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Profil / Archiv | Beitrag vom 21.07.2009

Verfasser von "Friseur-Romanen"

Der Schriftsteller Christian Schünemann

Von Olga Hochweis

Der Autor musste für sein Buch Frisurtypen und Farb-Stylings recherchieren.  (AP)
Der Autor musste für sein Buch Frisurtypen und Farb-Stylings recherchieren. (AP)

Ein Münchner Edel-Coiffeur macht sich in den Krimis von Christian Schünemann als Hobby-Detektiv nützlich. Die Geschichten sind eine Mischung aus "Gala" und Miss Marple. Nun erscheint mit "Die Studentin" bereits das dritte Buch.

Christian Schünemann: "Eigentlich nehm´ ich mir immer vor, mal einen richtigen Bösewicht zu kreieren – den man so richtig hassen kann - aber es gelingt mir nicht – irgendwie hat man sie am Ende alle ganz gern mit ihren Stärken und Schwächen."

Ein Friseur löst die Mordfälle in den Krimis von Christian Schünemann: Der Edel-Coiffeur Tomas Prinz, der Opfern wie Mördern eher zufällig über den Weg läuft – und der trotzdem immer sanft verständnisvoll bleibt und im Blick behält, was wirklich wichtig ist: ein schöner Lockenkopf zum Beispiel oder eine Mähne, wie geschaffen "zum Reingreifen und Unsinn machen".

"Ich habe ein gutes Gedächtnis für sogenannte unwichtige Sachen – die merke ich mir einfach und an denen arbeite ich ewig, bis es wirklich geschliffen ist und sich einfach so wegliest."

Christian Schünemann legt selbst Wert auf schönes Haar: dunkel, leicht gewellt, weich geschnitten ist es – aber Frisurtypen, Farb-Stylings, den Alltag eines angesagten Salons musste der 40-jährige Autor für seine Bücher genau recherchieren: Was er beim Star-Friseur Ulrich Graf tat, den er regelmäßig in dessen Münchner Laden besucht. Auch auf eine Reise hat Christian Schünemann den Haarkünstler begleitet, zur sogenannten Alternative Hairshow nach London.

"Da sind dann in der Stadt – keine Ahnung - 50.000 Friseure, 5000 davon passen in die Royal Albert Hall, alles geladene Spitzenfriseure, das ist der Höhepunkt, die Besten der Besten - und das hat Ulrich auch gemacht, jahrelang. Und da bin ich mitgefahren, konnte wunderbar hinter die Kulissen schauen, und das war der Einstieg in das neue Buch."

"Die Studentin" heißt es. Eine 18-jährige Engländerin mit erstaunlichem Haar - rot, lang, viel – springt in letzter Minute für ein verletztes Model ein und rettet damit den Show-Beitrag von Tomas Prinz auf der Londoner Haarmesse. Die junge Frau begleitet ihn nach München, wird Au-pair bei seiner Schwester - und fängt an, Anglistik zu studieren. Gemeinsam mit der frischgebackenen Studentin erkundet Tomas Prinz ein zunehmend befremdliches Uni-Milieu voller Intrigen und Hass – und als sich ein Mord ereignet, ist er mittendrin im neuen Fall.

Auch wenn die Friseur-Geschichten alle überwiegend in München spielen: Christian Schünemann hat dort nie länger gelebt. 1968 in Bremen geboren, wuchs er mit "drei älteren Geschwistern und drei Hunden" auf. Er studierte Slawistik und vergleichende Literaturwissenschaften an der Freien Universität in Berlin - zu Zeiten der Wende-Euphorie nach 1989. Der Osten wollte erobert werden! Christian Schünemann pflegte sein Russisch in St.Petersburg und Moskau, später ging er als Wahlbeobachter immer wieder nach Bosnien-Herzegowina. Dann aber kam Ende der 90er die Zusage für ein Studium an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin

"Das Coming-out für mich als Schreiber, wo ich erst gemerkt habe, welchen Spaß das macht (...) und zwar das Schreiben mehr als das Recherchieren – das journalistische Recherchieren - und doch hab ich da in der Schule gelernt, auf eine bestimmte Art zu schreiben."

Die andere Liebe von Christian Schünemann ist das Fernsehen. Bis heute schreibt er als sogenannter Storyliner an Serien mit. "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" gab er auf, um nach dem Preis beim Literaturwettbewerb "open mike" 2002 seinen ersten Friseurroman fertig zu schreiben. Aber er kehrte auch wieder zurück zum Fernsehen. "Verliebt in Berlin" war sein ganz großer Erfolg.

"Das sind immer wieder diese Ausflüge in die tägliche Serie - was ein schöner Kontrast ist zum einsamen Schreiben – und da lernt man viel, was Plotmachen angeht. (…) Das Springen zwischen den beiden Welten gefällt mir gut."

Geographisch gesehen sind es mehr als zwei Welten, in denen sich Christian Schünemann bewegt. Regelmäßig fährt er den Winter über nach Nizza, um an seinen Büchern zu schreiben. Auch die Zentralbibliothek der Juristen in Hamburg hat er als idealen Rückzugsort entdeckt - fern der Berliner Freunde, die ihn gern ablenken. In Köln sitzt das Team, mit dem Schünemann eben noch an den Fensehserien schrieb. Mit seinem Freund führt Schünemann, genau wie sein Protagonist Tomas Prinz, eine Fernbeziehung. Und im ganzen Land fährt er umher, wenn es zu Lesungen aus dem "Friseur-Buch" geht. Christian Schünemann, hochgewachsen, schlank, mit schönen, feinen Gesichtzügen und ebenso feiner Garderobe könnte - nicht nur optisch! - eine Figur von Thomas Mann sein.

"Schreiben ist für mich ein Halbtags-Job – mehr läuft einfach nicht – und gleichzeitig bin ich da wie ein Beamter, das ganze Gegenteil von einem Dandy: Stehe möglichst früh auf, kein Telefon, kein Radio, keine Zeitung. (…) Nehme meine Vorlage-Mappe, korrigiere (...), das geht also nach bestimmtem Ablauf so Tag für Tag bis Nachmittag - (…) und dann geht das Flanieren los, das Durch-die-Gegend-laufen, Zeitung lesen, abschalten."

Abschalten – nur nicht allzu lange. Christian Schünemann fährt sich aufgeregt durch die seidig glänzenden Haare. Der nächste Fall des Friseurs ist schon in Planung.

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