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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.07.2012

Vielstimmiges Palaver

Germán Kratochwil: "Scherbengericht", Picus, 311 Seiten

Der Roman "Scherbengericht" spielt in Argentinien (hier Buenos Aires).
Der Roman "Scherbengericht" spielt in Argentinien (hier Buenos Aires). (AP Archiv)

In Germán Kratochwils Roman "Scherbengericht" treffen Menschen aus drei Generationen zur Jahrtausendwende aufeinander, die alle Teil der gemeinsamen Auswanderungsgeschichte aus Europa sind. Und natürlich spielt auch die Nazizeit eine Rolle.

In diesem Roman wird mit Walen gesprochen und mit Indianern, außerdem mit Investoren, Großmüttern, Vätern, Töchtern, mutmaßlichen Nazis, Sektenführern, Einwanderern, Emigranten und mit der zweiten Generation von Überlebenden des Holocaust. Manche kommunizieren mit Worten, andere prustend, trommelnd, singend oder fortwährend den Kochlöffel schwingend und dabei Milch aus Brustwarzen absondernd. Germán Kratochwil erzählt in seinem ersten Roman "Scherbengericht" von einem großen, vielstimmigen Palaver unter Auswanderern in Argentinien.

Eine heitere Abschiedsstimmung oder eine melancholische Zuversicht trägt den ungewöhnlichen Familienroman, der zum 90. Geburtstag von Clementine Holberg drei Generationen zusammenführt. Martin, der Sohn der Jubilarin, holt zu Beginn seine schöne, nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter verwirrte Tochter Katharina aus der Psychiatrie und fährt einen großen Umweg, um mit ihr in Patagonien die Wale zu besuchen.

Dann versucht der anerkannte Minderheitenschützer erfolglos, zwischen Landkäufern und Indianern zu vermitteln. Am dritten Tag, dem Geburtstag der Großmutter am 1.1.2000, treffen Sohn und Enkelin auf dem Bauernhof ihrer Freunde Treugott und Rotraud Lagler ein. Clementines Enkel Gabriel, der seinen Vater hasst und sich einem aus Ascona nach Argentinien eingewanderten Sektenführer angeschlossen hat, schwebt vom Himmel mit dem Paragleiter
Gastgeberin Rotraud hat bereits zwei Tage lang versucht, mit aufgesetzter Fröhlichkeit die Depressionen ihres unter Hüftschmerzen leidenden Mannes zu verscheuchen und die anderen Gäste und Freunde zu unterhalten: Der Psychoanalytiker Elias Königsberg verfasst seine Memoiren und scheut vor dem Jahr 1938, in dem sich Österreich Hitler willkommen hieß; seine Frau Gretl glaubt in einem weiteren Geburtstagsgast einen alten Nazi zu erkennen, weil er aus Mauthausen stammt, und ihr kräftiger Neffe und seine junge Frau präsentieren ein neues israelisches Selbstbewusstsein. Auch weil sich die Jubilarin einige nationalsozialistische Überzeugungen erhalten hat, sind alle Begegnungen nicht unproblematisch.

Die drei Tage des Romans erinnern an die drei Akte der antiken Tragödie: Der letzte Akt, die Geburtstagsfeier, fällt mit einem Selbstmord zusammen. Kratochwil springt geschickt hin und her und lässt jede Person in eigenen Kapiteln ihre Sicht der Dinge darstellen. Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen aus Österreich geflohen oder ausgewandert sind, resümieren ihr 20. Jahrhundert, und für alle findet Kratochwil eine eigene Stimme.

Nur selten bereitet ihm die Einbettung der historischen Informationen Mühe. Als Kind ist der etwa 70-jährige Germán Kratochwil selbst nach Argentinien ausgewandert. In seinem Debüt erzählt er farbig und kräftig, ohne die Figuren bloßzustellen. Es versammelt die Biografien der Außenseiter zu einem Bild des Jahrhunderts, zu einem "Scherbengericht" – und einem intelligenten Unterhaltungsroman.

Besprochen von Jörg Plath

Germán Kratochwil: Scherbengericht
Roman, Picus, Wien 2012, 311 Seiten, 22,90 Euro