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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.04.2008

Verhohnepiepeln bis in die Puppen

Christoph Gutknecht: "Von Treppenwitz bis Sauregurkenzeit. Die verrücktesten Wörter im Deutschen", C.H. Beck, München 2008, 238 Seiten

Christoph Gutknecht klärt unter anderem darüber auf, woher der berühmte Treppenwitz herstammt. (AP)
Christoph Gutknecht klärt unter anderem darüber auf, woher der berühmte Treppenwitz herstammt. (AP)

Schon in Büchern wie "Lauter böhmische Dörfer" oder "Pustekuchen" hat der emeritierte Linguist Christoph Gutknecht über die Herkunft und Geschichte von Wörtern und Redensarten aufgeklärt. Auch in seinem neuesten Werk bietet er unterhaltsame und lehrreiche Wortgeschichten.

Zitieren wir einfach mal drauflos - in diesem Büchlein wird wunderbar viel zitiert. Zitieren wir also die Definition des deutschen Universitätsprofessors aus seinem Leib- und Magenblatt, der Wochenzeitung Die Zeit:

"Die Kombination aus Beamtenrecht und Freiheit der Wissenschaft ist eine Art Schlaraffenland, in dem es sich bequem leben lässt".

Zu lesen zum Stichwort "Schlaraffenland" im neusten Werk des (emeritierten) deutschen Universitätsprofessors Christoph Gutknecht, dem wir sein ganz eigenes Schlaraffenland gerne gönnen - die Kombination aus professoraler Pension und der großzügigen Freizeit zum Verfertigen von inzwischen fünf Beck-Bändchen mit sprachlich (meistens) lockeren und, was Wissen und Bildung angeht, tiefgängigen Geschichten zu deutschen Wörtern.

Nach "geflügelten", "kulinarischen" und "erotischen" sind nun die "verrücktesten Wörter im Deutschen" dran, korrekter müsste es heißen: ver-rückte Wörter, die unser Gutknecht nun wieder zurecht rückt. Nicht in Form eines Lexikons, sondern mit kleinen Wortgeschichten für Menschen, die Spaß an gesitteter Sprache haben und die gerne wissen, woher die ein oder andere Wendung kommt, die sie so selbstverständlich gebrauchen.

Christoph Gutknecht lehrte drei Jahrzehnte lang Anglistik in Hamburg. Das Britische verpflichtet zu intellektueller Seriosität, verpackt in Lässigkeit, das Hanseatische gebietet diszipliniertes Arbeiten bis in die Puppen. Bis in die Puppen? Ja, woher kommt denn dieser Ausdruck, der sich auch im digitalen Zeitalter von Bits und Bytes, Files und Frames immer noch einer großen Beliebtheit in der Welt der Journaille erfreut?

Nach einem Rückblick in die Berliner Geschichte und Blicken in die Literatur vor allem des 19. Jahrhunderts entscheiden wir uns für die Variante, dass der Berliner als "Puppen" jene von Knobelsdorff aufgestellten Statuen im Tiergarten verhohnepiepelte - die zum sonntäglichen Spaziergang zu erreichen einen weiten Fußweg erforderten. "Bis in die Puppen" bedeutete also einen sehr weiten Weg und fand dann seine Fortsetzung ins Zeitgenössische, wo bis in die Puppen getanzt oder gearbeitet wird. Auch bei der "Journaille", die gelegentlich "verhohnepiepelt".

Christoph Gutknecht erklärt uns selbstredend auch, wie diese beiden Begriffe ihren Weg durch Literatur und Medien gefunden haben: die journalistische Canaille, die das Makronen-Backwerk der Hohlhippen, der hohlen Waffel, knabbert - wobei aus dem Hohlhippen-Verkäufer bereits im 16. Jahrhundert im Volksmund der Lästerer wurde ...

Wenn wir dann in der "Sauregurkenzeit" die Treppe hochgehen und an ihren gleichnamigen Witz denken - dann wissen wir nach Christoph Gutknechts Lektüre von der stillen Geschäftszeit im Hochsommer, in der die Gurken für den Winter sauer eingelegt werden, und in der auch für die Journaille Flaute herrscht; wir wissen, dass ein Treppenwitz der zündende Gedanke ist, der einem erst auf der Treppe, also zu spät, kommt - und wir haben William Lewis Hertslet kennen gelernt, der 1882 das Buch "Der Treppenwitz der Weltgeschichte" veröffentlichte und darin die Anekdoten zu den Großen der Geschichte aufs Korn nahm.

Und wenn wir anschließend unseren "Kohldampf" in die Küche schieben, in der "Schmalhans" hoffentlich nicht der Meister ist? Christoph Gutknecht selber lesen!

Rezensiert von Klaus Pokatzky

Christoph Gutknecht: Von Treppenwitz bis Sauregurkenzeit. Die verrücktesten Wörter im Deutschen
C.H. Beck, München 2008
238 Seiten, EUR 9,95

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