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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.08.2016

Video-Künstler und ihre VerantwortungWird Youtube bald zum Müllplatz?

David Hain im Gespräch mit Nana Brink

Schleichwerbung ist bei vielen Youtube-Shows verbreitet. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
Wird YouTube bald zum "Müllplatz", der ambitionierte Video-Künstler nicht mehr interessiert? (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)

Die Youtube-Videos, die die meiste Zustimmung erhielten, seien oft "asi und sexistisch", kritisiert der Video-Produzent David Hain. Langfristig werde die Plattform dadurch für ambitionierte Video-Künstler uninteressant, sagt er anlässlich des YouTuber-Treffens "Videodays" in Köln.

Die Gamescom, Europas größte Computerspiel-Messe in Köln, ist in vollem Gange. Auch Youtube-Videos sind dort beim "Video Day" Thema. Aber wird es dort auch um den (selbst-)kritischen Umgang damit gehen? Der Webvideo-Produzent David Hain sieht die populären Produzenten von Youtube-Videos ganz klar in der Verantwortung, ihre Aufgabe als Vorbilder zu erfüllen. Doch dieser Aufgabe sei den meisten offenbar nicht bewusst, denn leider stünden in der Like-Rangliste Video-Inhalte ganz oben, "die man als asi und sexistisch bezeichnen muss".

"Youtube muss sich warm anziehen"

Als Beispiel nennt Hain den Video-Blogger Mert Matan mit seinen "Gay Prank"-Videos, in denen er seinem Vater gesteht, schwul zu sein – und von diesem vor laufender Kamera brutal verprügelt wird. Das Signal, das von solchen Videos für junge Menschen ausgehe, die sich noch in der Phase der sexuellen Orientierung befänden, sei "gefährlich".

Er wünschte, sagte Hain weiter, es gebe während der Gamescom jemanden, "der da hingeht und alle einmal durchschüttelt und sagt: 'Junge, wach auf, du musst für die Kids ein Rollenmodell sein'." An Youtube selbst zu appellieren, sei "sehr schwierig", weil die Video-Plattform selbst Gewinn mit den millionenfach geklickten Filmen mache. Youtube werde "den Teufel tun, einen Riegel vorzuschieben".

Vor diesem Hintergrund sei denkbar, dass sich junge, ambitionierte Künstler, die wirklich etwas zu sagen und zu zeigen hätten, möglicherweise bald eine neue Plattform suchen würden – "und Youtube als Müllplatz zurückbleibt". Die "jungen Wilden" unter den Plattformen wie Snapchat stünden jedenfalls schon in den Startlöchern. Auch große Sender wie RTL oder Pro7 planten eigene Video-Plattformen: "Youtube muss sich warm anziehen."


Das Interview im Wortlaut

Nana Brink: YouTube ist ja einer der wichtigsten Kanäle geworden, um junge Menschen zu erreichen – die folgen dort ihren Stars und klicken die Videos innerhalb kurzer Zeit millionenfach an. Viele Videos sind kommerziell erfolgreich, und die YouTuber dahinter verdienen viel Geld damit. Aber welche Verantwortung haben die Macher hinter den Videos, wenn ihnen Millionen junger Menschen zuschauen? Sind sie Vorbilder und welche Bilder werden denn da propagiert und welche Rolle spielt YouTube selbst? Das ist ein großes Thema auf der Gamescom, der größten Spielemesse, die ja gerade in Köln stattfindet. Heute sind die Videodays, und genau darüber will ich jetzt sprechen mit David Hain. Er ist selbst im Netz unterwegs, Webvideo-Produzent, auch als YouTuber, und Moderator eben auf jener Gamescom. Schönen guten Morgen, Herr Hain!

David Hain: Guten Morgen!

Brink: Was ist denn bei den populären YouTubern derzeit zu sehen, was wird geklickt?

Hain: Im Grunde muss man sich da nur mal auf YouTube selbst umgucken, auf der Trendseite. YouTube hat selbst so ein Format eingeführt, wo man quasi dann auf einen Blick präsentiert bekommt, was sie quasi selbst als Hype den Leuten vorführen wollen. Das wird von einem Algorithmus ausgewertet, der dann schaut, was wird von der Jugend besonders viel gelikt, also was kriegt viele Daumen nach oben, was gucken die häufig und was wird geteilt. Und das sind in erster Linie Inhalte, die man leider als assi ((lt. Duden)) und sexistisch bezeichnen kann. Vieles davon hat diesen Charakter, der geprägt wurde von populären Magazinen wie der "Bild" zum Beispiel, wo du von der Headline angeschrien wirst, die oftmals dann von Brüsten untermalt werden oder von, ja, besonders marktschreierischen Methoden. Das funktioniert gerade brillant auf YouTube und führt dazu, dass gerade die Personen, die dahinter sind, immer größer werden. Da hat sich ein richtiger Personenkult um die entwickelt und leider dementsprechend auch um die falschen Rollenbilder.

Brink: Geben Sie uns doch mal ein Beispiel!

Hain: ApoRed ist eins der bekanntesten Beispiele oder Mert Matan, das sind zwei Namen, die jetzt gerade sehr häufig herumgehen. Mert Matan ist Anfang des Jahres in die Schlagzeilen gekommen, weil den sogenannten Gay Prank gemacht hat, wo er seinem Vater erzählt hätte, er wäre schwul, und der, weil er Muslime ist, verprügelte ihn dann vor laufender Kamera. Und da sind natürlich die Leute Sturm gelaufen, weil sie sagen, was gibt man denn da der Jugend mit. Nehmen wir mal an, du bist ein junger Schwuler und möchtest dich gerade outen oder hast sowieso schon Probleme damit, mit dir und deiner Sexualität zu leben, was ist das, was gibt dir das für ein Bild mit und was gibt das auch den jungen Menschen mit, die selber auch noch gar nicht begreifen oftmals, was ist das, und die oft nachquatschen. Und diese Personen, die nicht älter sind als 20, 21 Jahre, haben sich selbst noch nicht gefunden und geben anderen dann dieses Bild irgendwie mit, und das ist sehr, sehr gefährlich.

