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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.11.2012

Vergiftete Erinnerungen, heilsames Vergessen

Douwe Draaisma: "Das Buch des Vergessens", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012

Menschliche Gehirn - wie ein unfolgsames Kind (AP)
Menschliche Gehirn - wie ein unfolgsames Kind (AP)

Unfolgsam und widerspenstig ist das Gedächtnis, das begreift man bei dieser Lektüre. Selbst klare Erinnerungen können sich schlagartig wandeln. Warum das so ist, versucht Douwe Draaisma mit einem Streifzug durch Psychologie, Philosophie und Gehirnforschung darzustellen.

Sie waren so wichtig, die ersten Jahre des Lebens. Was bleibt uns in Erinnerung? Bruchstücke und Fetzen. Ein Geschmack auf der Zunge. Das blasse Bild eines Zimmers? Der erste Wespenstich. Die fort gewehte Babymütze.

Was für eine wunderbare Idee, dieses "Buch des Vergessens" von Douwe Draaisma ist. Dreihundertfünfzig Seiten nichts als Verschwinden und Verblassen, vage Spuren in der Dunkelheit und Lebenszeit, die den Rändern des Wissens entgleitet. Denn so überbordend wir das Gedächtnis mit Metaphern belegen - mit Bibliotheken und Palästen wurde es schon verglichen - so seltsam sprachlos macht uns sonst das Vergessen. Erinnerungen mit einem Minuszeichen davor, viel mehr fällt uns dazu nicht ein. Tatsächlich jedoch sind Erinnern und Vergessen eng miteinander verflochten, möchte der Autor zeigen.

Ein gutes Beispiel dafür stellt das autobiografische Gedächtnis dar. Seine schleppende Entwicklung in der frühen Kindheit ist nichts anderes als Ausdruck seiner Komplexität, erklärt der Autor. Bis die aufwendigen neurologischen und kognitiven Ressourcen des Erinnerungsvermögens bereitgestellt sind, verweilen Kinder notgedrungen im Jetzt.

Dazu kommt die explodierende Sprachentwicklung. Das kindliche Gehirn macht sich schlicht nicht die Mühe, ältere Erinnerungen in den Prozess einzubinden. Sprechende Kinder ordnen ihre Erfahrungen zudem in Routinen: So geht anziehen, die Kita besuchen, bei der Freundin übernachten. Der einzigartige Moment versinkt im globalen Gedankenkonstrukt.

Ein großartiges Sachbuch hat Douwe Draaisma vorgelegt, voller Neugier und Poesie. Statt abgezirkelte Antworten zu dozieren, staunt und fragt er, denkt um die Ecke und pfeift auf einen roten Faden. An Sachthemen orientierte Kapitel - über den Mythos vom absoluten Gedächtnis, die Lobotomie-Exzesse der Fünfziger Jahre oder Demenzerkrankungen - wechseln ab mit kleinen Biografien von Forschern oder Menschen, die an seltsamen Formen von Gedächtnisschwund leiden. Als Spurensucher im Bruchstückhaften zeigt sich der Autor dabei sympathisch bereit, die vielen spannenden, vorläufigen, widersprüchlichen, auch windigen und weit hergeholten wissenschaftlichen Theorien zu Phänomen des Vergessens nebeneinander stehen zu lassen.

Unfolgsam und widerspenstig ist das Gedächtnis, das begreift man bei dieser Lektüre. Selbst klare Erinnerungen können sich schlagartig wandeln. Am deutlichsten geschieht das im Verrat - der, wie der Autor so schön schreibt, "rigorosesten Methode, jemandem klarzumachen, dass man über Erinnerungen nicht wie über ein sicher aufbewahrtes Guthaben auf der Bank denken darf." Wer erfahren muss, vom geliebten Menschen betrogen worden zu sein, sitzt auf Gedächtnisinhalten, die mit einem Mal unbrauchbar geworden sind. Der romantische Abend, der wunderschöne Urlaub - alles vergiftet und verdorben. Die zerstörte Erinnerung, sinniert Douwe Draaisma, ist beides zugleich, Erinnern und Vergessen. Spätestens jetzt möchte man, dass dieses Buch nie aufhört.

Von Susanne Billig

Douwe Draaisma: Das Buch des Vergessens - Warum Träume so schnell verloren gehen und Erinnerungen sich ständig verändern
Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012
352 Seiten, 19,99 Euro

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