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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 03.10.2013

Verflucht bis ins vierte Glied?

Von den Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs

Von Elena Griepentrog, Berlin

Dresden 1945, ein Trümmerfeld. Die Stadt ist wieder aufgebaut, doch die Zerstörung wirkt nach.  (AP Archiv)
Dresden 1945, ein Trümmerfeld. Die Stadt ist wieder aufgebaut, doch die Zerstörung wirkt nach. (AP Archiv)

Der Zweite Weltkrieg liegt weit über 60 Jahre zurück. Doch er ist nicht verschwunden. Wie die Forschung heute weiß, lebt er weiter. In den Seelen deren, die ihn miterlebt haben, aber auch in vielen Seelen der Nachgeborenen.

Bei vielen zeigt sich das als fehlende Verankerung im Leben, mangelnde Geborgenheit, Gefühlsstörungen oder verdeckte Schuldgefühle. Aber auch in unerklärlichen körperlichen Schmerzen oder ernsthaften psychischen Krankheiten. Sind wir für immer seelisch verflucht, obwohl die heutigen Generationen doch unschuldig sind? Oder gibt es Wege, dem Fluch zu entkommen?

Gott sprach: Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich heraus geführt hat aus dem Land Ägypten, aus einem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, bis in die dritte und vierte Generation. (2. Mose - Kapitel 20)

Rums. Der Anfang der zehn Gebote in seiner ganzen archaischen Kraft. Mit Worten, die mir durchaus nicht nur gefallen. Gott ist ein eifersüchtiger Gott? Gott soll mich verfolgen wegen des Unrechts meiner Väter? Das scheinen mir sehr menschliche Zuschreibungen zu sein. Theologisch gesehen geht es wohl erst mal um Eindeutigkeit. Das Volk Israel nahm mit den zehn Geboten die Kurve von der Vielgötterei zum Glauben an einen einzigen Gott. Und das war ein so bedeutender Wandel, dass die Grenzen sehr klar gesetzt sein mussten. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Nur so konnte das Judentum und später das Christentum seine ganze ethische Kraft entfalten. Und mit klaren Regeln untereinander. Mit gerade einmal zehn Geboten ließ sich Ordnung in das menschliche Zusammenleben bringen.

Philologisch gesehen kann man die zehn Gebote auch anders lesen, nicht als Anweisungen, sondern als Verheißungen, als Prophezeiung: Du wirst keine anderen Götter neben mir haben. Du wirst nicht stehlen, Du wirst nicht töten. Und so steht dann in etwa in der Bibel: Wenn ihr euch sich nicht an meine Gebote haltet, dann werden die Nachkommen noch in der dritten und vierten Generation darunter leiden. Ehrlich gesagt, so falsch oder lebensfremd scheint mir das nicht zu sein.

Als ich zur Schule ging, im West-Deutschland der 1970er und 1980er Jahre, beschäftigten wir uns im Geschichtsunterricht intensivst mit den Jahren 1933-45. Doch die Beschreibung der Nazi-Verbrechen gegenüber den Juden und europäischen Nachbarn war in Geschichtsbüchern wie auch in Romanen so platt beschrieben, dass wir unsere Vorfahren nur von uns abspalten konnten. Diese unsagbaren Verbrechen gegen jegliche Menschlichkeit war schlicht dämonisch, das kollektive Versagen der Menschen ebenso unvorstellbar. Wir hatten keinerlei Verbindung zu ihnen, und zu diesem Deutschland auch nicht. Wir verleugneten unser Deutschsein und gliederten uns innerlich Italien, Frankreich oder den Amerikanern an oder fühlten uns nur als Schwarzwälder oder Westfalen. Oder wir taten so, als ob Wurzeln und Herkunft nichts mehr Wichtiges waren, wir kamen aus dem Niemandsland. Gleichzeitig jedoch war das Schuldgefühl erdrückend und lähmend, bei manchen sehr bewusst, bei den meisten wohl eher unbewusst.