"Leute, ihr müsst ein Rollenbild abgeben!"

Brink: Da kommen wir ja eigentlich schon zu der Frage, die ja auch heute auf der Gamescom dann eigentlich auch gestellt wird: Müssen YouTuber ja dann ihrer Vorbildfunktion gerecht werden, oder müssen wir vielleicht vorher fragen, müssen sie überhaupt eine einnehmen?

Hain: Das Ding ist, dadurch – das sagte ich gerade ja auch schon –, dass viele davon sehr, sehr jung sind, die Lochis zum Beispiel. Das sind zwei relativ bekannte, die haben letztes Jahr sogar einen Kinofilm rausgebracht, machen mittlerweile immer mehr auch Musik. Sie haben angefangen, da waren sie 13, sind jetzt, glaube ich, ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht, 18 Jahre alt, aber das sind Menschen, die selber noch in der Entwicklung sind und sich vor allen Dingen deswegen häufig gar nicht bewusst sind, dass sie ein Rollenbild abgeben für die Jugend. Das heißt, ich hab oft das Gefühl, dass man noch Aufklärung bei den YouTubern selber vornehmen müsste, dass man denen selber noch mitteilen müsste: Leute, ihr müsst ein Rollenbild abgeben, wenn ihr in der Öffentlichkeit steht, und wenn ihr so viele Klicks bekommt und wenn ihr vor allen Dingen auch viel Geld damit macht, dann müsst ihr auch als Vorbild dienen. Also da ist viel Aufklärungsarbeit nötig. Ich würde mir manchmal wünschen, dass es an so einem Tag wie heute wie Videodays jemanden gibt, der da hingeht und alle einmal durchschüttelt und sagt, Junge, wach auf, du musst für die Kids ein Rollenmodell sein.

Brink: Aber wie kann man das denn steuern bei so einem Medium wie YouTube, wie kann man das denn hinbekommen, dass bestimmte Inhalte eben hinterfragt werden? Das ist ja schwierig.

Hain: Das ist sehr schwierig, vor allen Dingen weil YouTube ja selbst daran auch beteiligt ist. YouTube möchte ja, dass diese Inhalte geteilt werden, weil das die sind, die gerade funktionieren.

Brink: Damit verdienen sie Geld, ja.

Hain: Genau, YouTube verdient an jedem Video mit und wird natürlich daher auch den Teufel tun und da einen großen Riegel dazwischenschieben. Es gibt eine große YouTuberin, die nennt sich Katja Krasavice, die geht jetzt auf die Millionen Abonnenten zu und macht ihren Content ausschließlich damit, dass sie … Sie hat große Brüste, die hat sie sich machen lassen in Polen, das bewirbt sie auch in ihren Videos, die hat groß aufgeblasene Lippen und setzt sich mit ihrer 14-jährigen Nichte vor die Kamera und schiebt sich Würste so tief in den Hals, wie es nur geht, und erzählt dann davon, was sie für sexuelle Abenteuer schon hatte. Auch da wieder die Frage, was gibt das für ein Bild von Frauen den jungen Mädchen mit, aber eigentlich ist das ein Content, den YouTube laut den eigenen Community-Richtlinien verbieten müsste. Das tun sie aber nicht, weil das Zeug, das wird hunderttausendfach geklickt von den jungen Männern, die darunter nichts anderes zu tun haben, als zu schreiben, Katja, zieh dich mal aus, Katja, wann drehst du deinen ersten Porno. Das ist sehr schade. Ich denke da oft, dass man als Sittenwächter oder eigentlich nur als jemand, der auch mal den Zeigefinger heben möchte, fast an verlorener Front kämpft, wenn die eigene Plattform nichts dagegen tut.

Bleibt YouTube für Video-Schrott?

Brink: Wie geht's weiter? Oder wie müsste es Ihrer Meinung nach weitergehen, Sie haben es ja schon ein bisschen angedeutet?

Hain: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich hab manchmal das Gefühl, dass es an dem Punkt ist, wo das Fernsehen heute steht, die guten Körner, die muss man sich halt raussuchen, man hat so seine Sendung, die versteckt ist unter all dem Müll, der da gesendet wird. So ist es aktuell auch bei YouTube. Man muss sich fragen, ob es irgendwann – gerade in dem Medienzeitalter, in dem wir jetzt gerade stecken, wo die digitalen Medien sich immer weiterentwickeln – ob es da bald eine neue Plattform geben wird, wo die jungen Künstler, die wirklich Videos machen, weil sie was zeigen wollen, weil sie Inhalte transportieren möchten, ob die dann weiterziehen und YouTube dann als Müllplattform zurückbleibt, oder ob es wieder aufwärts geht. Das ist gerade schwer zu sagen, ich hab das Gefühl, YouTube hat seinen Zenit erreicht, und ich bin mir sicher, die jungen Wilden, die warten in den Startlöchern. Snapshot hat ja jetzt gerade seinen großen Moment gehabt, viele Medienhäuser wie RTL oder ProSieben planen große Videoplattformen, also da wird schon noch was kommen. YouTube muss sich warm anziehen.

Brink: Herzlichen Dank, David Hain, Webvideo-Produzent, selbst auf YouTube unterwegs für diese Einschätzung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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