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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.02.2016

Victor Chu: "Vaterliebe"Rückendeckung für nachdenkliche Männer

Von Susanne Billig

Vater und Sohn beim Drachensteigen (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
Väter sind für die Entwicklung ihrer Kinder genauso zuständig wie Mütter, bestätigt Victor Chu in "Vaterliebe". (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Victor Chu bestärkt Väter in seinem neuen Buch. Ihre Präsenz sei für die Entwicklung ihrer Kinder, besonders Jungen, unerlässlich, so der Tenor von "Vaterliebe". Dieses Fazit lässt unsere Rezensentin auch über kleine Schwächen des Autors hinweg sehen.

In seinem neuen Buch "Vaterliebe" spricht der Arzt, Psychologe und vierfache Vater Victor Chu klare Worte: Die Zeit mit kleinen Kindern gehöre zu den härtesten im Leben eines Menschen und stelle eine ungeheure Herausforderung an Toleranz, Liebes- und Leidensfähigkeit dar. Mit guter Menschenkenntnis, einem feinen Gespür für Psychologie und erfreulich viel kritischer Selbstbeobachtung nimmt der Autor die Situation heutiger Väter in den Blick.

Er befasst sich mit dem Sinn des Vaterwerdens, all den Fragen, die bei einer Entscheidung für oder gegen eigene Kinder eine Rolle spielen können, zeichnet die Aufgabe eines Vaters im Entwicklungsverlauf seiner Söhne und Töchter nach und thematisiert ausführlich Ursachen und Folgen der Vaterferne, wenn Männer sich in Karrieren und innere Emigration absentieren.

Väter müssen für ihre Kinder präsent sein

Im Zuge der sozialen Veränderungen der letzten Jahrzehnte habe sich die Rolle des Vaters in der Familie als die schwächste erwiesen, analysiert Victor Chu. Das Patriarchat zerbricht und die Demokratisierung hält auch zwischen Eltern und Kindern Einzug, was männliche Machtworte, die alte Bastion von Vateridentitäten, obsolet macht. Sogar biologisch scheinen Väter im Zeitalter der Samenspende inzwischen verzichtbar. Das allerdings hält der Psychologe für eine fatale Fehlentwicklung.

Präsente Väter sind für die Identitätsbildung vor allem von Jungen von großer Bedeutung, bieten sie im Idealfall doch ein lebendiges Vorbild für eine Männlichkeit jenseits erstarrter Kraftmeierei und der Idealisierung abwesender Väter. An einem Vater, der Anerkennung, Zeit und Liebe schenkt, kann sich ein Kind gleichermaßen orientieren wie abarbeiten und emporranken. Victor Chu nennt ein prominentes Beispiel für die Art von Männlichkeit, die ihm vorschwebt: Nelson Mandela - stark, selbstbewusst, seelisch durchgearbeitet, mitfühlend und verantwortungsbereit.

Victor Chus "Vaterliebe" ist reflektiert und ehrlich

Hier trifft Victor Chus Analyse ins Schwarze: Wofür sollen Frauen nicht alles verantwortlich sein, wenn es um die Psyche ihrer Kinder geht. In "Vaterliebe" plädiert er deshalb dafür, dass auch Väter die volle Verantwortung für die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder übernehmen. Das ist uneingeschränkt zu begrüßen und tröstet über die Schattenseiten des Buches hinweg. Trotz klarer thematischer Gliederung verliert sich der Autor immer wieder in Nebenaspekten und bewegt sich unangenehm nah an rückständigen Familien- und Geschlechterbildern entlang.

Welche Spuren misslingende Vaterbeziehungen im Leben eines Menschen hinterlassen, zeigen die vielen Fallgeschichten des Buches überzeugend und hautnah. Victor Chu arbeitet als Therapeut mit der Methode der Familienaufstellung. Das schärft seinen Blick für generationenübergreifende Verwerfungsmuster innerhalb von Familien, führt aber auch das Pathos und die Naivität vor Augen, mit der die Familienaufstellerei einhergeht; Victor Chu ist da offenkundig keine Ausnahme. Dennoch bleibt dies im Fazit ein ehrliches, wichtiges und reflektiertes Buch, das vor allem nachdenklichen Männern mit Kindern eine Rückendeckung sein kann.

Victor Chu: Vaterliebe 
Klett-Cotta, Stuttgart 2016 
300 Seiten, 22,95 Euro

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