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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.01.2011

Versachlichung der Debatte

Deutscher Kulturrat stellt Dossier zum Islam vor

Von Jürgen König

Die Sehitlik-Moschee ist das größte islamische Gotteshaus in Berlin. (picture-alliance / Klaus-Dietmar Gabbert)
Die Sehitlik-Moschee ist das größte islamische Gotteshaus in Berlin. (picture-alliance / Klaus-Dietmar Gabbert)

Der Deutsche Kulturrat hat in der Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln sein Dossier "Islam Kultur Politik" präsentiert. Wissenschaftler, Journalisten, Künstler und Politiker vermitteln darin Grundwissen über den Islam und islamische Einrichtungen hierzulande.

Über neun Jahre liegen die Anschläge vom 11. September jetzt zurück, vor über vier Jahren trat die Deutsche Islamkonferenz zum ersten Mal zusammen, in den Medien, in öffentlichen Diskussionsrunden ist das Thema "Islam" seit Jahren präsent – und doch hält der Deutsche Kulturrat noch 2011 ein Dossier für nötig, das eigentlich nicht mehr macht, als Grundsätzliches anzuführen: Wie viele Muslime in Deutschland leben: Es sind gut vier Millionen, davon knapp die Hälfte deutsche Staatsbürger. An welchen Gott sie glauben: nämlich an den Einen Gott, den auch Christen und Juden preisen. Wie es sich mit dem Koran und mit den Propheten verhält, was der Unterschied ist zwischen Sunniten, Schiiten und Aleviten. Das Dossier "Islam Kultur Politik", sagt der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, will aufklären:

"Wir müssen einfach klar feststellen: der Islam ist ein Teil unserer Kultur, schon alleine, weil er da ist. Die demografische Entwicklung wird eine klare Sprache in den nächsten Jahren sprechen. Wir werden in Deutschland immer mehr und mehr Muslime haben. Das wird unsere Kultur prägen, und das wird auch die Kultur derjenigen prägen, die das jetzt nicht wollen. Es wird einfach ein immer prägenderer Bereich werden und sich jetzt darüber Gedanken zu machen, glaube ich, ist ganz hilfreich."

Worin unterscheidet sich der neu geschaffene Studiengang "Islamische Studien" von der "Islamwissenschaft"? Warum ist es sinnvoll, die Imame in Deutschland auszubilden? Was sind überhaupt Imame? Warum ist der Islam bis heute in Deutschland als Religionsgemeinschaft nicht anerkannt? Was hat die Islamkonferenz bisher gebracht? Was verstehen islamistische Terroristen unter dem "Heiligen Krieg"? Was sagt der Koran zum Thema "Gewalt"? Was genau ist die Scharia? Welche Leistungen haben islamische Gelehrte des Mittelalters vollbracht? Warum ist die Rede von der christlich-jüdischen Tradition in Deutschland falsch, warum muss man von einer christlich-jüdisch-islamischen Tradition sprechen? Über solche Themen schreiben Wissenschaftler und Journalisten, Künstler, Politiker, Vertreter muslimischer Verbände. "Steinig" sei der Weg zu diesem Dossier gewesen, meint Olaf Zimmermann.

"Steinig war (...) weil man letztendlich nicht genau weiß, mit wem man bei diesem Thema Islam zusammenarbeiten kann. Wir hatten ein ganz spannendes Erlebnis gehabt: Wir haben natürlich auch Mitarbeiter des Verfassungsschutzes gefragt, ja? Und gesagt: Also jetzt sagen Sie uns doch mal, wer ist denn eigentlich unbedenklich? Mit wem kann man zusammenarbeiten? Und überall bekommt man ... ja... vielleicht und so weiter ... also: nie so eine wirklich klare Auskunft. Und wir mussten uns nachher einfach auf unseren Instinkt verlassen und sagen: Ich glaube, mit dieser Gruppierung, zum Beispiel mit dem Zentralrat der Muslime, mit dem können wir zusammenarbeiten."

Ein ziemlich beängstigender Befund: dass instinktiv vorgehen muss, wer in Deutschland Gesprächspartner zum Islam sucht. Das Dossier des Kulturrats schließt da eine Lücke: geschrieben in verständlichem Deutsch bietet es solides Grundwissen über den Islam und islamische Einrichtungen in Deutschland. Im Internet kann es heruntergeladen werden, im Bundestag wird es ausliegen, ebenso in den öffentlichen Bibliotheken, in evangelischen und katholischen Akademien und auch in den über 3000 Moscheen, die es in Deutschland gibt.

Ein Dialog soll angestoßen werden. Besonders den Journalisten legen Olaf Zimmermann und Aiman A. Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, ihr Dossier ans Herz und versprechen sich davon eine – endlich – besser informierte und vor allem fairere Berichterstattung. Ungerecht sei die und voreingenommen - und damit für Aiman A. Mazyek eine der Ursachen dafür, dass der Blick auf den Islam in Deutschland nach wie vor geprägt ist von Angst, Unwissenheit und – im Moment - Thilo Sarrazin:

"Er ist ein Stück weit die Ikone, er wird verklärt als einer, der jetzt endlich mal gesagt hat, was sich vorher vermeintlich keiner zugetraut hat – und da verweise ich, dass wir jedes Jahr eine Islam-Debatte in Deutschland haben, spätestens nach dem 11. September, und dass die wirklich nichts auslässt! Und dass die Muslime sich fragen, also wie weit geht denn das noch unter der Gürtellinie? Es ist also nicht so, dass da irgendwelche Rücksichtnahme vorgenommen wird. Und mutig ist nicht jener, der sozusagen besonders rücksichtslos über den Islam berichtet, sondern bisweilen ist es so, dass einer, der versucht, differenziert zu reden, dass er sehr viel mehr Anfeindungen antrifft - nämlich derart: Er ist blauäugig, er hat keine Ahnung, er lässt sich einlullen - , als jene, die wirklich fest und heftig draufhauen! Das ist en vogue, das ist besonders populär zur Zeit."

"Im Islam leben und sterben wir alle", schrieb einst Goethe, der kein Muslim war, aber den Islam als Haltung eines Menschen begriff, der "sich dem Willen Gottes ergibt". "Im Islam leben und sterben wir alle." Auch Goethe findet sich im Dossier "Islam Kultur Politik", das nicht nur eine gute Grundlage bietet, sondern auch Lust macht, den Islam kennenzulernen: als Teil deutscher Kultur.

Links zum Thema:
Das Dossier "Islam Kultur Politik"

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