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Vollbild | Beitrag vom 16.01.2016

Verfilmung von historischem RomanCromwell und die "Wölfe"

Von Anja Reinhardt

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Der britische Schauspieler Damian Lewis bei der Berlinale 2015: Er spielt König Heinrich VIII. in "Wölfe" (dpa / picture alliance / Hubert Boesl)
Der britische Schauspieler Damian Lewis bei der Berlinale 2015: Er spielt König Heinrich VIII. in "Wölfe" (dpa / picture alliance / Hubert Boesl)

ARTE bringt das historische Drama "Wolf Hall" (bei uns "Wölfe") nach Deutschland. Für Serienfreunde ein echtes Highlight, denn mit der BBC-Adaption kehrt Damian Lewis ("Homeland") auf die deutschen Bildschirme zurück: als König Henry VIII. von England.

Peter Straughan: "Ich entschied mich schon früh dafür, was der zentrale Erzählstrang der Serie werden sollte: Ein Rache-Drama. Thomas Cromwell will Rache für den Sturz seines Herrn, Kardinal Wolsey."

Peter Straughan, der das Drehbuch zu "Wölfe" schrieb, hatte die heikle Aufgabe, zwei erfolgreiche und von der Kritik hochgelobte Romane zu einer sechstteiligen Serie zu verdichten. Die zentrale Frage war für ihn: Was hat Thomas Cromwell angetrieben?

Seine Antwort klingt psychologisch einleuchtend: Cromwell wollte alle vernichten, die seinen Protektor Kardinal Wolsey gestürzt hatten. Wolsey und Cromwell, zwei Männer, die in ärmlichsten Verhältnissen aufwuchsen, der eine Sohn eines Metzgers, der andere Sohn eines Hufschmieds. Und trotzdem gelingt ihnen  ein atemberaubender Aufstieg. Durch Bildung und Zähigkeit kommen sie zu Macht und Reichtum. Und beide haben den hochnäsigen Adel als Feind.

(Szene aus "Wölfe":)

"Sohn eines Metzgers, oder? / Hufschmied. / Ach, könntet ihr Pferde beschlagen? / Wenn es darauf ankommt... Ich bin auch mal Soldat gewesen. / Ich wusste schon immer, irgendwas an euch kann ich nicht ausstehen."

Und dieser Adel ist verantwortlich dafür, dass Wolsey am Schluss völlig verarmt und unter unwürdigsten Bedingungen stirbt. Wölfe-Regisseur Peter Kosminsky:

"Cromwell versteht schließlich: Entweder ich mache, was Heinrich sagt. Oder ich sterbe."

Denn Cromwell ist clever und vor allem ein Mann der neuen Zeit: Er ist Anwalt und Bankier, Standestitel scheren ihn nicht, die Gepflogenheiten des Adels erst recht nicht, wohl aber Geld und Einfluss. Er lässt sich nicht von Sympathien oder Antipathien leiten, er ist ein kühl denkender Taktiker und Karrierist, dem ein eiskaltes Image vorauseilt, das weiß auch König Heinrich VIII.

(Szene aus "Wölfe":)

"Master Cromwell, ihr habt einen sehr schlechten Ruf. Ihr verteidigt euch nicht? / Euer Majestät wird sich eine eigene Meinung bilden. / Das will ich und das werde ich."

Mark Rylance, einer der profiliertesten Theaterschauspieler Englands, und Damian Lewis, bekannt aus der Serie "Homeland", spielen das ungleiche Paar Heinrich und Cromwell beeindruckend. Der egozentrische und cholerische König braucht den klugen Strategen vor allem für das Sichern seiner Krone. Denn die Tudors sind erst seit kurzem an der Macht, und Heinrich braucht dringend einen Sohn, um die Thronfolge zu sichern. Seine Frau ist schuld, so sieht er es, sie hat ihm in 20 Ehejahren keinen männlichen Erben geschenkt.

(Szene aus "Wölfe":)

"Ihr müsst mich von ihr befreien!"

Was dem gestürzten Kardinal Wolsey nicht gelang, schafft Cromwell: Er legt Heinrich nahe, sich von der katholischen Kirche loszusagen, damit er Anne Boleyn heiraten kann. Und um der neuen Religion den Weg zu ebnen, der er selbst anhängt: dem protestantischen Glauben. Cromwell legte damit den Grundstein, der England für immer verändert hat. Dieses Ringen um die Religion hat zudem sehr aktuelle Bezüge, meint Regisseur Peter Kosminsky:

"Der Islam ist 500 Jahre jünger als das Christentum und die Ära, um die es in der Serie geht, ist 500 Jahre her. Wir schauen also auf eine Zeit, in der das Christentum etwa genauso alt war wie der Islam heute. Und was haben wir gemacht? Den Leuten die Köpfe abgeschlagen, wir haben Leute lebendig verbrannt, ihnen lebend den Bauch aufgeschlitzt, um sie dann zu foltern. Warum? Weil es ganz feine Unterschiede in der Interpretation der religiösen Doktrin gab. Hört sich das vertraut an?"

Ja, das tut es. Und dieser Gegenwartsbezug ist die wesentliche Stärke der Serie, in der auch Konflikte unserer Zeit verhandelt werden: Gewissen gegen Geld, Religion gegen Religion oder Glaube gegen Vernunft. Die Kamera unterstreicht diese düstere Atmosphäre der Tudor-Zeit mit dunklen, schattigen Bildern, das Setting wie in Kubricks "Barry Lyndon" oft nur von Kerzenlicht beleuchtet. Mark Rylances Gestik und Mimik ist auf ein Minimum reduziert, aber in seltenen Momenten ahnt man doch, was ihn antreibt, nämlich die Rache für seinen Mentor.

"Wölfe" muss sich vor der anspruchsvollen Romanvorlage der Schriftstellerin Hilary Mantel nicht verstecken. Wenn man über die streckenweise hölzerne deutsche Synchronisation hinwegsieht: Schauspieler, Erzählweise, Charakterzeichnungen, Bilder, alles erstklassig. "Wölfe" ist sicher eines der Serienhighlights 2016. Mit einer komplexen Hauptfigur, die so kühl und doch so zerrissen wie ist wie Serienhelden Don Draper, Tony Soprano oder Frank Underwood.

(Szene aus "Wölfe":)

"Ich frage mich, ob man sich auch selbst täuschen kann. Bezüglich dessen, was man über sein Leben glaubt. Wer man ist. Was man ist."

Sendetermin: 21. und 28.1.2016, jeweils 3 Episoden à 60 Minuten, auf ARTE. 

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