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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.10.2013

Vergewaltigungen auf der Flucht in die EU

Flüchtlingsexperte: Schwangere Bootsflüchtlinge waren häufig Opfer sexueller Übergriffe

Trauer um die Opfer der Katastrophe vor Lampedusa (picture alliance / dpa)
Trauer um die Opfer der Katastrophe vor Lampedusa (picture alliance / dpa)

Asylbewerber sollten in den Botschaften der EU-Mitgliedstaaten Asyl beantragen können. Das fordert der Direktor des italienischen Flüchtlingsrates, Christopher Hein. Die Flucht sei besonders für Frauen belastend - viele würden auf dem Weg nach Europa vergewaltigt.

Gabi Wuttke: Ihr Boot war nicht mal mehr einen Kilometer von Lampedusa entfernt, als es kenterte. 500 Flüchtlinge aus Afrika sollen an Bord gewesen sein, 155 wurden lebend an Land gebracht. Und was ist mit den anderen? Wie viele Menschen in großer Not hat das Meer verschluckt, weil keiner zur Hilfe kam? Christopher Hein stieg beim UNHCR vor 25 Jahren aus und gründete die Nichtregierungsorganisation Italienischer Flüchtlingsrat. Ich wollte von ihm wissen, ob er eine Erklärung dafür hat, weshalb ein Touristenboot, vielmehr ein Touristenboot und möglicherweise mehrere Fischer, vor Lampedusa, wo erst vor einer Woche 500 Flüchtlinge ankamen, als Erste die Katastrophe meldeten.

Christopher Hein: Es kamen nicht nur eine Woche vorher 500 an, sondern in der gleichen Nacht, wo das Unglück passiert ist, kam ein Boot mit 450 Flüchtlingen und Migranten aus Libyen an. Es ist also möglich, dass in der Tat die Küstenwache vorher mit dem anderen Boot beschäftigt war, das ist noch zu sehen. Die Frage ist aber natürlich, wie ist das möglich, dass ein Boot mit über 500 Menschen auf dem Kanal von Sizilien tagelang nicht von irgendjemandem gesehen wird. Wir reden von der am besten überwachten Meeresstraße der ganzen Welt – der Kanal von Sizilien, mit Satellitenüberwachung, mit Radar natürlich. Wie ist das möglich, dass ein Boot da erst dann wahrgenommen wird, wenn ein Brand gelegt wird, um auf sich aufmerksam zu machen, 800 Meter vor der Küste von Lampedusa entfernt?

Wuttke: Haben Sie eine Erklärung?

Hein: Ich kann im Augenblick nur die Frage stellen. Das wird eine Untersuchung feststellen müssen.

Wuttke: Was sagen Ihnen die Menschen, die es geschafft haben? Wieso wagen sich Schwangere auf diese Reise, warum Menschen mit ganz kleinen Kindern? Was erwarten deren Familien, die Geld für die Schleuser zusammengekratzt haben, wenn denn das, in Anführungszeichen, "gelobte Land" erreicht ist.

Hein: Also bei den schwangeren Frauen muss man leider sagen, dass viele von ihnen schwanger sind, weil sie vergewaltigt worden sind …

Wuttke: Oh Gott!

"Manchmal ist es dieselbe Polizei, die vermutlich zu den Tätern gehört"

Hein: … auf der langen Reise von Eritrea über Sudan und vor allem in Libyen. Kleine Kinder können in einigen Fällen denselben Grund haben. Wir bemerken allerdings auch – das ist bei den Eritreern anders als bei Somaliern – also ganze Familien häufig tatsächlich auch flächenweise überhaupt keine Überlebenschancen in Eritrea sehen und in der Gefahr schweben, eingeknastet zu werden und gefoltert zu werden.

Wuttke: Sie müssen es mir jetzt noch mal erklären, denn ich bin immer noch ziemlich geschockt über das, was Sie gesagt haben: Wie lange sind denn die Frauen unterwegs, in welchen Zusammenhängen, dass sie vergewaltigt werden und schwanger versuchen, nach Europa zu kommen?

Hein: Man muss sich die Karte angucken, um zu sehen, da, wo sie aufbrechen – sei es direkt Eritrea oder sei es auch in riesigen Flüchtlingslagern in Kenia und Äthiopien oder Sudan – dazwischen liegt 3.000 Kilometer Wüste. Dazwischen liegt vor allem auch ein großer Teil der libyschen Wüste. Und wir wissen von vielen Berichten, dass die Vergewaltigungen nicht so sehr stattgefunden haben im Herkunftsland, sondern während dieser Reise, während der abenteuerlichen Überquerung von Tausenden von Kilometern ohne irgendwelchen Schutz, ohne irgendwelche Möglichkeit, polizeiliche Hilfe anzurufen. Ganz im Gegenteil, manchmal ist es dieselbe Polizei, die vermutlich zu den Tätern gehört.

