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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 22.06.2013

Vergiftete Auenlandschaften

Über die schädlichen Folgen der Hochwasser

Von Annegret Faber

Das bräunliche Flusswasser der Mulde am Seehausener See (links) (picture alliance / dpa / Jens Wolf)
Das bräunliche Flusswasser der Mulde am Seehausener See (links) (picture alliance / dpa / Jens Wolf)

Die Böden der Flussauen sind besonders fruchtbar. Die Uferlandschaften werden bei Hochwasser mit wertvollen Nährstoffen aus dem Gebirge versorgt. Aber auch Schwermetalle und chemische Verbindungen bringen die Überschwemmungen mit sich - mit schwerwiegenden Konsequenzen.

Klaus Götze: "Hier sieht man es noch an den Zäunen. Also das Wasser hat gestanden bis dort an der Straße, wo die Sandsäcke stehen."

Wo ist der Fluss?

"Der Fluss ist einen Kilometer in der Richtung, den sehen wir nicht."

Mehrere 100 000 Hektar Ackerland wurden in Deutschland überflutet, genaue Zahlen gibt es noch nicht. Biobauer Klaus Götze aus Sachsen ist einer von vielen Betroffenen. Durch das Hochwasser hat er einen Verlust von 300 000 Euro. Giftige Schwermetalle wie Arsen, Kadmium oder Blei liegen nun auf den Gräsern und Getreidepflanzen seiner Felder.

Diese Ernte wird er nirgends los bekommen, sagt er. Nicht einmal beim Biogasanlagenbetreiber:

"Die Biogasbetreiber lehnen das ab, aus dem Grund, weil sie Angst haben um ihre Bakterienkulturen in der Biogasanlage, wenn sie das kontaminierte Zeug einsetzen, werden die Kulturen das nicht überleben. Das geht also nicht."

Denn das Land von Klaus Götze wurde mit Wasser aus der Mulde überflutet und die kommt aus dem Erzgebirge. Wie der Name schon sagt, liegt dort viel Erz. Die Flüsse haben also eine naturbedingte, sogenannte geogene Schadstoffbelastung, erklärt Prof Martin Socher, vom Sächsischen Umweltministerium:

"Die sowohl durch historischen Altbergbau aus der Zeit des großen Silbergeschreis, des Berggeschreis entstanden ist. Aber auch aus dem Bergbau, wie er noch im vergangenen Jahrhundert hier umgegangen ist, von der Wismut Steinkohlebergbau, Erzbergbau."

Die Schadstoffe stammen aber auch aus der ehemaligen chemischen Industrie der DDR. Professor Wolf Tümplin vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung:

"Und wenn wir deutschlandweit gucken, haben wir eine ganze Reihe von chemischen Industriegebieten, die auch durchaus bis heute belastet sind."

Mit der Flut werden all diese Flusssedimente nach oben gespült. Vieles bleibt in den Auen liegen. Eine Aue reinigen, das sei ausgeschlossen, sagt Martin Socher vom sächsischen Umweltministerium. Das Ökosystem Aue und Fluss wäre zerstört und er Schaden wäre wohl größer als der Gewinn.

Martin Socher: "Aktiv die Auen zu sanieren, Schadstoffe zu entfernen, das werden wir in Sachsen nicht tun."

Langzeitgedächtnis Sediment

Auf manchen Feldern liegen nun die Flusssedimente wie Sandbänke. Die müssen vom Feld, sagen die Bauern. Wer das machen soll, und wer die Kosten trägt, wissen sie nicht. Doch Sedimente sind das Langzeitgedächtnis unserer Flüsse. Im Gegensatz zum Wasser vergessen sie nichts. Die gesamte Ära der DDR-Industrie hat sich in ihnen verewigt. Blei, Nickel, Kobalt, Quecksilber, Zink, Arsen, Kadmium. All das wurde mit der Flut hoch geschwemmt und landet in den Auenlandschaften. Und jetzt? Gras drüber wachsen lassen?

Genau das geht nicht, sagt Dr. Lutz Zerling von der sächsischen Akademie der Wissenschaften:

"Das Problem ist: Wir wissen nicht, welche Anteile von dem Kadmium, dem Zink, dem Blei, dem Kupfer, Pflanzen verfügbar sind. Also welche dann von den Weidegräsern aufgenommen werden. Wir wissen auch nicht was passiert bei Regen, was passiert bei der Durchwaschung des Bodens, was wird ins Grundwasser eingetragen."

Getreide und Futterpflanzen werden deshalb regelmäßig kontrolliert. Jeder Bauer muss vor der Ernte Schadstofftests machen. Durch Regen werden die Schadstoffe vom Hochwasser schnell verdünnt und sind bei der nächsten Ernte kein Problem mehr.

Dr. Ralf Klose von der Staatlichen Betriebsgesellschaft für Umwelt und Landwirtschaft kontrolliert die Werte seit vielen Jahren, egal ob Biolandwirt oder konventionelle Landwirtschaft. Im Extremfall rät er sogar, das Ackerland aufzugeben:

"Es muss ja nicht immer ein Acker sein. Acker ist die empfindlichste Nutzungsmöglichkeit. Geht das auch nicht mehr, kann man das umwidmen in ein Grünland oder man nimmt es aus der landwirtschaftlichen Produktion heraus."

Für Frank Freiberg vom sächsischen Bauernverband ist das ausgeschlossen. Nicht nur durch die Flut, sondern durch permanente Baumaßnahmen geht Ackerland verloren. In Deutschland und weltweit. Deshalb sei es viel zu wertvoll:

"Auf die Fläche zu verzichten, das ist das Problem, das wir in Deutschland diskutieren. Wir hatten ja in Spitzenzeiten täglich 120 Hektar Flächenverlust in der Landwirtschaft. Wir liegen jetzt bei knapp unter 100 und die Flächen, die weg sind, sind unwiederbringlich verloren für die Ernährung."

Verlorene Ernten

So wie nun auch die Ernte in den Flutgebieten. Kühe dürfen hier vorerst nicht weiden und die Ernte ist Sondermüll. Den Biostatus bekommt Klaus Götze für die betroffene Acker- und Weidefläche aber nicht aberkannt. Nächstes Jahr darf er wieder ernten. Die 300 000 Euro Schaden hofft er, ersetzt zu bekommen. Momentan wird von 50 Prozent Entschädigung für alle betroffenen Bauern gemunkelt. Das wäre jedoch viel zu wenig, sagen sie. Nächste Woche wird im Landwirtschaftsministerium darüber entschieden.

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