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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.12.2007

Vier Frauen, eine Familie

Aminatta Forna: "Abies Steine". Berlin Verlag 2007. 416 S.

Markt in Accra, Hauptstadt von Ghana
Markt in Accra, Hauptstadt von Ghana (AP)

Aminatta Forna erzählt in "Abies Steine" aus der Sicht von vier Frauen aus Afrika. Sie sind Töchter jener Frauen, die einst alle mit demselben Patriarchen verheiratet waren. Sie erzählen von einem Leben zwischen Tradition und Modernisierung und geben ihre Version des großen Familienkosmos' wieder.

Aminatta Forna, 1964 geboren, lebt als Journalistin in London. Über ihren Vater, der als politischer Gefangener in Sierra Leone getötet worden ist, hat sie vor einigen Jahren ein Buch geschrieben. Jetzt ist ihr überaus überzeugendes Romandebüt "Abies Steine" im Berlin Verlag auf Deutsch erschienen.

Die Rahmenhandlung ist so knapp wie das Telegramm, das eine in London lebende Cousine in die Heimat zurückruft, damit sie die verwahrloste Kaffeeplantage des Großvaters übernimmt. Doch nicht sie und ihre Rückkehr stehen im Mittelpunkt, sondern die vielen Frauenstimmen und Schicksale, die mit dem Ort verbunden sind, an dem der alte Patriarch einst mit zwölf Frauen rund drei Dutzend Kinder gezeugt hat. Allein schon die Zeitspanne der Erzählungen - sie erstreckt sich über drei Generationen hinweg von 1926 bis 1999 - führt eine Fülle von Ereignissen in Westafrika vor Augen und lässt unterschiedliche Perspektiven und Gewichtungen hervortreten.

Asana erforscht ihre Träume, tauscht ihr Geburtsrecht als Frau ein gegen die Freiheit, wie ein Mann unabhängig zu leben, und trotzt im hohen Alter dem Terror marodierender Rebellen.

Mariama sah zu, wie die erstarkende Islamisierung die alten Götter vernichtete und kehrt zurück zu alten Glaubensvorstellungen, nachdem sie während ihres Studiums in England sich selbst in tiefer Depression verloren hatte.

Hawa steckt voller Bitterkeit, hat den Rassismus als Dienstmädchen erlebt, war Tauschobjekt für die Familie in schlechten Zeiten und setzt in noch schlechteren, inmitten von Flucht und Gewalt, alle Hoffnungen auf ihren längst schon ins Soldatenleben entglittenen Sohn.

Serah wächst mit Rumba auf, mit westlichen Orientierungen und der schnell zerschlagenen Hoffnung auf politischen Neubeginn, so dass nur der Beschluss, keine Angst zu haben, sie handlungsfähig hält, als die Welt um sie herum aus den Fugen gerät.

Das "Damals", als alle mit Sack und Pack hinausgezogen waren, um die Wildnis urbar zu machen, rückt mit der Zeit in den Hintergrund, ebenso wie die einstige Ordnung, an der alle einen festen Platz, eine genau umrissene Rolle hatten. Die vier Frauen oder Tanten, deren Stimmen Aminatta Forna hörbar werden lässt, kennen die Genealogie dieser riesigen Familie sehr genau, wissen von den Verletzungen, von Rivalitäten und Ungerechtigkeit ebenso wie von Zusammengehörigkeit, Verständnis und Solidarität.

Vor allem aber stellen sie ihre eigene Perspektive in den Vordergrund, ihre jeweils unterschiedlichen Erfahrungen zwischen Tradition und Modernisierung. Gelegentlich knüpfen sie auch ein Band zu der Zuhörenden, die gewissermaßen von Draußen kommend eingeweiht werden soll in die Verzwicktheiten des Familienkosmos, die Schicksalsschläge, die Folgen der eigenen Fehleinschätzungen. Denn diese Situation ähnelt einer Selbsterkundung und bietet die Möglichkeit, mit kleinen Beobachtungen und Abschweifungen das eigene Leben zu skizzieren, seine Muster zu verstehen.

Getragen werden die Erzählungen vom Eigensinn der Protagonistinnen, ihrem Witz, ihrer Geistesgegenwart und ihrer Poesie. Hin und wieder markieren Einschübe auch die Differenz zu der aus dem fernen London angereisten Verwandten.

Dass dies ein Roman ist und alles andere als einfache Wiedergabe wörtlicher Rede, liegt an Fornas kunstvoller Verdichtung, an ihrem sicheren Gespür für Andeutungen, für einprägsame Bilder und Episoden - und sei es nur der Kauf von ein paar roten Schuhen. Folgenreiche Konstellationen und exemplarische Momente verpackt sie in ihr raffiniert verwobenes Stimmengefüge. Außerdem hat sie nicht nur mit der Kaffeeplantage einen aus der Zeit gefallenen Ort geschaffen, auch das Land ist ein fiktives afrikanisches Irgendwo, geprägt von den Verwerfungen der Geschichte - vom Kolonialismus ebenso wie von der Brutalität jüngerer politischer Konflikte und der Gewalt gegen die Zivilbevölkerung. Insofern ist ihr weit mehr gelungen als ein Familienroman!

Rezensiert von Barbara Wahlster

Aminatta Forna: Abies Steine
aus dem Englischen von Sabine Schwenk
Berlin Verlag 2007
416 S., 22,90 Euro