Central Asian Waters. Social, economic, environmental and governance puzzle. Water & Development Publications, Helsinki 2008: 105-115
Rossi S, Niemeyer S: Monitoring droughts and impacts on the agricultural production: examples from Spain. Options Méditerranéennes, A 2010; No. 95: 35-40
Börner A: Wasserverbrauch in Spanien. Diercke Weltatlas Magazin 2009; No. 1

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