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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.03.2012

Verdrahtete Polizeiarbeit

Daniel Eschkötter: "The Wire", Diaphanes Verlag, Berlin 2012, 96 Seiten

Szene aus "The Wire". Die Serie lief zwischen 2002 und 2008 auf HBO.
Szene aus "The Wire". Die Serie lief zwischen 2002 und 2008 auf HBO. (AP)

Für viele Kritiker ist die US-amerikanische Serie "The Wire" schlicht und einfach das größte Fernsehen, das es seit Erfindung dieses Mediums gegeben hat. Der Literatur- und Filmwissenschaftler Daniel Eschkötter hat der Serie über Polizisten und Gangster im postindustriellen Baltimore eine Monographie gewidmet.

Kein Roman der letzten Jahre habe ihn so beschäftigt wie diese Fernsehserie, bekannte vor einiger Zeit der Literaturkritiker Richard Kämmerlings: Kaum eine TV-Produktion wurde mit solcher intellektueller Begeisterung aufgenommen, wie die zwischen 2002 und 2008 gesendeten 60 Episoden von "The Wire". Da überrascht es nicht, dass der Literatur- und Filmwissenschaftler Daniel Eschkötter ihr eine kleine, feine Monographie gewidmet hat.



Überhaupt dürfte es kaum je eine so "literarische" Serie gegeben haben wie die des Autors David Simon. In ihr, schreibt Eschkötter, regiert das Schreiben, nicht die Regie. Gleichwohl betrachtet er "The Wire" nicht als monumentales Großstadtepos oder "visual novel", sondern sieht sie fest verankert in einem "Reportagejournalismus als Paradigma und Idee angelsächsischer Prosa, in der Transkription des Sprechens der anderen". Tatsächlich hat ihr Erfinder Simon lange als Polizeijournalist in Baltimore gearbeitet. So ist Baltimore, die Welt der Polizei und die Welt des Verbrechens (und nicht zuletzt auch die Welt des Journalismus), zum Hauptgegenstand von "The Wire" geworden.



Neben den verschiedenen Institutionen - verkörpert durch Polizisten wie James McNulty und Drogengangstern wie Omar Little - hat Eschkötter als einen der wichtigsten Akteure die Sprache selbst ausgemacht, die Slangs und Sprechweisen der Großstadt, die, wenn man so will, Fachsprachen der Straße: "Polizeiarbeit erzählt und verdichtet sich für Simon in den Routinen, Abkürzungen, Sprüchen, Anekdoten, Vulgaritäten, Flüchen, die man von sich gibt in den Polizeirevieren und Mordkommissionen einer fast bankrotten Stadt, mit Ermittlern, die sich ohne bezahlte Überstunden Zweitjobs als Sicherheitsleute verschaffen müssen". Denn auch auf anderer Ebene ist der Serie ein ungewöhnlicher Realismus eigen: Sie zeigt, wie kleinteilig Polizeiarbeit vonstatten geht, wie mühsam sie ist. Nichts geht in "The Wire" von heute auf morgen, von einer Folge auf die andere; alles hängt mit allem zusammen, alles ist wie durch einen gemeinen Draht ("wire") miteinander verbunden.



Sehr schön ist dabei, wie Daniel Eschkötter über weit auseinanderliegenden Folgen Verbindungen herstellt und Motive aufdeckt, ohne dabei jemals selbst ausschweifend zu werden. Ja, sein Buch ist auch geeignet für jene, die die Serie gar nicht kennen, es ist eine Einführung wie auch ein gutes Beispiel dafür, dass sich Filme und Serien ebenso "lesen" lassen wie Romane oder Gedichte.



"The Wire" also ist das soziale Band, dass alle miteinander verbindet, es ist das Drahtseil, auf dem sie tanzen, es steht zugleich aber auch für die "wiretaps", die verschiedenen Abhörtechniken, die eine so wichtige Rolle in der Serie spielen. Das soziale Band, so Eschkötter, wird hier als mediales gedacht: "Sozialer Zusammenhang und Abhördraht bilden eine Konfiguration - Abhören ist die Soziologie, die sehr diskret teilnehmende Beobachtung der Serie." "The Wire" ist also ein Medium der Beobachtung zweiter Ordnung: Der Zuschauer beobachtet, wie beobachtet wird. Eschkötters Beobachtungen sind da eine gute Ergänzung.



Besprochen von Tobias Lehmkuhl



Daniel Eschkötter: The Wire

Diaphanes Verlag, Berlin 2012

96 Seiten, 10 Euro