Natürlich sagt der gesunde Menschenverstand klar: Kein Deutscher, der der Krieg als Kind erlebt hat oder erst nach dem Krieg geboren wurde, ist an den deutschen Verbrechen schuld. Und doch sind sie noch da, die subtilen Schuldgefühle. Es zeigt sich an vielen Stellen. Wenn auch bei harmlosen politischen Diskussionen verlässlich noch immer die Keule "rechtsaußen" oder "rassistisch" aus der Tasche gezogen wird. Wenn verächtlich über die vermeintlich charakteristischen deutschen Eigenschaften wie Gefühlsarmut, Kontrolliertheit, einem Hang zum Negativen oder übersteigerte Angst gespottet wird. In Wahrheit typische Anzeichen von nicht bewältigten Traumata. Wenn über Migrationsfragen noch immer kaum sachliche Diskussionen geführt werden können. Und über die griechische Plakate, die unsere Bundeskanzlerin mit Hitlerbärtchen zeigen, ärgern sich zwar manche. Trotzdem gibt es nicht wenige, die durchaus bereitwillig in diesen Schuh zu schlüpfen scheinen. Denn unbewusst fühlen sich viele Deutsche grundsätzlich erst mal schuldig, egal woran. Auch rund 70 Jahre nach dem Krieg sind wir mit unserer Vergangenheit einfach nicht im Reinen. Und dies, ob wohl doch die allermeisten der heutigen Deutschen völlig unschuldig sind am Krieg.

Kriegskinder. Viele saßen damals im Bombenhagel, verloren nahe Angehörige oder gingen selbst verloren. Sie bekamen dramatische Ängste von Erwachsenen mit, erlebten Vergewaltigungen mit, sie litten grausamen Hunger. Millionen verloren ihr Zuhause und ihre Heimat und wurden am neuen Wohnort als Flüchtlinge gedemütigt. Nach dem Krieg bekamen die allerwenigsten eine Hilfe, das Grauen zu verarbeiten.

Die Gestalttherapeutin Charlotte Schönfeldt arbeitet heute speziell mit Kriegskindern und deren Nachkommen.

Charlotte Schönfeldt
"Ich denke, sie hatten nicht den Raum des Fühlens. Also, sie hatten keine Hilfestellung von Erwachsenen, die ihnen halfen, diese Gefühle zu benennen und sich darin zu orientieren, darüber zu reden. Und teilweise haben sie es somatisiert oder abgewehrt."

Das traumatische Leiden der Kriegskinder wurde auf Eis gelegt. Sie sollten vor allem keinen Ärger machen und funktionieren. Doch Traumata lassen sich nun mal nicht wegschweigen.

Studien haben ergeben, dass bis heute 8-10% der ehemaligen Kriegskinder so schwer traumatisiert sind, dass sie psychisch krank sind, in der Schweiz sind das in der gleichen Altersgruppe gerade einmal 0,7%. Ein weiteres Viertel der ehemaligen Kriegskinder ist psychosozial eingeschränkt. Sie sind extrem sicherheitsbedürftig, haben Panikattacken, Schlafstörungen oder Depressionen, sind körperlich gehemmt und massiv eingeengt in ihrer Gefühlswelt. Rund ein Drittel der ehemaligen Kriegskinder ist also bis heute vom Krieg geprägt, oft, ohne es zu wissen oder es zuordnen zu können. Doch das Schlimme bei nicht verarbeiteten Traumata ist ja – das weiß die Forschung inzwischen - dass diese dann häufig an die nächste Generation weiter geben werden. So haben viele Menschen, die in etwa zwischen 1955 und 1980 geboren sind, die gleichen Macken, Einschränkungen oder sogar krankhaften Störungen wie ihre Eltern. Die Nürnbergerin Cornelia, geboren 1963, hat schon früh gemerkt: Sie fühlt sich wie ein Flüchtlingskind.

Cornelia
"An diesem Gefühl, nirgends dazu zu gehören, das ich immer hatte, das ich wirklich immer, immer hatte: Ich gehöre nirgends dazu."

Cornelia Eltern waren Kriegskinder, nach der Flucht landeten sie in einem Dorf bei Nürnberg. Dort wird auch Cornelia geboren. Die Familie ist in Franken noch immer nicht wirklich erwünscht, das merkt selbst die kleine Cornelia. Gleichzeitig spürt sie die Sehnsucht der Eltern nach der verlorenen Heimat. Und wundert sich über eigenartiges Verhalten.

