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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.07.2011

"Viel Arbeitslosigkeit, gute Ausbildung"

Wie eine Bremer Firma neue Fachkräfte in Spanien suchte und fand

Ronald Wermann und Gonzalo Sierra Rodriguez im Gespräch mit Hanns Ostermann

Menschen vor einem Arbeitsamt in Madrid (AP)
Menschen vor einem Arbeitsamt in Madrid (AP)

Ein Inserat in einem spanischen Internetportal, 37 Bewerbungen, acht Gespräche: Die abat AG aus Bremen hat sich mit Software-Spezialisten aus dem südeuropäischen Land verstärkt. Zu verdanken war dies der Initiative eines spanischen Mitarbeiters, der seit fünf Jahren in Deutschland lebt.

Hanns Ostermann: Deutschland sucht Fachkräfte, händeringend Fachkräfte, das ist bekannt. Nur, woher sollen sie so schnell wie möglich kommen? Der freie Zugang für osteuropäische Arbeitnehmer seit dem 1. Mai hat dieses Problem nicht gelöst, es muss anderswo gesucht werden, beispielsweise in krisengebeutelten Regionen Europas – gemeint sind Spanien, Portugal, Griechenland.

Welche Erfahrungen man auf diesem Gebiet gemacht hat, darüber habe ich mit Ronald Wermann gesprochen. Er ist Vorstand Marketing bei der
abat AG, einem Unternehmen, das sich auf die Einführung von SAP-Software in der Autoindustrie und Logistikbranche spezialisiert hat, der Hauptsitz ist Bremen. Und an seiner Seite Gonzalo Sierra Rodriguez, der schon seit einigen Jahren für die Firma arbeitet. Meine erste Frage an Herrn Wermann: Warum haben Sie niemanden in Deutschland gefunden?

Ronald Wermann: Das ist so nicht richtig, wir haben in Deutschland eine ganze Reihe von Mitarbeitern gefunden. Wir haben dieses Jahr schon zwölf Hochschulabsolventen eingestellt und auch mehrere im Bereich Dualem Studium und für Fachinformatikerausbildung – aber nicht ausreichend, weil unser Job so ist, dass man die ganze Woche aushäusig ist. Wir arbeiten direkt beim Kunden vor Ort und damit ist man von montags bis freitags in der Regel unterwegs. Und das wollen auch nicht alle Hochschulabgänger.

Ostermann: Und wie kamen Sie dann auf die Idee, gerade in Spanien zu suchen?

Wermann: Da hat uns unser Kollege Gonzalo drauf gebracht, der selber Spanier ist und seit mehreren Jahren bei uns arbeitet und sagte, bei uns gibt es viel Arbeitslosigkeit und gute Ausbildung.

Ostermann: Sie haben Herrn Rodriguez schon angesprochen, der dann auch mit in Madrid bei der Suche nach entsprechendem Personal war. Herr Rodriguez, wie sind Sie da im Einzelnen vorgegangen?

Gonzalo Sierra Rodriguez: Ja also, ich kenne ein bisschen die Situation in Spanien und kannte auch das Problem bei uns in der Firma. Also habe ich diesen Vorschlag gemacht, neue Mitarbeiter auch in Spanien zu suchen. Ich kannte da ein paar Portale, wo man die Leute alle suchen konnte, und das war mein Vorschlag und der wurde von der Firma angenommen, einfach so.

Ostermann: Sie haben im Internet inseriert?

Rodriguez: Genau. Also, wir haben im Internetportal, im Arbeitssucheportal eine Anzeige gemacht und das war einfach die Idee, einfach ein paar Mitarbeiter da zu finden.

Ostermann: Wie groß war denn das Interesse, also, wie viele Leute haben sich dann gemeldet auf Ihr Inserat hin?

Rodriguez: Also, insgesamt ungefähr 37 Bewerber, davon ein paar, die einfach kein Deutsch konnten, also sie haben einfach auf Spanisch geantwortet, und schließlich haben wir acht, glaube ich, eingeladen zu einem Vorstellungsgespräch.

Ostermann: Und fließendes oder sehr gutes Deutsch war die Grundvoraussetzung, den Job zu bekommen?

Rodriguez: Gutes Deutsch, ja. Dass wir mindestens das Vorstellungsgespräch auf Deutsch machen konnten.

Ostermann: Sie haben gesagt, Sie kennen natürlich die Situation in Spanien sehr gut. Wie hoch ist da die Arbeitslosigkeit, wie groß ist die Not, einen geeigneten Beruf oder eine geeignete Stelle zu finden?

