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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.02.2006

Vertreibungen im 20. Jahrhundert: Wie sollen wir gedenken?

Von Arnulf Baring

Flüchtlinge am Anhalter Bahnhof in Berlin im Oktober 1945 (AP Archiv/Henry Burroughs)
Flüchtlinge am Anhalter Bahnhof in Berlin im Oktober 1945 (AP Archiv/Henry Burroughs)

Je weniger man Genaues über das geplante "Zentrum gegen Vertreibungen" weiß, desto heftiger kann man streiten. Seit Jahren melden sich aufgeregte Stimmen zu Wort, die Schlimmes befürchten, falls ein solches Zentrum errichtet werden sollte. Soll es um ein Mahnmal, eine Gedenkstätte, ein Museum oder um ein Forschungszentrum gehen?

Darf es, ja muss es in Berlin errichtet werden? Oder wäre ein Ort im Ausland, etwa in Polen, besser? Breslau wurde genannt. Aber es geht ja nicht nur um das deutsch-polnische Geschehen, um die Untaten beider Seiten. Es geht um das ganze, grausame 20. Jahrhundert. Soll man vielleicht dezentral an verschiedenen Orten, in verschiedenen Ländern der Vertreibungen gedenken? Darf ein solches Vorhaben überhaupt allein vom deutschen "Bund der Vertriebenen" verwirklicht werden, unter dem Einfluss seiner Vorsitzenden Erika Steinbach? Oder sollte man seine Hoffnungen auf das "Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität" mit seinem Sitz in Warschau setzen?

Fragen über Fragen. Hinter ihnen stand häufig die Befürchtung linker Kreise, die Veranstalter wollten einseitig nur das Leid darstellen, das Deutsche am Kriegsende erlitten hätten, ohne im Zusammenhang daran zu erinnern, dass dieses Leid seine Ursache im von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg gehabt habe.

Mit Hohn und Spott wurde immer wieder das doch verständliche, berechtigte Anliegen lächerlich gemacht, der zwei Millionen deutscher Frauen, Kinder und Greise zu gedenken, die in der Schlussphase des Weltkriegs elend zu Tode gekommen sind. Achselzuckend vergisst oder verdrängt man gern das Leiden jener 14 Millionen Landsleute, die aus ihrer Heimat vertrieben, millionenfach vergewaltigt und verschleppt worden sind.

Ich habe diese Gefühllosigkeit, diese Hartherzigkeit immer unbegreiflich gefunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer in der weiten Welt uns die Trauer über ermordete Juden, Polen, Russen, Roma, Sinti und andere glaubt, wenn wir uns gleichzeitig emotionslos den Schmerz um die eigenen Toten verbieten.

Ich habe den Verdacht immer geradezu als infam empfunden, es gehe den Befürwortern des Zentrums um eine Relativierung, ja gar Leugnung der historischen Zusammenhänge, in deren Folge es zur Massenaustreibung der Deutschen kam. Denn von Anfang an stand ja fest, dass es nicht um ein Zentrum gegen Vertreibung, also einen ausschließlich auf Deutsche bezogenen Erinnerungsort gehen solle, sondern um ein "Zentrum gegen Vertreibungen", um den breit angelegten Versuch also, das vergangene Jahrhundert als das Jahrhundert der Vertreibungen vor Augen zu führen.

Die Ausstellung der Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" steht denn auch unter der Überschrift: "Das Jahrhundert der Vertreibungen. Flucht und Vertreibung in Europa im 20. Jahrhundert".

In dieser Ausstellung wird man neun exemplarische Fallstudien finden: Das Schicksal der Armenier 1915/16, die Vertreibungen von Griechen und Türken im Zusammenhang des Lausanner Vertrages 1923, die Vertreibung der europäischen Juden ab 1933 als Baustein des Holocausts, die Zwangsumsiedlungen und Deportationen der Polen, Balten und der Ukrainer zwischen 1939 und 1949, die Vertreibung und Verschleppung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs, die Umsiedlung der Westkarelier 1939/40 und nochmals 1944 bis 1947, die Vertreibung der Italiener aus Jugoslawien 1945/46, Vertreibungen als Folge des Zypernkonflikts nach 1974 und Kriege und Vertreibungen im ehemaligen Jugoslawien am Beispiel von Bosnien und Herzegowina in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Außerdem wird es Themenräume geben, in denen anschaulich des Heimwehs nach der Heimat, des Streits um das Recht auf Heimat, des Hin und Her der mehrfach verschobenen Grenzen, der Fluchtwege und Lager gedacht werden soll. In einem letzten Abschnitt wird es um die Versuche gehen, Möglichkeiten zu Dialog und Versöhnung zwischen den Betroffenen und ihren Regierungen auszuloten.

Jeder Vernünftige wird zugeben, dass sich dieses Konzept sehen lassen kann. Die Ausstellung wird die Debatte auf ein sachliches Fundament stellen. Natürlich wird man auch dann weiter streiten können. Das ist selbstverständlich bei einem so schmerzlichen, emotional belasteten Thema. Wir sollten der Berliner Ausstellung mit Neugier und Zuversicht entgegensehen. Und wir sollten gemeinsam hoffen, dass es am Ende möglich sein wird, aller Opfer der Vertreibungen im 20. Jahrhundert in einer Weise zu gedenken, die Versöhnung möglich macht.


Arnulf Baring, geboren 1932, war Professor für Zeitgeschichte und Internationale Beziehungen an der Freien Universität Berlin. Nach seinem Studium in Hamburg, Berlin, Freiburg, New York und Paris war er 1968/69 am Center for International Affairs der Harvard University und von 1976 bis 1979 im Bundespräsidialamt tätig. Weitere Stationen: das Wilson Center in Washington sowie das East-West Institute in New York, das Institute for Advanced Study in Princeton und das St. Antony’s College in Oxford. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen "Der 17. Juni 1953", "Charles de Gaulle, Größe und Grenzen", "Im Anfang war Adenauer", "Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel", "Unser neuer Größenwahn", "Deutschland, was nun?" und "Scheitert Deutschland?" Jüngst erschien "Es lebe die Republik, es lebe Deutschland!"

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