Cornelia
"Meine Mutter hatte so viel Angst, und die habe ich ja gesehen, wenn ein Flugzeug über unser Haus flog, hat sie geweint und hatte Angst, und dann mussten wir als Kinder mit dieser ängstlicher Mutter zurecht kommen. Das war schon... Oder Silvester, schrecklich. Meine Mutter hat geweint, die fand das schlimm. Jede Rakete war für sie ein Schmerz."

Die Eltern, das merkt sie, lieben sie und wollen sie eigentlich beschützen. Doch gleichzeitig verhalten sie sich oft selbst wie große Kinder. Schon mit vier, fünf Jahren wird Cornelia sehr viel sich selbst überlassen. Und sie versucht, die oft überforderte Mutter zu trösten und ihr mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Cornelia
"Ich bin als Kind in diese andere Rolle gegangen, in diese starke, und ich habe immer versucht, nicht zu weinen, bloß nichts zeigen, und das kann ich heute noch nicht. Also, ich kann jetzt in der Zwischenzeit schon weinen, aber es hat mir oft gefehlt, auch so emotional zu sein, aus Freude mal ein paar Tränen heraus zu drücken."

Im Augenblick sein, spontan sein, auf Entdeckungsreise gehen – das tun Kinder ja nur, wenn sie sich sicher aufgehoben fühlen. Doch viele mussten wie Cornelia ohne diese Grundsicherheit auskommen. Dagegen hat sie bis heute oft Gefühle, die eigentlich die ihrer Eltern sind.

Cornelia
"Also, eine meiner Ängste ist so dieses: Jederzeit kann alles weg sein. Ich gehe weg und komme nach Hause, und das Zuhause gibt es nicht mehr. Das ist so eine Urangst, die ich eindeutig geerbt habe. Ohne dass das ein Thema gewesen wäre."

Die Kinder der Kriegskinder, die Krieg-Enkel. Oberflächlich betrachtet sind viele von uns durchaus behütet aufgewachsen, Vater, Muter, Geschwister, ein Haus, sichere Arbeitsverhältnisse. Und doch erlebten in vielen Familien die Kinder oft ein stilles Drama: emotionale Leere oder sogar Kälte, kein Kuscheln, kein In-den-Arm-nehmen, diffuse Ängste, die niemand auffing. Bei vielen unserer Generation ist dies bis heute ein Grundgefühl – Unsicherheit, Haltlosigkeit, Freudlosigkeit, ein Leben mit angezogener Handbremse, fern jeder unbelasteten Lebenskraft.

Die Traumata unserer Eltern haben uns auf verschiedenen Wegen erreicht. Direkte Erziehungsprinzipien etwa, wie übertriebene äußere Ordnung. Unbewusste Botschaften, zwischen den Zeilen "Bloß nicht auffallen" oder "Ein erfülles Leben steht uns nicht zu". Noch fataler: die Wirkung der Spiegelneuronen im Gehirn. Ob die Mutter früher missbraucht wurde oder es selbst – für ein Kind das gleiche Gefühl. Denn das kindliche Gehirn erlebt ja Bilder und Gefühle der Eltern und gerade auch verdrängte Erlebnisse wie eine eigene Erfahrung. Oder die Reinszierung, eine Mutter, die als Säugling allein gelassen wurde, tut dies nicht selten unbewusst bei ihrem eigenen Kind genauso. Mittlerweile weiß man, dass sich bei traumatisierten Menschen häufig sogar die Schaltstellen der DNA verändern, Traumata können also tatsächlich buchstäblich vererbt werden.

Viele Eltern konnten es also kaum verhindern, dass sie Kriegserfahrungen an ihre eigenen Kinder weiter gegeben haben. Die Grenzen zwischen Eltern und Kindern lösten sich auf. Manche Kinder sind geradezu verstrickt in die Lebensgeschichten ihrer Eltern, viele wollten bei ihnen etwas gut machen. So haben sie jedoch gelernt, die Bedürfnisse der Eltern zu erspüren, sich selbst fühlen viele bis heute nur schlecht.

Katrin, geboren 1976, in einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt. Beim Sonntags-Kaffee mit Eltern, zwei älteren Brüdern und den beiden Großmüttern redete man oft über dies und das, vom Fußball bis zur Firma.

