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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.10.2011

Verspottung der Musikwissenschaften

Herbert Rosendorfer: "Der Meister", Edition Elke Heidenreich bei Bertelsmann, 159 Seiten

Blick auf die Piazza San Marco: Schauplatz dieses Romans ist Venedig
Blick auf die Piazza San Marco: Schauplatz dieses Romans ist Venedig (Stock.XCHNG/ Felix Carretto)

Restaurants in Venedig, zwei alte Freunde und ein ausgedachter Komponist: Es ist eine fast kriminalistische Geschichte des meisterhaften Fälschens, die der Jurist Herbert Rosendorfer hier ebenso meisterhaft erzählt.

Zwei alte Herren treffen sich nach einem halben Jahrhundert in Venedig. Man begegnet sich in der Trattoria alla Madonna unweit des Rialto und erkennt sich sofort wieder. Die Beiden treiben nichts Besonderes in Venedig. Sie gehen auf und ab, gehen Essen und Trinken. Im Ristorante Beccafico am Campo Santo Stefano. Und zum Schluss der Erzählung in einer Bar am Fondamente Nove, wo die Schiffe zum Flughafen anlegen. Eine lapidare Handlung. Aber an diesen drei Orten des Essens, Trinkens und der Erinnerung nach dem Motto: "Weißt Du noch..." oder "Wie war das damals..." entfaltet Herbert Rosendorfer ein so hinterlistig funkelndes wie erzählerisch virtuoses Panorama sich kreuzender Lebensläufe einer Handvoll Personen, die je für sich groteske Sonderfälle des Lebens sind. Da gibt es zum Beispiel Monsignore Rohrdörfer mit seinen champagnerseligen Nachmessfeiern. Es gibt - natürlich, wie anders beim Frauenfreund Rosendorfer - zwei für erotische Verwirrungen sorgende holde, verzickte "Schönheiten": Helene Romberg und Emma Reimer. Und da ist der skurrile Musikprofessor Groberitz, der Musik immer nur liest, aber nie hört. Was alle Personen verbindet? Die Musikwissenschaft.

Im Mittelpunkt der Erzählung stehen der "göttliche Giselher" und "der Meister", mit bürgerlichem Namen Thomas Wibesser. Es sind Studienfreunde aus Münchner Tagen. Man erfährt: "Sie unterscheiden sich dadurch, dass der Göttliche Giselher von allem nichts verstand (aber über alles fabelhaft reden konnte) und der Meister alles besser wusste... Ein besonders gefährlicher Besserwisser", weil er wirklich alles besser weiß. Doch genau er, ehrgeiziger Schreiberling und endloser Student der Musikwissenschaft, der seine Promotion nie abschloss, wird am Ende Opfer seiner eigenen Besserwisserei.

Es ist eine fast kriminalistische Geschichte des meisterhaften Fälschens, die der Jurist Herbert Rosendorfer meisterhaft erzählt. Es fängt harmlos an: Mit dem Schreiben von Artikeln für ein Musiklexikon. Doch irgendwann, wenn selbst dem Meister das Wissen ausgeht, beginnt er zu phantasieren. Er erfindet einen Komponisten mit Namen Thremo Tofandor. Auf gut Küchenlateinisch: "Ich zittere davor, genannt zu werden." Kaum erfunden, stürzen sich so emsige Fleißbienen wie die Doktorandin Fräulein Bärlocher auf jenen Komponisten und seinen Erfinder. Der "Meister" gerät in immer verzweifeltere Lagen. Um nicht als Lügner entlarvt zu werden, erfindet er immer neue biografische Details, ja schließlich schreibt er selbst Tofandors Werke, eines nach dem andern, indem er entlegene, unbekannte Kompositionen aus den Archiven der Musikwissenschaft entwendet, bearbeitet und als absurd betitelte Tofandor-Stücke herausgibt.

Die Musikwissenschaft jubelt. Eine echte Entdeckung, dieser Thremo Tofandor. Man wetzt sich das Maul, hält Reden, schreibt Aufsätze. Und Einer schreibt vom Anderen ab. Sogar angebliche Fotografien von Tofandor tauchen auf, ja Adressen (an denen er nie lebte). Der Meisterfälscher gilt als Thremo Tofandor-Spezialist. Und das Hirngespinst, die reine Kopfgeburt ist Realität geworden. Keiner zweifelt mehr an seiner Existenz, am wenigsten die Musikwissenschaft. Aber auch nicht die Polizei, denn am Ende tritt Thremo Tofandor leibhaftig auf und ermordet den "Meister".

Die Schlusspointe der Erzählung: Der Mörder Thremo Tofandor ist in Wirklichkeit die verkleidete Ex-Ehefrau des "Meisters", die ihren Ex-Ehemann nur deshalb umbringt, damit niemand erfährt, dass er ihre Doktorarbeit geschrieben hat. Eine witzige Anspielung auf die aktuelle Plagiatsthematik. Aber auch Endpunkt zweier erzählerischer Stränge, die sich um zwei besonders schwierige Exemplare von Frau ranken. Da kennt sich Rosendorfer aus! Vor allem aber ist diese Erzählung eine brillante Bloßstellung, ja Verspottung des Musikwissenschaftsbetriebs. Alle Parallelen zum Fall "Otto Jägermeier" sind natürlich rein zufällig. Herbert Rosendorfer – der Ich-Erzähler - der übrigens selbst komponiert und lange genug in die Musikwissenschaft hineinschnupperte, weiß, worüber er schreibt. Nicht zuletzt durch einen jahrzehntelangen Freund, der in der Erzählung als Carleone liebevoll ironisch porträtiert wird, ein tatsächlich renommierter Musikwissenschaftler und Operndramaturg. Und ein beleibter italophiler Esser und Trinker. Weshalb die Geschichte ja auch in venezianischen Wirtschaften spielt. Ein großes Lesevergnügen.

Besprochen von Dieter David Scholz

Herbert Rosendorfer: Der Meister
Edition Elke Heidenreich bei Bertelsmann
159 Seiten,16,99 Euro