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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.12.2012

Versöhnung von Romantik und Aufklärung

Jane Austen: "Gefühl und Vernunft", übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, Fischer Verlag

Jane Austen in einem zeitgenössischen Stich (dpa)
Jane Austen in einem zeitgenössischen Stich (dpa)

"Sense and Sensibility" erscheint in dieser neuen Übersetzung in elegantem modernen Deutsch, bleibt aber nah am Original. Jane Austens Roman über die Liebschaften von drei Schwestern ist hinreißend lebendig, weltklug und stilistisch harmonisch.

Mrs. Dashwood und ihre drei Töchter leben in einem Cottage auf dem Land, nachdem der Vater früh verstorben und der große Besitz an seinen Sohn aus erster Ehe gefallen ist. Das englische Erbrecht der Zeit sieht vor, dass Landbesitz als Familienbesitz unteilbar an männliche Erben fällt. So bleibt den Damen Dashwood ein vergleichsweise geringes jährliches Einkommen, das sie zu einem bescheidenen Leben nötigt.

Die 19-jährige Elinor (deren Perspektive der Roman einnimmt) ist vernünftig, was vor allem "klug" bedeutet. Sie beugt sich den gesellschaftlichen Regeln, weil das eine Form der gegenseitigen Rücksichtnahme bedeutet. Ihre Schwester Marianne hingegen ist ganz romantische Leidenschaft. Sie stellt ihr Gefühl über alle Rücksichten und kompromittiert sich ungeheuerlich, indem sie ihre Verliebtheit in den attraktiven Lebemann Willoughby so offen lebt, wie es zu jener Zeit in jener Gesellschaftsschicht ausschließlich Verlobten erlaubt war. Als Willoughby, der ihr nie die Ehe versprochen hat, sie sitzen lässt, um eine reiche Erbin zu heiraten, bricht sie völlig zusammen.

Elinor liebt insgeheim den wohlhabenden Edward Ferrars und ist sicher, dass er sie auch liebt, ohne dass das je ausgesprochen worden wäre. Als sie erfährt, dass die oberflächliche, raffinierte Lucy Steele seit Jahren heimlich mit ihm verlobt ist, leidet sie nicht minder heftig als Marianne. Sie behält jedoch ihren Kummer für sich und kümmert sich um ihre Schwester.

Mit Elinors aufgeklärter, lebenskluger Vernunft und Mariannes selbstverliebtem, absolut gesetzten romantischen Gefühl sind auch zwei Geistesströmungen der Zeit benannt, zwischen denen Jane Austens Werk selbst anzusiedeln ist. Am Ende handelt es sich aber nicht um unversöhnliche Gegensätze, sondern um unterschiedliche Haltungen, die versöhnt werden (müssen) – unter der Führung der klugen Vernunft, die Gefühl mitnichten ausschließt, nur anders lebt.

Der Roman ist hinreißend lebendig und weltklug. Stilistisch vollkommen harmonisch, dabei von sanfter Ironie, enthüllt er mit unbestechlichem Scharfsinn menschliche Schwächen. Die satirische Ader – die Jane Austen in ihren Jugendwerken unverhüllt auslebte und die ihre Wurzel im englischen Roman des 18. Jahrhunderts hat – ist unverkennbar, aber nie aufdringlich. Die Diktion ist klar und präzise, imstande, eine Person in einem Satz zu charakterisieren.

Das Übersetzerpaar Allié hat den Roman in ein elegantes modernes Deutsch gebracht und bleibt dennoch sehr nah am Original. Der Titel ist gut gewählt, freilich nicht neu; in anderen Übersetzungen (Grawe, Beck oder Schulz) hieß es in umgekehrter Reihenfolge "Verstand und Gefühl", was dem Original ("Sense and Sensibility") näher kommt. Die Ausgabe enthält eine Übersicht über Lebensdaten Jane Austen im Kontext ihrer Zeit sowie den wunderbaren Essay von Virginia Woolf über Jane Austen.

Besprochen von Gertrud Lehnert

Jane Austen: Gefühl und Vernunft. Roman
Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012
446 Seiten, 19,99 Euro

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