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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 26.05.2010

"Versailles"

Hans-Ulrich Pönack hat eine Außenseiter-Perle gesehen

In einer seiner letzten Rollen spielt der 2008 verstorbene Guillaume Depardieu einen jungen Einsiedler. Als eine obdachlose Frau ihren kleinen Sohn bei ihm zurücklässt, muss er für einen anderen Menschen Verantwortung übernehmen.

Frankreich 2008, Regie: Pierre Schoeller, Hauptdarsteller: Guillaume Dépardieu, Judith Chemla, Max Baissette de Malglaive, 113 Minuten, Original mit deutschen Untertiteln

Der 1961 in Paris geborene Filmemacher Pierre Schoeller war viele Jahre als Drehbuchautor für das Fernsehen aktiv. Für ARTE drehte er 2002 den Fernsehfilm "Zéro Défaut". "Versailles" ist sein erster eigener Kinospielfilm. Er erzählt die Geschichte eines französischen "Tramp", der schicksalhaft mit dem Leben eines kleinen Jungen konfrontiert wird.

Zunächst aber Nina (Judith Chemla). Eine junge obdachlose Frau. Die mit ihrem 5-jährigen Sohn Enzo auf den Straßen von Paris lebt. Sie verirren sich auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch in Versailles, stranden buchstäblich im Wald, treffen dort auf den Einsiedler Damien. Der ist alles andere als erfreut über den "Besuch" und muss am nächsten Morgen feststellen, dass Nina verschwunden ist und Enzo zurückgelassen hat.

Zwischen den beiden hakt es anfangs, das heißt, Damien möchte sich aus der Verantwortung für den Jungen davonschleichen, kriegt das aber nicht hin. Also nimmt er quasi Enzo auf. Und der lernt das Leben hier kennen, inmitten von Gleichgesinnten, Ebenfalls-Aussteigern, die abseits jedweder Normalität hier verteilt hausen. Damien und Enzo als Immer-Mehr-Seelenverwandte: Man arrangiert sich, kommt sich näher. Wohl wissend, dass der baldige Winter für den kleinen Kerl an diesem Ort das Todesurteil bedeutet. Also muss Damien zurück in die bürgerliche Zivilisation. Für Enzo. Muss sich einer Art Verantwortung stellen.

Ein packendes Menschen-Drama. Ganz sensibel und berührend erzählt. Ohne Schmus und Kitsch, sondern eindringlich und berührend. Direkt nahegehend. Mit sehr viel sozialem Realismus-Geschmack. Und angenehm leisen Tönen. Behutsam. Mehr mit den eindringlichen, unaufgeregten Motiven (von Kameramann Julien Hirsch) argumentierend. Und – wunderbar – auch ziemlich wortlos. Weil die Bilder für sich sprechen. Weil die beiden Hauptakteure mit einer gewaltigen atmosphärischen, körpersprachlichen Stärke und Glaubwürdigkeit überzeugen.

"Versailles" ist eine der letzten Hauptrollen für den am 13. Oktober 2008 (im Alter von 37 Jahren) verstorbenen Guillaume Depardieu, dem Sohn von Gérard Depardieu, der hier offensichtlich viel von sich, seinem "privaten Rebellentum", seinem chaotischen Leben (zwischen Alkohol, Drogen, Unfällen, dem "öffentlichen" Dauerstreit mit seinem Über-Vater), mit einfließen lässt. Als Damien wirkt er absolut authentisch.

Die Sensation aber ist seine "Begleitung", sein Partner, der kleine Max Baissette als Enzo. Wie dieser fantastische kleine Bengel allein mit seinem zerbrechlichen Gesicht spricht, wie er mit seinem kleinen Körper berührt, packt, überwältigt, ist eine Gefühlswucht und erinnert viel an den kleinen Jackie Coogan, einst in dem Chaplin-Klassiker "The Kid" von 1921. Es ist faszinierend, Enzo-Max zuzusehen, ihn "nur so" zu erleben. Was für eine "Bewegung". Was für ein Talent, was für eine große Begabung! "Versailles" zählt zu den besten filmischen Außenseiter-Perlen dieser Off-Kino-Saison.

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