Wuttke: Sie hoffen seit Jahren, Herr Hein, dass die Politik solche Tragödien nicht nur bedauert, sondern endlich mal beidreht. Hat EU-Innenkommissarin Malmström jetzt eine Chance, sich gegen mauernde Nationalstaaten durchzusetzen?

Hein: Ich hoffe das sehr. Wir hatten die Gelegenheit, Kommissarin Malmström einen Bericht vorzulegen, den wir zusammen mit Organisationen in sechs anderen europäischen Ländern gemacht haben und der von der EU-Kommission mit finanziert wurde, über die Frage des Zugangs zum Rechtsschutz in Europa. Jetzt ist auch im Programm der Europäischen Kommission in diesem Jahr, 2013, viel fehlt nicht mehr am Ende, dass die Kommission zumindest einen Bericht über die Frage des Zugangs der Flüchtlinge zum Rechtsschutz vorlegen wird dem Europaparlament und dem Rat. Bisher ist dieses Dokument nicht erschienen. Ich hoffe, dass es also jetzt einen Anstoß gibt, das ein bisschen zu beschleunigen. Das ist aber noch nicht einmal ein Gesetzentwurf für eine neue Richtlinie oder Abänderung einer Richtlinie. Der Kern der Geschichte ist die: Die europäischen Richtlinien und damit alle EU-Gesetze in allen Mitgliedsländern sehen vor, dass man physisch anwesend sein muss in Europa, um einen Asylantrag zu stellen. Also eine Frau, die in Libyen ist und nicht zurück kann in ihr Heimatland, die in Libyen nicht bleiben kann, hat keine andere Wahl, als sich auf eines dieser Boote zu begeben, denn es gibt keine Möglichkeit, bei einer Botschaft Deutschlands, Italiens, Frankreichs oder wer immer oder bei der EU selbst einen Antrag auf Asyl zu stellen, wenn man nicht physisch in Lampedusa angekommen ist. Und das muss sich ändern.

Wuttke: Was haben Sie jetzt konkret und praktisch vorgeschlagen?

Hein: Wir haben vorgeschlagen – ich muss sagen mit einiger Bitternis, seit zehn Jahren, seit 2003 –, dass es die Möglichkeit geben soll, dass man in diplomatischen Vertretungen der Mitgliedsländer, in Durchgangsländern, in einigen Fällen auch in Herkunftsländern einen Rechtsschutzantrag stellen kann und auf Grundlage natürlich eines bestimmten Verfahrens dann ein Visum bekommt und dann das Asylverfahren weitergeführt wird, wenn die Person auf normale, sichere und legale Weise in die EU eingereist ist.

Wuttke: Der Sprecher von EU-Kommissarin Malmström hat gesagt, man wird solche Tragödien wie jetzt, wieder muss man sagen, vor Lampedusa nicht gänzlich verhindern können, das ist eine Seite, die andere, Herr Hein, in Deutschland wird um Mindestlöhne gestritten, um bessere Arbeitsbedingungen: Wie wirkt das auf Sie, der Sie sich seit so vielen Jahren für Flüchtlinge engagieren, die nicht verhungern wollen?

Hein: Man muss vielleicht mal daran erinnern, dass die Zahlen insgesamt der Asylbewerber und Flüchtlinge in Europa in den letzten 15 Jahren insgesamt erheblich runtergegangen sind. Es ist da zu erinnern, dass 1993 in Deutschland fast eine halbe Million Menschen einen Asylantrag gestellt haben und in dem Jahr, wo es einen hohen, relativ hohen Anstieg gab gegenüber den Vorjahren, also im letzten Jahr, 2012, waren es ungefähr 70.000. Es wurde schon damals vom damaligen Innenminister Schäuble gesagt in einer Konferenz in Stuttgart Anfang der 90er-Jahre, solange es sich um 100.000 handelt, haben wir kein Problem. Also ich denke mir, man sollte das auch nicht übertreiben, dass es jetzt eine Invasion gäbe, wenn ein paar Zehntausende von Flüchtlingen kommen, aber die Frage ist, wie sie kommen, wie kommen sie nach Europa rein. Und das ist, wie gesagt, zu überdenken. Es ist nicht eine Frage, auch für Italien nicht, dass 30- oder 40.000 Asylbewerber jetzt also die Krise herbeirufen – die Krise ist sowieso da, und das macht nicht den Unterschied.

Wuttke: Sagt Christopher Hein von der Nichtregierungsorganisation Italienischer Flüchtlingsrat im Deutschlandradio Kultur. Herr Hein, ich danke Ihnen sehr für diese eindringlichen Schilderungen!

Hein: Es war mir eine Freude, mit Ihnen zu reden. Wiederhören!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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