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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.03.2011

Verfehlungen von Energieriese Tepco kein Sonderfall in Japan

Unternehmensberater bewertet Verhalten von japanischem AKW-Betreiber

Jochen Legewie im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Das Energieunternehmen Tepco im Visier: Zu eng mit dem Staat verflochten?
Das Energieunternehmen Tepco im Visier: Zu eng mit dem Staat verflochten? (picture alliance / dpa)

Dass der Stromkonzern Tepco jahrelang Pannen an Atomkraftwerken vertuscht hat, liegt für Jochen Legewie auch an der japanischen Unternehmensphilosophie. Anders als im Westen werde in Japan die Verantwortung auf das Unternehmen geschoben, sodass "keine Einzelnen eine klare Verantwortung tragen".

Jan-Christoph Kitzler: Das Atomkraftwerk Fukushima 1 ist noch lange nicht unter Kontrolle, wir haben es gerade gehört, und ein Konzern rückt in diesen Tagen in den Fokus: Tepco, eines der größten Unternehmen in Japan und Betreiber dieser Anlage. Schon in der Vergangenheit war der Konzern in den Schlagzeilen. 2002 musste Tepco zugeben, dass man jahrelang Pannen an Atomkraftwerken vertuscht hatte. Darüber habe ich vor der Sendung mit Jochen Legewie gesprochen. Er arbeitet als Unternehmensberater in Tokio und er kennt die japanischen Wirtschaftsstrukturen. Als Erstes habe ich ihn gefragt, was für ein Unternehmen das eigentlich ist, Tepco.

Jochen Legewie: Tepco ist einer von neun großen japanischen Stromerzeugern, die nach dem Zweiten Weltkrieg 1951 von der Regierung quasi geschaffen worden sind, und Tepco ist von diesen der mit Abstand größte mit einem regionalen Monopol und damit der führende japanische Stromkonzern mit einer sehr starken staatlichen Vergangenheit.

Kitzler: Es hat ja Berichte über viele Pannen in der Vergangenheit auch gegeben, auch in der staatlichen Vergangenheit. Wurde dieses Unternehmen bisher in Japan nicht richtig kontrolliert?

Legewie: Eine Sache, ein Missverständnis möchte ich ausräumen. Es ist kein staatliches Unternehmen, es ist an der Börse notiert. Allein die Stadt Tokio hält drei Prozent der Aktien. Alles andere ist im Besitz von Finanzunternehmen, von Individuen. Es ist also ein normal an der Börse notiertes Unternehmen. Es ist aber auch die Speerspitze von Japans Energiepolitik seit dem Zweiten Weltkrieg und insofern sehr staatsnah.

Kitzler: Dieses Bild von der Speerspitze der japanischen Industrie: Hat das dazu geführt, dass es weniger Kontrollen gab? Würden Sie das sagen?

Legewie: Es ist mit Sicherheit eine Koalition von Interessen, und wo Interessen sich überlappen, wird es natürlich mit den Kontrollen nicht so eng gesehen, wie wenn es einen gesunden Wettbewerb gibt, oder anderweitig dort ein Interesse an einer stärkeren Kontrolle und auch Veränderung der Situation besteht. Das ist sicherlich richtig.

Kitzler: In diesen Tagen, in denen wir so ein bisschen versuchen zu verstehen, was da passiert, ist auch viel die Rede von Mentalitätsunterschieden zwischen Deutschland und Japan. Gibt es auch so was wie Unterschiede in der industriellen Kultur?

Legewie: Ich glaube, was hier bei diesem Fall sehr wichtig ist, dass in japanischen Unternehmen, vor allen Dingen in japanischen Großunternehmen weniger stark als im Westen, auch bei uns in Deutschland, die persönliche Verantwortung von Einzelnen gesehen wird, sondern viel stärker in der Gruppe gearbeitet wird, aber eben auch die Verantwortung auf die Gruppe beinahe, kann man sagen, abgerollt wird, sodass keine Einzelnen eine klare Verantwortung tragen, was dann eben auch dazu führt, dass viele kleinere Vergehen oder kleinere Mängel gar nicht auf einzelne Personen zurückgeführt werden können.

Kitzler: Und ist das auch der Grund dafür - es gab ja in Japan schon Massenproteste, auch gegen Tepco, als es die Pannen früher gab -, ist das der Grund, warum das keine Wirkung gezeigt hat?

Legewie: Ich würde sagen, es sind zwei Sachen hier wichtig. Erst einmal sollten wir nicht Tepco als eine große Ausnahme in Japan sehen, sondern durchaus ähnliches Verhalten in Unternehmen, bei anderen Großunternehmen auch vermuten, beziehungsweise es gab es auch. Viele Privatunternehmen, Snow Brand, JR West, eine große Eisenbahngesellschaft, oder auch ganz einfache Privatunternehmen, ein Fleischunternehmen Meat Hope, haben mit ähnlichen Verfehlungen und mit ähnlichen Verheimlichungen zu Problemen geführt und sind von der Bildfläche verschwunden. Insofern ist es kein Sonderfall Tepco, sondern durchaus schon eine Mentalität, die in der japanischen Unternehmensverfassung ein bisschen mit angelegt ist.

Kitzler: So sieht es Jochen Legewie, Leiter des Tokioer Büros und Partner der Unternehmensberatungsgesellschaft CNC. Vielen Dank für das Gespräch.

Legewie: Sehr gerne, Herr Kitzler.