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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.08.2006

"Vieles im Journalismus ist Recycling"

Journalistik-Professor Weischenberg: Selbstständige Recherche wird seltener

Moderation: Matthias Hanselmann

Die Leitmedien geben die Themen vor. (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)
Die Leitmedien geben die Themen vor. (Stock.XCHNG / Atena Caline Azevedo Kasper)

Der Autor der Studie "Journalismus in Deutschland 2005", Siegfried Weischenberg, sieht in den deutschen Medien zunehmend die Tendenz zu Informationsrecycling. Einige wenige Leitmedien geben Themen und Tenor der Berichterstattung vor, der Rest zieht nach. Begünstigt werde diese Tendenz durch den Stellenabbau in den Medien und durch weniger gründliche Recherche, sagte der Journalistik-Professor im Deutschlandradio Kultur. Die Studie wird unter dem Titel "Souffleure der Mediengesellschaft" im September als Buch erscheinen.

Lesen Sie hier Auszüge aus dem Interview mit Siegfried Weischenberg:

Hanselmann: Wer sind sie denn, die Einflüsterer?

Weischenberg: Das ist eine sehr heterogene Gruppe. Es gibt Einflüsterer, die nicht nur einfach als Souffleure im Souffleurkasten sitzen, sondern selbst auf die Bühne streben, die kennen wir aus dem Fernsehen. Das sind dann schon fast Journalistendarsteller (…). Dann gibt es die Gesamtgruppe der Journalisten, die wir untersucht haben mittels einer repräsentativen Studie. Und dann gibt es immer mehr so Teilzeitjournalisten und professionelle Amateure am Rande des Journalismus. Die zählen sich vielleicht selbst mit dazu, die waren nicht Gegenstand unserer Studie, die bedeuten aber für den Beruf eine sehr große Herausforderung.

Hanselmann: Lassen Sie uns noch einen Moment bei den Einflüsterern dieser Mediengesellschaft bleiben. Worin sind sie sich einig?

Weischenberg: Die Einflüsterer sind sich, das ist der positive Befund unserer Studie, darin einig, dass sie in erster Linie schon Vermittler sein sollen, dass sie im Grunde genommen das tun, was wir von Journalisten erwarten, nämlich neutral zu informieren. Dahinter steckt noch eine andere Frage. Was sind das für Texte, die sie da der Gesellschaft zuflüstern? Sind das ihre eigenen Texte - das ist bei den so genannten Alphatierchen in starkem Maße der Fall - oder sind das Texte, die z.B. aus dem Bereich von Public Relations kommen, also in einer bestimmten Weise interessengesteuert sind. Dieser Begriff "Souffleur" ist sehr schillernd. Einerseits könnte man sagen, entspricht der reinen Lehre des Journalismus, dass man nur etwas weitergibt, andererseits könnte man sagen, der Begriff "flüstern" hat ja auch eher negative Konnotationen. Es sind also eine ganze Reihe von Problemen damit verbunden, die wir versucht haben zu analysieren.

Hanselmann: Die Orientierung an Leitmedien und Kollegen ist größer geworden. Woher kommt das? Sind Journalisten heutzutage nicht mehr in der Lage, sich eigene Standpunkte zu erarbeiten?

Weischenberg: Das hat auch mit den beruflichen Bedingungen der Journalisten zu tun. Wir haben ja festgestellt, dass die Zahl der hauptberuflichen Journalisten sich reduziert hat gegenüber unserer ersten Studie im Jahr 1993, also mehr als zehn Prozent weniger Leute machen heute mehr Programm und füllen mehr Seiten, als es vor zwölf Jahren der Fall war. Und das bedeutet, da ja der Arbeitstag nicht unbegrenzt vermehrbar ist, dass man bestimmte Abstriche machen muss. Und unsere Daten zeigen sehr deutlich, dass die Abstriche eher im Bereich der selbstständigen Recherche gemacht werden. Das heißt also, Journalismus bezieht sich sehr stark auf andere Medien, vieles im Journalismus ist nur sowas wie Recycling, Journalisten haben vor allem Journalisten als Freunde, man brät so ein bisschen im eigenen Saft, Stichwort Selbstreferenz, und das ist sicherlich ein Problem unseres Journalismus in Deutschland.

Hanselmann: Besteht dadurch die Gefahr, dass Einheitsmeinungen produziert werden, dass sogar Falschmeldungen kolportiert werden und die dann in der Öffentlichkeit zu Wahrheiten werden, die eigentlich keine sind?

Weischenberg: Die Gefahr liegt auf der Hand und die sehen wir ja auch alle Tage, wenn eine Geschichte einmal in eine bestimmte Richtung läuft, dann gibt es sehr viele, die da nachziehen, und dann haben es "andere Wahrheiten" sehr schwer, dagegen zu halten. Das ist sicherlich ein Teil des Problems in dieser Mediengesellschaft und ich denke, einen Teil des Problems haben wir im letzten Jahr im Zusammenhang mit dem Bundestagswahlkampf auch beobachten können, als bestimmte Meinungsmacher in eine bestimmte Richtung marschiert sind, als sich das Ganze verdichete, Schröder hat das ja hinterher sehr persönlich genommen aus gutem Grund, als man den Eindruck hatte, dass die Wahl schon sehr frühzeitig entschieden war und alle hinterher überrrascht waren, dass es dann doch dieses relativ offene und gleichmäßige Wahlergebnis gab zwischen den großen Parteien.

Hanselmann: D.h. ich muss als Verbraucher noch mehr aufpassen, wo ich mich informiere?

Weischenberg: Ja sicher (…), umgekehrt besteht für die Medien die Herausforderung darin, glaubwürdig zu wirken, Glaubwürdigkeit ist die Münze, mit der bezahlt wird heutzutage. Glaubwürdiketi wird vom Publikum zugewiesen, aber auch sehr schnell wieder entzogen. Wer also mehrmals diese Glaubwürdigkeit enttäuscht hat, wird sicherlich auf dem Medienmarkt ein Problem bekommen.

Hanselmann: Noch einmal zum Thema Online-Recherche: Wie wirkt sich der Boom des Internet und der Internet-Informationsbeschaffung auf unseren Beruf, auf den Beruf des Journalisten aus? Man könnte ja annehmen, dass wir, weil wir viel schneller an Infos rankommen als früher, viel mehr Freizeit haben müssten…

Weischenberg: So ist es nicht. Der Arbeitstag ist noch dichter geworden. Es ist leichter an Informationen zu kommen, nur die Informationen sind doch häufig mit Vorsicht zu genießen. Da sind wir wieder beim Thema Selbstreferenz. Durch Online-Recherche wird schon das Recycling von Informationen begünstigt. Und es wird andererseits im negativen Sinne begünstigt, dass Journalisten sehr viel weniger, als es früher der Fall war, rausgehen und wieder "die Wirklichkeit versuchen zu beobachten" und stattdessen ins Netz gehen. (…) Man begnügt sich mit dem, was man im Netz vorfindet, und das ist oft alles andere als neu und alles andere als abgesichert.

Sie können das vollständige Gespräch mit Siegfried Weischenberg für begrenzte Zeit in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Souffleure der Mediengesellschaft

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