Samstag, 30. August 2014MESZ22:20 Uhr

Buchkritik

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

Wiener KongressMächtige Frauen im Hintergrund
Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg.

Prunkvolle Empfänge, exklusive Soiréen, informelle Gespräche. Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch stellt spannend und detailliert dar, wie gebildete und kluge Frauen vor 200 Jahren den Wiener Kongress beeinflussten.Mehr

RomanVereint in der Dunkelheit
Undatierte Aufnahme des englischen Schauspielers, Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten Charlie Chaplin als "Tramp".

Im seinem neuen Roman erfindet der großartige Erzähler Michael Köhlmeier eine Freundschaft zwischen dem Politiker Winston Churchill und dem Schauspieler Charly Chaplin. Die beiden Herren verbindet vor allem ihre Traurigkeit und Einsamkeit.Mehr

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Literatur

TagebuchLiebhaber des Halbschattens
Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.02.2012

Verdrängte Wahrheiten

Hélène Grémillon: "Das geheime Prinzip der Liebe", Hoffmann und Campe, Hamburg 2012, 356 Seiten

Deutsche Truppenmitglieder im Oktober 1940 in Paris
Deutsche Truppenmitglieder im Oktober 1940 in Paris (AP)

In ihrem Debütroman erzählt Hélène Grémillon von Familien und ihren Lebenslügen in Zeiten des Krieges. Sie zieht den Leser in die Zeit vor und während der deutschen Besatzung hinein, als sich Franzosen entscheiden mussten: kollaborieren oder widerstehen.

Eine junge Frau im Paris des Jahres 1975 bekommt Briefe von einem Unbekannten, einem gewissen Louis. Er berichtet schier Unglaubliches: Eine Geschichte, von der Camille, die Empfängerin, zunächst annimmt, sie beträfe sie gar nicht. Das müsse eine Verwechslung sein. Oder vielleicht ein Romanmanuskript? Sie bekommt als Lektorin tägliche Angebote. Ist dies vielleicht ein verstecktes?

Die Briefe kommen in Kapiteln, es sind Dutzende. Immer mehr Details kommen ans Licht. Camille wird langsam klar, dass dieser Louis ihre Familie gut kennen muss und dass es um sie selbst geht, um ihre Herkunft.

Sie erkennt: Ihre leibliche Mutter ist eine andere. Die Frau, die sich ein Leben lang als ihre Mutter ausgab, hat sie belogen. Sie verzweifelte am Ende an dieser Lebenslüge und beging Selbstmord. Erst jetzt kommt die Wahrheit ans Licht. Durch die Briefe. Doch das ist noch nicht alles, was Hélène Grémillon in ihrem elegant komponierten Roman erzählt. Sie zieht den Leser in die Zeit vor und während der deutschen Besatzung hinein, in Zeiten, als sich Franzosen entscheiden mussten: kollaborieren oder widerstehen.

Es ist ein Familienroman in Zeiten des Krieges, er vermeidet aber politische Bekenntnisse, sondern konzentriert sich ganz auf die Hauptpersonen und ihre Geschichte - neben Camille ihre leibliche Mutter Annie, die sie nie kennenlernen konnte, die in jungen Jahren ebenfalls Selbstmord beging. Sie wird in Rückblenden als junge Frau beschrieben, die Talent zum Malen hat und eines Tages in ihrem Dorf bei Paris eine reiche Gönnerin trifft. Es ist Elisabeth - eben jene Frau, die später behaupten wird, Camilles Mutter zu sein. Sie kann keine Kinder bekommen, sehnt sich aber danach, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, wie sie glaubt. Sie bedrängt die junge Annie, an ihrer Stelle schwanger zu werden. Als das Kind da ist, verstößt Elisabeth die leibliche Mutter, die sich nicht mehr zu helfen weiß und als Prostituierte für deutsche Offiziere ihren Lebensunterhalt verdienen muss.

Die Autorin erzählt immer wieder von der Anpassung, vom bitteren Arrangement mit den neuen Machthabern, weniger vom Widerstand. Aber: Sie urteilt nicht. Sie zeigt dies als Normalzustand im Paris der frühen 40er.

Hélène Grémillon, in Frankreich bekannt als Drehbuchautorin (und als Ehefrau des Chanson-Stars Julien Clerc), legt hier einen klassisch komponierten, dem Erzählstrang verpflichteten Roman vor, der an einigen Stellen zu Geschwätzigkeit neigt, sich aber am Ende immer wieder einfängt, um letztlich einer weitverbreiteten Familientragik eine Stimme zu geben - nämlich wie sich von Generation zu Generation Lebenslügen fortsetzen und nur dann aufhören, wenn jemand den seltenen Mut aufbringt, sie zu beenden.

Besprochen von Vladimir Balzer

Hélène Grémillon: Das geheime Prinzip der Liebe
Hoffmann und Campe, Hamburg 2012
356 Seiten, 19.99 Euro