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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.02.2010

Versuch, den Islam mit dem Verstand zu erfassen

Lamya Kaddor: "Muslimisch - weiblich - deutsch!", Verlag C.H. Beck, München 2010, 206 Seiten

Lamya Kaddor spricht sich für eine liberale Glaubensinterpretation aus. (AP)
Lamya Kaddor spricht sich für eine liberale Glaubensinterpretation aus. (AP)

Sie ist eine in vielen Bereichen "untypische" Vertreterin ihrer Religion: Sie trägt kein Kopftuch, hinterfragt ihren Glauben und kritisiert die Lethargie des Großteils der in Deutschland lebenden Muslime: Lamya Kaddor, in Deutschland geborene Tochter syrischer Einwanderer, liegt dennoch der Islam sehr am Herzen, sodass sie in ihrem neuen Buch nach einer liberalen Interpretation ihres Glaubens ruft.

Denn die Deutungshoheit über den Islam hierzulande liege, so die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin, in den Händen derer, die ihn kritisierten oder fundamentalistisch auslegten, obwohl sie nur die Minderheit unter den Muslimen in Deutschland ausmachten.

Ihre eigene Lebensgeschichte zeigt, wie es möglich ist, Tradition und Moderne zu vereinen und als gläubige Muslimin in einer modernen Gesellschaft ohne größere Probleme zu leben. Die Eltern kamen in den 70er-Jahren nach Deutschland. Kaddor und ihre Geschwister wuchsen in Deutschland auf, und schon als Kind erlebte sie Ausgrenzung, beispielsweise wenn sie trotz perfekter Deutschkenntnisse widerspruchslos in der Schule in den Förderunterricht für die deutsche Sprache geschickt wurde. Im elterlichen Haus erfuhr sie eine traditionelle Auslegung der Religion, was sie aber dennoch nicht davon abhielt, diese kritisch zu hinterfragen – nicht immer zur Freude ihrer Eltern. Denn sie selber bekennt: "In weiten Teilen der muslimischen Welt herrscht die Kultur der Tradition. In Westeuropa hat sich im Rahmen der Aufklärung die Kultur des Diskurses etabliert."

Zu glauben alleine reicht Kaddor nicht: Sie möchte den Islam auch mit ihrem Verstand erfassen – und fordert die Muslime auf, dasselbe zu tun, anstatt die seit Jahrhunderten tradierten Ansichten konservativer Geistlicher zu übernehmen.

Die Auswirkungen dieser Misere bekommt sie selber als Lehrerin für Islamkunde in ihren Unterricht mit: Statt fundiertem Wissen herrschen dort Vorurteile und Klischees über die eigene Religion bei ihren muslimischen Schülern vor. Daher fordert sie vehement die Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes an deutschen Schulen, und möchte diesen als Abgrenzung zu dem Unterricht in den Koranschulen verstanden wissen, der sich auf das reine Auswendiglernen der heiligen Schrift des Islam beschränkt.

Als versierte Islamwissenschaftlerin glänzt Lamya Kaddor in ihrem Buch auch immer wieder mit ihren profunden Kenntnissen über den Islam, und ist daher in der Lage, auch mit ausgebildeten muslimischen Theologen mitzuhalten. Daher kann sie es sich erlauben, den Stillstand der islamischen Theologie zu kritisieren. Sie fordert eine moderne Auslegung der islamischen Quellen, um diese Theologie in die heutige Zeit zu holen.

Dies demonstriert sie am Beispiel des islamischen Kopftuchs: Früher in einer Männergesellschaft als Schutz für die Frau gedacht, erklärt sie es in unserer heutigen Zeit für obsolet: "Den Schutz meiner körperlichen Unversehrtheit übernehmen heute in Deutschland Recht und Gesetz", schreibt sie, weist aber auch ausdrücklich darauf hin, dass sie die Freiheit jeder Frau respektiere, sich für oder gegen das Kopftuch zu entscheiden. Und sie appelliert mit starken Worten an die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime, nicht mehr zu schweigen und sich in die Debatten einzumischen, um dadurch an der Gesellschaft zu partizipieren.

Ein mutiges Buch, dass viel Zustimmung, aber auch viel Kritik von Muslimen auf sich ziehen wird, denn Lamya Kaddor zeigt einen Mittelweg auf, der konservativen Muslimen ein Dorn im Auge sein wird, für die nur die Meinung religiöser "Experten" maßgeblich ist, und schon gar nicht die einer Frau. Aber sie wird auch Zuspruch von liberalen, aufgeklärten Muslimen bekommen, die so leben wie sie.

Mit ihren konkreten Vorschlägen für einen zeitgemäßen Islam gibt sie der schweigenden Mehrheit der Muslime in Deutschland ein Gesicht. Ihr Buch "Muslimisch – weiblich – deutsch!" wird eine längst überfällige Debatte unter den Muslimen in Gang setzen und damit an eine alte, mittlerweile verloren gegangene islamische Tradition des Disputes anknüpfen.

Besprochen von Abdul-Ahmad Rashid

Lamya Kaddor: Muslimisch - weiblich - deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam
Verlag C.H. Beck, München 2010
206 Seiten, 17,90 Euro

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