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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 15.12.2012

Verzweifelter Grenzgänger und intellektuell distanzierter Profi

Vor 50 Jahren starb der Schauspieler Charles Laughton

Von Cornelie Ueding

Der britisch-amerikanische Schauspieler Charles Laughton (l) lauscht während der Dreharbeiten zu "Sturm über Washington" den Regieanweisungen von Otto Preminger (r).
Der britisch-amerikanische Schauspieler Charles Laughton (l) lauscht während der Dreharbeiten zu "Sturm über Washington" den Regieanweisungen von Otto Preminger (r). (picture-alliance/dpa/ Fotoreport Columbia)

Charles Laughton war ein dickes Kind und er mochte sich nicht. Schon gar nicht konnte er zugeben, dass er homosexuell war. Nur als Schauspieler war es ihm möglich, sich den unterdrückten Seiten seines Wesens zu nähern. Weit über 100 Rollen gestaltete er, bevor er am 15. Dezember 1962 starb.

Selbst wem der Name Charles Laughton auf Anhieb nichts sagt, kennt den großen Charakterschauspieler zumindest in seiner Glanzrolle des Strafverteidigers Wilfrid Robarts in Billy Wilders sensationellem Film "Witness for the Prosecution" (übersetzt "Zeugin der Anklage").

In Wilder hatte Laughton endlich, fünf Jahre vor seinem Tod am 15. Dezember 1962 in Hollywood, einen kongenialen Regisseur gefunden. Und Marlene Dietrich war die brillante Gegenspielerin, die den "alten Fuchs" im Verlauf des Verfahrens so virtuos auszuspielen versteht, dass man dabei zusehen kann, wie dessen lauernder Überlegenheitsgestus förmlich zerbröckelt. Durchtriebenheit und Naivität, fleischbergartige Wucht und extreme Dünnhäutigkeit – Laughton wirkte zwar, massig wie er war, wie die Verkörperung doggengesichtiger Behaglichkeit, galt aber als extrem schwieriger Schauspieler.

Er war das Kind von Hoteliers, die sich hart hocharbeiten mussten, geboren 1899, aufgewachsen in Scarborough unter Personal, Badegästen und Klosterschülern – allesamt Rollenspieler -, ein Mensch, der immer spielen musste.

Der im puritanischen England wie im nicht minder bigotten Amerika seine Homosexualität überspielen und in vielen Rollen von Außenseitern, Diktatoren und Bösewichten die verbotenen Seiten seines Wesens ausspielen musste. Auf der Suche nach seinem wahren Ich fand er erst mit Mitte 20 zur Schauspielkunst, hatte schnell Erfolg, in London auf dem Theater und in Amerika beim Film. Doch jahrelang quälte er sich durch jede seiner unzähligen Rollen, die er sich obsessiv aneignete und die auch ihn bis zur Erschöpfung malträtierten.

Bei den Dreharbeiten zur "Meuterei auf der Bounty" fraß er sich in die Zwangsvorstellungen des unglückseligen Captain Bligh von bedingungsloser Pflichterfüllung, fanatischem Ausharren und latentem Sadismus bis zur Identifikation hinein.

Wenn ich eine Rolle wie den Bligh spiele, dann hasse ich den Charakter dieses Mannes so sehr, dass ich mich immer bremsen muss, kein "Overacting" zu betreiben, sondern realistisch zu bleiben. Rollen wie diese machen mich physisch krank.

Nicht weniger selbstquälerisch und zerstörerisch waren für ihn die Dreharbeiten in der Rolle des Glöckners von Notre Dame, die mit dem Kriegseintritt Englands gegen Hitler-Deutschland koinzidierten, was den hochsensiblen Schauspieler auch am Set beschäftigte, wie es der Regisseur William Dieterle beschrieb:

"Laughton ließ die Glocken noch läuten, als die Szene längst vorbei war. Schließlich brach er ab, völlig erschöpft. Niemand sprach. Niemand regte sich. Erst in seiner Garderobe brach es aus Charles heraus: Ich konnte überhaupt nicht an Esmeralda denken in dieser Szene. Ich dachte nur an diese armen Menschen dort draußen, die diesen beschissenen Krieg führen müssen. Ich wollte die Welt aufwecken, um diese schreckliche Abschlachterei zu beenden. Erwache, erwache! Das war es, was ich fühlte, als ich die Glocken läutete."

Laughton war gleichzeitig verzweifelter Grenzgänger und intellektuell distanzierter Profi. Sein Schauspielerkollege Walter Slezak erzählte einmal von einer künstlerischen Krise bei Dreharbeiten. Da sei Laughton auf den Plan getreten und habe wie ein Magier mit dem breiten Grinsen einer Cheshire-Katze das Kommando übernommen:

"Als ich Laughton dankte, sagte er: Natürlich, mein Junge, man kann das auf verschiedene Art machen. Und er las die Szene noch dreimal – jedesmal in einer anderen Interpretation, mit einer neuen Charakterisierung. Ich war bereit, meine Mitgliedskarte an die Schauspielergenossenschaft zurückzugeben."

Ständig intellektuell unterfordert, machte sich Laughton ein Vergnügen daraus, andere zu überfordern – Billy Wilder und Bert Brecht ausgenommen. Mit Brecht zusammen realisierte er 1947 in anderthalbjähriger Arbeit eine englische Version des Galilei.

Für Laughton war diese Zusammenarbeit eine Offenbarung, weil sie ihm die Möglichkeit eröffnete, theatralisch selbst kreativ zu werden; für Brecht, weil Laughton bereit war, seine Figur vor die Wölfe zu werfen: Galilei, ein exzellentes Gehirn - und voller Stolz auf seine Verkommenheit: leise, lauernd, kalt.

In seiner Rolle als Galilei schrieb das introvertierte, geniale Schauspielermonster Charles Laughton 1947 in Los Angeles Theatergeschichte.