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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 27.09.2006

"Vielleicht ist die Situation jetzt schlimmer"

Der irakische Journalist Najem Wali zum Wirbel um "Idomeneo"

Moderation: Christine Deggau

Das Gebäude der Deutschen Oper Berlin leuchtet in der Morgensonne. (AP)
Das Gebäude der Deutschen Oper Berlin leuchtet in der Morgensonne. (AP)

Der irakische Schriftsteller und Journalist Najem Wali glaubt, dass die Aufregung um die Absetzung der Oper "Idomeneo" erst recht zu Provokationen führen wird. Durch die Öffentlichkeit treten die Islamisten auf den Plan, glaubt Wali. "Man hätte das auch unter sich ausmachen können", sagte er im Deutschlandradio Kultur.

Deggau: Sie haben es vielleicht in der Zeitung schon gelesen: Die Deutsche Oper Berlin hat die Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" in der Inszenierung von Hans Neuenfels aus dem Programm genommen. In dieser Aufführung, die bereits im Jahr 2003 Premiere hatte, schleift Idomeneo, König von Kreta, die abgeschlagenen Köpfe der Religionsvertreter Jesus, Buddha und Mohammed auf die Bühne. Frei nach dem Motto: Gott ist tot, es lebe der Mensch! Nun meldete sich das Landeskriminalamt bei der Deutschen Oper und warnt: die Inszenierung stelle ein zur Zeit "unkalkulierbares Risiko für das Haus" dar. Die Deutsche Oper reagierte sofort. "Idomeneo" wurde umgehend abgesetzt. Eine Entscheidung, die auf wenig Verständnis stieß. Von einer "kolossalen Fehlentscheidung sprach gestern Kulturstaatsminister Neumann, SPD-Fraktionschef von einer "Kapitulation". Von "Selbstzensur" und "vorauseilendem Gehorsam" ist allerorts die Rede. Der Publizist Henryk M. Broder hat dazu eine dezidierte Meinung. Am 11. September dieses Jahres war er hier im Deutschlandradio Kultur zu Gast:

Broder: "Was jetzt schiefgeht: Der Streit um die Mohamed-Karikaturen, den wir erlebt haben, als praktisch ganz Europa einknickte, und als praktisch jede europäische Zeitung sich mit Jylands Posten hätte solidarisieren müssen, zeigt, für was für einen geringen Anlass wir bereit sind, zurückzustecken. Dieser Mohamed-Karikaturenstreit war eine Art von Generalprobe. Was der Westen machen könnte, wäre erst einmal entschieden auftreten."

Deggau: Sie ist entschieden aufgetreten und hat gezeigt, wie schnell man einknicken kann. Kirsten Harms' Begründung für die Absetzung der Mozart-Oper gestern auf einer Pressekonferenz:

"Eine Sicherheitsbehörde, die eine Fachbehörde ist, hat eine Einschätzung abgegeben. Würde ich diese ignorieren und sagen, wir spielen trotzdem oder jetzt erst recht, und es würde etwas passieren, so würde jeder im Nachhinein mit Recht sagen, sie hat sich über die Warnung des Innensenators als auch des Landeskriminalamtes hinweggesetzt."

Deggau: Zensur, Selbstzensur, vorauseilender Gehorsam, darüber wollen wir jetzt mit dem irakischen Schriftsteller Najem Wali sprechen. Er flüchtete 1980 vor Zensur und Folter aus dem Irak und lebt heute als Schriftsteller und Journalist in Hamburg. Guten Tag, Najem Wali.

Wali: Guten Tag, Frau Deggau.

Deggau: Wer hat Recht, Henryk M. Broder oder Kirsten Harms?

Wali: Broder hat schon Recht dabei, aber es geht jetzt nicht - weder noch. Für mich ist dieser Vorfall auch nicht der erste. Also gestern hat der "Tagesspiegel" in der gestrigen Ausgabe viele Fälle aufgezählt, und die waren mir alle bekannt. Für mich persönlich - seit Jahren, oder genauer gesagt seit der Fatwa gegen Salman Rushdie, beobachte ich die Lage auch hier in Deutschland mit Besorgnis.

Deggau: Sie sind ja vor mehr als 20 Jahren nach Deutschland gekommen, auch um hier die künstlerische Freiheit zu leben. Wie ist das, wenn jetzt so eine deutsche Oper, die ja ein großes Haus ist, ihr Programm umschmeißt, aus Angst vor islamischen Reaktionen?