Rodriguez: Also, was ich sehr dramatisch finde, ist die Situation der jungen Leute. Ich war auch Absolvent bei der Uni und junge Leute, die ihren ersten Job suchen, das ist sehr, sehr schwierig. Ich glaube, momentan ist die Ziffer bei 44 Prozent. Und da habe ich Potenzial für uns gesehen, also junge Leute, die direkt von der Uni kommen und erste Arbeitsplätze suchen.

Wermann: Dazu kann man vielleicht noch sagen, dass auch Spanisch für uns nicht uninteressant ist, da wir auch im spanischen Sprachraum Projekte machen und eine Tochterfirma in Mexiko haben, die natürlich auch Spanisch sprechen, und wir also auch mit der Sprache einiges anfangen können.

Ostermann: Aber wie schwer fällt es dann, Herr Rodriguez, den Menschen, die Heimat zu verlassen? Vielleicht auch – Sie sind ja schon seit einigen Jahren da –, aber zunächst vielleicht auch einmal ohne die Familie nach Deutschland zu kommen?

Rodriguez: Ja, das finde ich auch sehr schwierig natürlich. Das war auch meine Situation vor fünf Jahren, dass ich meine ganze Familie verlassen musste, aber man muss auch eine Perspektive suchen. Und ich finde, der Vorteil, den die neuen Kollegen bei uns haben, ist, dass sie einen Job hier haben und zweitens Deutsch können. Sie waren auch alle schon mal in Deutschland, sie haben hier ein Jahr Erasmus gemacht und das finde ich auch interessant.

Ostermann: Herr Wermann, was macht Ihr Unternehmen, um das Einleben zu erleichtern? Oder spielt das für Sie gar keine so große Rolle?

Wermann: Also, wir haben eine ziemlich multinationale Belegschaft, das heißt, wir haben Russen, Chinesen, Spanier und alles mögliche bei uns im Beratungs- und im Entwicklungsumfeld, und dort, wo es erforderlich ist, helfen wir natürlich mit Sprachunterricht, aber hier in diesem speziellen Fall holen wir ja Leute her, die Deutsch schon sehr gut können, sodass wir nicht glauben, dass wir da etwas tun müssen. Was wir machen, ist, dass wir ihnen Mentoren an die Seite stellen, die ihnen hier das Einleben etwas leichter machen und die ihnen auch die Eingewöhnung in den Job natürlich etwas leichter machen.

Ostermann: Nun sucht ja auch die Bundesagentur für Arbeit Fachkräfte in Spanien, Portugal oder Griechenland. Warum nutzen Sie in ihrem Unternehmen eigentlich nicht deren Vorschläge, sondern suchen selbst?

Wermann: Weil die Anforderungen, die wir an entsprechendes Personal haben, von uns auch am besten beurteilt werden kann und wir uns lieber auf unsere eigene Einschätzung, was Menschen anbelangt, verlassen möchten. Wir haben eine sehr gute Firmenkultur und möchten die natürlich auch beibehalten, und da ist es sehr wichtig, dass Menschen auch menschlich ins Team passen und nicht nur qualifikationsmäßig.

Ostermann: Gilt das eigentlich auch für andere Unternehmen so, sodass die Bundesagentur eigentlich gar nicht suchen müsste?

Wermann: Das kann ich nicht sagen, wie hoch der Stellenwert der Firmenkultur bei anderen Unternehmen gesehen wird. Für uns ist es sehr, sehr wichtig, da wir in einem sehr stark umkämpften Markt sind, was Arbeitskräfte angeht, Fachkräfte angeht, und wir dementsprechend also auch unsere Firma so führen müssen, dass die Menschen uns nicht wieder verlassen.

Ostermann: Herr Rodriguez, ist denn Deutschland mittlerweile Ihre zweite Heimat geworden oder wollen Sie irgendwann doch wieder nach Spanien und in Spanien arbeiten?

Rodriguez: Ja, also, ich muss ganz ehrlich sein, ich fühle mich hier in Deutschland zu Hause. Natürlich würde ich auch lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass ich jeden Tag Heimweh habe, weil Spanien mein Land ist. Ich habe meine Familie, meine Freundin da gelassen, aber ich fühle mich hier wohl und ich könnte mir momentan nicht vorstellen, wieder nach Spanien zurückzukehren, weil einfach meine Lebensqualität hier sehr gut ist. Und deshalb kommt das momentan nicht infrage.

Ostermann: Deutschland sucht Fachkräfte. Ich sprach mit Ronald Wermann und Gonzalo Sierra Rodriguez von der abat AG. Haben Sie beide vielen Dank für das Gespräch!

Wermann: Wir danken Ihnen!

Rodriguez: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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