Katrin
"Da fiel mir schon auf: Warum fragt niemand nach? Wie geht es dir? Oder wie geht es dir wirklich? Es war für mich zu dem Zeitpunkt schon immer etwas sehr Zwanghaftes an diesen Kaffeetrinken. Also, nichts wirklich Fröhliches. Auch, wenn es so ganz nett war, aber im Untergrund fehlte mir eine Tiefe, einfach ein wirkliches Interesse."

Schon als Kind spürte Katrin, dass etwas nicht stimmt in ihrer Familie, trotz aller Fürsorge. Warum hat der Vater keine Vergangenheit? Warum gibt es keine Geschichten von früher, keine typischen Familiengerichte, keine Traditionen, die jede Generation der nächsten weitergibt? Und warum wirkt die Großmutter immer so teilnahmslos, fast wie vereist, abgestorben?

Katrin
"Das ist so ähnlich wie wenn Sie in einen Raum kommen und da herrscht dicke Luft. Und Sie fragen die Person, was stimmt nicht und die Person sagt: nichts. Und Sie merken aber, dass da eine konstante Anspannung da im Untergrund ist, auch wenn nicht darüber geredet wurde. Und das konnte ich eigentlich ganz schwer ertragen."

Als Jugendliche fing Katrin zaghaft an zu fragen. Zum ersten Mal fiel das Wort Schlesien. Von dort kamen die Großeltern eigentlich. Der Sohn, Katrins Vater, fragte nicht, setzte auf Leistung und beruflichen Erfolg. Katrin hing sehr an ihm, umgekehrt überhäufte er sie mit Geschenken. Doch sie fühlte sich unendlich einsam, Gefühle wie Traurigkeit, Wut oder Verzweiflung hatten keinen Platz.

Irgendwann begann Katrin, die immer so seltsam abwesende Großmutter mit Mikrophon und Tonband zu interviewen. Und dann war das schwarze Loch plötzlich greifbar, das große Tabu: Die Vergewaltigung durch russische Soldaten. Katrin konnte sich das dumpfes Gefühl, das sie immer begleitet hatte, endlich erklären.

Katrin
"Ich weiß nicht, ob ich das in Worten genau ausdrücken kann, es ist eigentlich fast eher ein körperliches Gefühl. Es ist ein Gefühl von einer Atemlosigkeit und einer unglaublichen Schwere."

Wie viele Kriegsenkel haben Angst vor dem anderen Geschlecht? Wie viele haben eine gestörte Identität als Frau, als Mann? Wie viele haben mit Bindungsängsten zu kämpfen oder mit einer belasteten Sexualität? Gerade die massenhaften Vergewaltigungen waren in Deutschland ja besonders tabuisiert. Und konnten sich umso besser auch in den nächsten Generationen einnisten.

Manche Erben des Krieges hat es besonders hart getroffen. Sie hatten Eltern, die seelisch so angeschlagen waren, dass sie ihre Kinder nicht lieben konnten. Mütter, die ihre Kinder besetzten und als Partnerersatz missbrauchten. Eltern, die die Rollen umdrehten und sich bei den Kindern holten, was sie selbst nicht bekommen hatten. In solch desolaten Familien zogen unverarbeitete Kriegstraumata nicht selten eine Kette von weiteren Dramen nach sich: Scheidung, Alkoholismus, extreme Sprunghaftigkeit oder Gewalt, manchmal sexueller Missbrauch.

Verflucht bis in die dritte und vierte Generation. Ja, so kann man sich schon manchmal fühlen, wenn man in Deutschland den Teppich hebt und drunter schaut. Wir sitzen in der Falle. Denn die ungeheuren Verbrechen Nazi-Deutschlands sind natürlich nicht zu leugnen. Ich bin trotz allem dankbar, dass wir in Deutschland nicht den Weg des Zu-den-Akten-Legens gegangen sind, wie so viele andere Nationen, die in ihrer Geschichte große Schuld auf sich geladen haben. Die wenigsten Täter stellten sich jedoch der Wucht dieser Schuld. Stellvertretend fühlten sich deren Kinder und Kindeskinder schuldig – der Fluch der Vorväter und -mütter. Doch das darf keine Falle für den Rest unseres Lebens sein.