Wali: Natürlich, die künstlerische Freiheit. Wäre ich an ihrer Stelle, hätte ich das nicht gemacht. Also ich bin jemand, der ins Exil gegangen ist, weil ich mich der Zensur im Irak nicht beugen wollte. Erlauben Sie mir bitte, kurz zu sagen: Ich habe zwei Mal Zensur in meinem Leben erlebt. Einmal in Bagdad, als ich im Bagdader Rundfunk gearbeitet habe. Und man hat mich vor die Tür gesetzt, weil ich das nicht akzeptiert habe, weil ich machen wollte, genau nach dem Gewissen eines freien Künstlers. Und das zweite Mal habe ich hier in Deutschland erlebt, in einer Medienkulturanstalt, bei der Deutschen Welle. Da hat man mich und später meine Frau vor die Tür gesetzt.

Deggau: Und warum das?

Wali: Warum? Genau wegen dieser islamischen Tendenzen. Das war schon vor dem Tod des holländischen Filmemachers van Gogh, dessen Tod viele Kollegen in Schrecken und Entsetzen gestürzt hat. Da musste ich selbst an meiner Haut den Arm der Zensur erfahren, auf eine brutale, unverschämte Weise. Ich werde Ihnen zitieren, ein Zitat, das ich in einem Artikel im "Spiegel", im September 2004, im Rahmen der damaligen Buchmesse geschrieben habe. Und da habe ich geschrieben: "Die Fundamentalisten bestimmen heute weitgehend das Geschehen. Sie haben die wichtigen audiovisuellen Medien infiltriert und zwar nicht nur in der arabischen Welt. Zwei aktuelle Beispiele belegen, wie weit die mediale Unterwanderung in Westeuropa vorangekommen ist". Und da rede ich von der Deutschen Welle und sage, die in der Deutschen Welle praktizieren einen journalistischen Arbeitsstil, der nichts mit Sorgfaltspflicht und sauberer, gewissenhafter Recherche zu tun hat. Die im Westen geltenden Grundwerte missachtet diese Art von Journalismus durchgehend. Im Falle der Deutschen Welle steht zu befürchten, dass auf Kosten deutscher Steuerzahler Programminhalte mit islamistischer Tendenz verbreitet werden. Nach diesem Zitat bekam ich ein Hausverbot. Der Programmchef, ich habe mit ihm gesprochen, der kennt natürlich die Vorwürfe. Dieser Mann bezieht sich auf einen anonymen Brief eines Mitarbeiters, der auf dem Tisch des Programmdirektors lag. Und daraufhin haben er und der Chefredakteur von Fremdsprachen zu einer Vollversammlung der arabischen Redaktion zusammengerufen. Ich war dabei und der Programmdirektor betonte in der Versammlung, er sagte, es dürfe nicht die kleinste Schattierung einer inhaltlichen Veränderung betreffend der Kommentare, die von der Zentralredaktion der DW stammen, geben. Und mithin dürfte es dort auch keinen Platz für die Verbreitung islamistischer Tendenzen geben.

Deggau: Herr Wali, kommen wir vielleicht noch einmal auf die Oper jetzt zu sprechen. Wie empfinden Sie denn selbst diese geschilderten Regietaten von Hans Neuenfels, der ist ja bekannt als Provokateur, wie empfinden Sie das, wenn die Köpfe von Mohammed, Jesus und Buddha blutend da aus dem Sack geholt werden? Beleidigt Sie das in Ihren religiösen Gefühlen?

Wali: Mich beleidigt kein Künstler, was er macht. Und wie Heinrich Böll gesagt hat: Die Kunst muss selber wissen, wenn geschossen wird, dann wird auf sie geschossen. An ihrer Stelle, wenn ich Angst gehabt hätte, dann hätte ich das nicht machen sollen, überhaupt diese Inszenierung. Ich kann jetzt nicht mit einer Inszenierung anfangen, total davon überzeugt, und danach kurzerhand sage ich das ab.

Deggau: Aber ich meine, man muss sich nun auch einmal ein bisschen in die Situation hineinversetzen von Kirsten Harms: Sie bekommt Meldung, dass das Haus gefährdet ist. Wie hätte sie reagieren sollen? Sie sagt ja auch, wenn etwas passiert wäre, wäre sie natürlich verantwortlich gewesen, das ist ein Dilemma.

Wali: Ja, dann will sie auch nächstes Jahr die Inszenierung weiterführen. Dann wird das Gleiche passieren. Was wird sich ändern in einem Jahr? Vielleicht ist die Situation schlimmer. Jetzt, durch die Presse und durch diese Anmeldung, wissen viele, die nicht einmal wissen sollten - wer geht in die Oper, es geht eine bestimmte Schicht. Und jetzt weiß es die ganze Welt, auch einige, selbst Islamisten, werden sagen, das ist eine gezielte Provokation. Man hätte das auch unter sich machen können, aber jetzt durch die Öffentlichkeit ist die ganze Geschichte rausgeflogen.

