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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 28.08.2011

Verstrahlte Zuversicht

Sechs Monate nach der Atom-Katastrophe in Japan

Von Dagmar Röhrlich

In Japan werden wieder Reaktoren ans Netz geschaltet. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)
In Japan werden wieder Reaktoren ans Netz geschaltet. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)

Die Lage im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi ist auch mehr als ein halbes Jahr nach der Havarie nicht unter Kontrolle. Und doch geht ein 100 Kilometer entfernter Reaktor, der zur Sicherheitsüberprüfung abgeschaltet wurde, wieder in Betrieb.

Die Firmenzentrale von Tepco, der Tokyo Electric Power Company, dem Betreiber von Fukushima Daiichi. Die beiden Pressesprecher haben sich als Zeichen ihrer Solidarität mit den Rettungsmannschaften in die blauen Anzüge der Tepco-Arbeiter geworfen. Ansonsten tragen die Angestellten den "Post-Fukushima-Look": kurzärmelige Hemden und leichte Hosen statt Anzug und Krawatte. Zwecks Energiesparens. Denn trotz des schwül-heißen Tokioter Sommers laufen Klimaanlagen gedrosselt, damit die Stromversorgung nicht zusammenbricht. Schließlich liegen seit Monaten fast drei Viertel aller 54 japanischen Atomreaktoren still. Die meisten wegen Sicherheitschecks oder zur Wartung.

In einem Besprechungszimmer stellt Pressesprecher Yoshimi Hitosugi den Fahrplan vor, mit dem seine Firma Fukushima Daiichi unter Kontrolle bringen möchte. Die Lage sei heute schon viel besser als im März. Es folgen Erläuterungen über die Kühlung der Reaktoren und Abklingbecken, in denen heiße Brennelemente stehen. Dann Erklärungen zur Dekontamination von 120.000 Tonnen hoch belasteten Wassers, das sich durch die Monate der Notkühlung mit Meerwasser in den Anlagen angesammelt hat. Dann gibt es eine Siegesmeldung:

"Für Reaktorblock 1 haben wir den sogenannten Cold Shutdown bereits erreicht und wir setzen unsere Bemühungen fort, das auch für Block 2 und 3 zu schaffen."

Die Kaltabschaltung, der Cold Shutdown, ist das große Ziel: Dann liegt die Temperatur im Reaktor unter 95 Grad Celsius, sodass kein Kühlwasser mehr verdampft, die Lage stabil ist. Auf die erstaunten Nachfragen schaltet sich schließlich der zweite Pressesprecher ein, Yoshikazi Nagai:

"Mein Kollege hat Ihnen erklärt, dass wir die Kaltabschaltung für Block 1 erreicht haben. Allerdings hängt das davon ab, wie Sie Kaltabschaltung definieren. In unserem Fahrplan definieren wir sie über zwei Bedingungen. Einmal, dass die Temperatur im Reaktor unter 100 Grad Celsius gesunken ist. Zum anderen muss das Strahlungsniveau sehr niedrig sein. Was die Temperatur angeht, so haben wir das in Block 1 geschafft, allerdings ist die Strahlung zu hoch, sodass wir nicht sagen können, dass wir die Kaltabschaltung erreicht haben."

Tepco laviert mal wieder wie schon so oft in dieser Krise - und das schürt Misstrauen. Ein Misstrauen, das längst auch Behörden und die Regierung trifft. Besonders wütend sind die durch Fukushima Evakuierten. Wie der 74-jährige Masao Yukimori. Früher arbeitete er als Wächter in Fukushima Daiichi. Nun lebt er in einem winzigen Fertigreihenhaus in einer Übergangssiedlung in Iwaki, einer Stadt am Rande der Evakuierungszone:

"Niemals hätte ich gedacht, dass so etwas passiert. Wir haben gelernt, dass mit der Anlage niemals etwas geschehen könnte. Dann sahen wir die Bilder im Fernsehen. Zunächst erschien das nicht weiter beunruhigend. Aber nun wissen wir nicht, ob und wann wir zurück nach Hause können. Wir schauen Fernsehen und lesen die Zeitungen, erfahren die Meinungen der Spezialisten. Aber wir wissen nicht, wem wir glauben können: der Firma, der Atomaufsicht, der Regierung? Wir wissen es nicht."

Masao Yukimori lebte in der 20- bis 30-Kilometer-Zone um das Kernkraftwerk. Dort sollten die Menschen nach dem Willen der Regierung zunächst nur in ihren Häusern bleiben. Erst später, als klar wurde, dass die Krise nicht innerhalb weniger Tage Geschichte sein würde, wurden auch sie evakuiert. Und genau von dieser Gruppe hofft der für die Bewältigung der Krise zuständige Minister Goshi Hosono, dass sie so schnell wie möglich in ihr zu Hause zurückkehren können. Deshalb sollen in dieser Zone flächendeckend Aufräumarbeiten beginnen.

Als erste Gemeinde in der Präfektur Fukushima macht Minami-Soma damit ernst. 8,6 Millionen Euro will die Kommune 2011 ausgeben, um Schulen, Kindergärten, Tagesstätten und die Kanalisation des Ortes zu säubern. Aber dass sie selbst nach einer Dekontamination nach Hause zurückkehren möchten, kann sich Mikio Igari, ein weiterer Betroffener, nicht recht vorstellen:

"Wenn man ein Messgerät hat, dann kann man auf sich selbst aufpassen. Da die radioaktiven Materialien unsichtbar sind, weiß man nicht, wo es gefährlich ist. Wir könnten uns nicht frei bewegen. Egal, wo man hingeht, hat man psychische Probleme."

Immerhin hat Familie Igari vielleicht die Wahl. Wer jedoch aus der direkten Umgebung von Fukushima Daiichi stammt, wird wohl nie mehr zurück können.

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