Vielleicht dürfen wir als erstes die Verantwortung des deutschen Staates von einer persönlichen Schuld trennen. Auch in unseren emotionalen Tiefenschichten. Wie andere Menschen auch, dürfen wir unser Land, unsere Sprache, unsere Kultur lieben und auch schützen. Wir dürfen uns dazu bekennen, gern in unserem Land zu leben und vielleicht auch hier am liebsten Urlaub zu machen. Wir dürfen beim Fußball unbekümmert unsere Deutschland-Flagge schwingen. Wir dürfen sogar gern die Nationalhymne oder wieder deutsche Volkslieder singen, und ja, es darf tatsächlich eine Zeitschrift geben, die den Titel "Sehnsucht Deutschland" trägt. Wir dürfen die hysterische Angst vor Nationalismus endlich auf den Müll schmeißen. Doch all das wird noch nicht reichen.

Mitten auf einem Feld lag ich, ausgestreckt auf dem Bauch, in einem abgelegenen Nest in Lettland. Ich weinte, wie ich vielleicht noch nie geweint habe, auf dieser Erde, meiner Erde. Hier, ganz in der Nähe unseres ehemaligen Familiensitzes im Baltikum, hatte ich zum ersten Mal im Leben das Gefühl, ich habe ein Recht zu sagen: Dieser Fleck der Erde ist meiner. Hier hat meine Familie Jahrhunderte lange gelebt, hier sind meine Wurzeln. Ich sah das große Haus, den Garten am Bach, ich bin die aus Erzählungen so vertrauten Wege gelaufen, ich roch den Boden. Ich bekam eine Vergangenheit. Gerade für uns Kinder und Enkel aus Flüchtlingsfamilien kann so ein Besuch in der Familienheimat sehr heilsam sein.

Und Informationen zu sammeln: Woher genau kommen meine Eltern, ihre Geschwister, meine Großeltern, meine Urgroßeltern? Wie sind sie aufgewachsen, wo haben sie gelebt, was waren sie von Beruf? Mit wem waren sie verwandt, und wer davon lebt noch? Erschreckend, wie viele Menschen keine Ahnung von ihrer Familiengeschichte haben. Und sie so emotional auch nicht aufarbeiten können. Und Transparenz! Wir können das nachhaltige Gift des Krieges erkennen und endlich sichtbar machen. Auch die Tabus aufbrechen, das Tabu der Schuld unser Soldatenväter oder -großväter. Opa war eben vielleicht doch ein Nazi.

Manchen von uns gelingt es auch, endlich mit den Eltern bzw. den Kindern ins Gespräch kommen, zu fragen, zuzuhören und zu erzählen, wie wir es selbst erlebt haben. Gegenseitig verstehen, unter welchen Bedingungen der jeweils andere groß geworden ist. Endlich in einen Gefühlskontakt kommen, echte Nähe – nicht nur die Kinder haben oft eine tiefe Sehnsucht danach. Doch selbst, wenn uns das nicht mehr gelingt: Wenn wir anerkennen können, wie und wie tief viele von uns noch vom Krieg geprägt sind, können wir manches Unrecht, das uns zugefügt wurde, besser verstehen. Und verzeihen und so frei werden für die Gegenwart. Wir können auch nachträglich lernen, was wir als Kinder oft nicht gelernt haben: Nähe eingehen, Gefühlstiefe, Körperlichkeit, innere Sicherheit und Geborgenheit, Dinge, die das Leben erfüllt und schön machen. Und schließlich, bei aller Wiederanbindung an unsere Wurzeln: Nicht das Leben unserer Eltern zu leben. Sondern unser eigenes.

Charlotte Schönfeldt
"Ich denke, sie müssen die Möglichkeit haben, die Dinge zu benennen und sich in diesem Generationskontext zu orientieren und zu sortieren, was gehört in die vorherige Generation, und was gehört zu mir, in meine Generation."

Literatur dieser Sendung
• Sabine Bode: Kriegsenkel – die Erben der vergessenen Generation
• Sabine Bode: Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen
• Sabine Bode: Nachkriegskinder
• Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.

Feiertag

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