Deggau: Und dadurch, dass Kirsten Harms jetzt auch buckelt, dass sie sich wirklich geschlagen gibt, hat sie natürlich auch Fundamentalisten womöglich auf den Plan gerufen. Ist es denn so, dass der lange Arm wirklich jetzt schon so weit rein reicht, dass die westlichen Grundwerte, wie Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst, hier in Frage gestellt werden?

Wali: Ja, ich habe Ihnen erzählt, wenn jetzt im arabischen Programm der Deutsche Welle, dass man Hamas als islamische Widerstandsbewegung nennt. Stellen Sie sich vor, dass Sie das machen, jetzt in Deutschlandradio. Wie wäre da die Reaktion der Hörer? Ich meine, wenn Hamas als wortwörtlich […] auf arabisch die islamische Widerstandsbewegung, und der Chefredakteur weiß das und der Chefprogrammdirektor, und alle im Haus das wissen. Und derjenige, der das sagt, wird befördert sogar, zum neuen TV Deutsche Welle, der neu gegründeten arabischen Redaktion, wird befördert und arbeit dort. Dann erzählen Sie mir, wer hatte die Hand hier in diesem Land.

Deggau: Selbstzensur, wo fängt sie an? Sie haben das ja wahrscheinlich selbst auch erlebt. Wie verändert sie einen kreativen Menschen, den Prozess der Arbeit?

Wali: Das ist, wenn man Angst hat, die Zensur fängt draußen erst einmal an, und dann diese [unverständlich] schleicht sich ein, innerhalb der Menschen. Und ich kenne das auch bei vielen Kollegen. Viele Kollegen, die um ihr Brot kämpfen, viele haben Angst. Herr Struck oder der Kulturminister können uns nicht garantieren, wenn jemand couragiert, wie sie von uns verlangen, wenn jemand couragiert eintritt, dass er nicht rausgeworfen wird, oder dass er nicht arbeitslos wird, oder dass ihm nicht Gefahren lauern. Das können sie ihm nicht garantieren. Und deshalb haben viele Kollegen auch Angst, den Mund aufzumachen.

Deggau: Aber wie ist es denn bei Ihnen? Wie ist es bei Ihnen, wenn Sie jetzt - ich weiß nicht, schreiben Sie gerade an einem neuen Buch?

Wali: Ich schreibe jetzt an einem neuen Buch.

Deggau: Und dieses Gefühl der Selbstzensur, wie Sie es vielleicht im Irak erlebt haben, das ist jetzt schon eine Weile her, dringt das manchmal noch zu Ihnen vor? Dass Sie denken: Nein, das kann ich jetzt so nicht schreiben, es könnte irgendwie etwas mit sich ziehen, was ich jetzt gar nicht überblicke.

Wali: Manchmal kommt diese Stimme bei mir und gerade wenn ich diese Stimme zuhöre, das provoziert mich wirklich, dass ich das Gegenteil mache. Es ist, als ob ich gegen mich auch kämpfe, gegen diese Stimme, die bei mir manchmal auftaucht, das ist legitim. Ich will jetzt nicht heldenhaft von mir reden. Aber das tauchte im Irak, als ich da war - diese Selbstzensur war drin und deshalb habe ich auch nicht geschrieben. Ich habe zwei, drei Jahre, die letzten drei Jahre im Irak, geschwiegen, also ich habe kein Wort geschrieben. Allein das war verdächtig, das war verurteilt von der Regierung: Wieso hat er kein Wort geschrieben? Und jetzt im Ausland, wo auch die Islamisten im Irak auf dem Vormarsch sind, dann bekommt man Angst. Und hier, ich habe gedacht, in einem demokratischen Land - wenn ich jetzt mit Verwandten, Freunden im Irak, von den Islamisten hier in Europa rede, oder sie die Nachrichten lesen, die schütteln den Kopf und sagen: Wo lebt Ihr, in Teheran? Glauben Sie mir, als ich als Mitarbeiter der arabischen Redaktion der Deutschen Welle gearbeitet habe, ich habe das Gefühl gehabt, ich arbeite in Damaskus, unter der Führung der Baath-Partei.

Deggau: Aber Sie waren bei der Deutschen Welle. Najem Wali, ich danke Ihnen sehr. Das war der Schriftsteller und Journalist, Najem Wali, aus Hamburg. Auf Wiedersehen.

Wali: Ja, vielen Dank. Tschüss.

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