Seit 09:07 Uhr Im Gespräch
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 09:07 Uhr Im Gespräch
 
 

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 08.08.2008

Verbrechen lohnt sich

Der Überfall auf den Postzug Glasgow-London vor 45 Jahren

Von Jürgen Bräunlein

Mehr als zweieinhalb Millionen Pfund Sterling erbeuteten die Posträuber. (Stock.XCHNG / Anka Draganski)
Mehr als zweieinhalb Millionen Pfund Sterling erbeuteten die Posträuber. (Stock.XCHNG / Anka Draganski)

Es war der größte Postraub in der englischen Geschichte. Am 8. August 1963 überfallen 15 Räuber den königlichen Postzug Glasgow-London und erbeuten mehr als zweieinhalb Millionen Pfund Sterling. Mehrfach ist das spektakuläre Verbrechen verfilmt worden. Ronald Biggs, einer der Posträuber, schafft es mit dem Gaunerstück fast bis zum Popstar.

8. August 1963, weit nach Mitternacht: Der Königliche Postzug aus Glasgow mit Ziel London rast durch die Nacht. Im vordersten Waggon stapeln sich 120 Säcke mit Pfund-Noten. Zur selben Zeit liegen 15 Männer in der Grafschaft Buckinghamshire auf der Lauer. Sie tragen Handschuhe und Wollmasken. An der Bridego Eisenbahnbrücke in Ledburn schalten sie das grüne Durchfahrlicht auf rot. Punkt 3 Uhr 10 und ganz nach Fahrplan erreicht der Zug die Brücke und stoppt.

Die Maskierten stürmen das vordere Zugabteil und fesseln die vier Postangestellten, die das Geld bewachen. Einer der Angreifer stürzt sich auf den Lokführer Jack Mills. Der erinnert sich später:

"Ich versuchte ihn zurück zuzustoßen und hatte es fast geschafft, dann wurde ich von hinten niedergeschlagen. Später rief jemand: 'Wo ist der Lokführer.' Ich musste meinen Sitz wieder einnehmen, vorziehen bis zu einem bestimmten Punkt der Strecke. Sonst kriegst Du noch eine drüber!"

Die Posträuber zwingen den Lokführer, den Waggon mit dem Geld auf eine Brücke zu fahren. Die restlichen Zugabteile wurden vorher schon abgekoppelt. Unterhalb der Brücke stehen drei Lastwagen für die Flucht.

Mit einer Beute von 2,6 Millionen englischen Pfund - heute wären das rund 60 Millionen Euro - machen sich die Räuber aus dem Staub. Die Welt ist empört, kann sich aber ein bewunderndes Grinsen nicht verkneifen. Zwei Wochen später sind alle Räuber gefasst, darunter zwei Anwälte, ein Autorennfahrer, ein Florist, ein Frisör und ein Nachtclubbesitzer. Sie bekommen Freiheitsstrafen zwischen 14 und 30 Jahren. Ronald Biggs, gelernter Schreiner und einer der Drahtzieher, muss 30 Jahre hinter Gitter.

"Der Richter hat wohl 'nen Vogel, die sitz ich nicht ab","

erklärt Biggs im Gerichtssaal. Und hält Wort. Fünfzehn Monate nach der Verurteilung seilt er sich mit einer Strickleiter an der Gefängnismauer ab, flieht nach Frankreich, wo er sich einer Gesichtsoperation unterzieht, reist nach Australien weiter und gründet eine Familie.

Als er 1969 seinen Steckbrief im Fernsehen sieht - er ist jetzt der meist gesuchte Verbrecher Großbritanniens -, flieht er über Panama nach Rio de Janeiro. Dort wird er 1974 festgenommen, doch nur für Stunden.

Zwischen Brasilien und England besteht kein Auslieferungsabkommen. Zudem ist Biggs mit einer einheimischen Stripperin verheiratet, die ein Kind von ihm erwartet. Zum zweiten Mal hat der "Gentleman-Ganove" Scotland Yard eine lange Nase gedreht. Doch damit nicht genug. 1978 nimmt der dreiste Ganove mit den "Sex Pistols" einen Song auf: "No one is innocent", Niemand ist unschuldig.

""Doch es ist mir ergangen wie dem alten Mann bei Hemingway, ich hatte einen dicken Fisch gefangen, aber die Haie haben alles aufgefressen."

Bald ist Biggs völlig pleite. Um sich über Wasser zu halten, verkauft der Ex-Räuber, der in Brasilien keine Arbeitsstelle annehmen darf, Kaffeebecher und T-Shirts mit seinem Konterfei und macht Werbung für Alarmanlagen. Wie ein Pirat im Ruhestand posiert er mit einem Papagei auf der Schulter vor deutschen Touristen. 1991 geht er mit der deutschen Punk-Gruppe "Die Toten Hosen" noch mal ins Plattenstudio. Biggs Stimme ist mittlerweile so brüchig geworden wie seine Existenz.

""Mein letzter Wunsch ist es, als Engländer in einen Pub zu gehen und eine Pint Bitterbier zu trinken","

erklärt er einige Jahre später dem englischen Boulevardblatt "Sun". Die Zeitung spendiert daraufhin den Rückflug nach London in einem Privatjet - der letzte Luxus im Leben des verarmten Posträubers. Als "Ronnie" Biggs am 7. Mai 2001, nach 35 Jahren auf der Flucht, seinen Fuß wieder auf britischen Boden setzt, wird er sofort verhaftet. Sechzig Scotland-Yard-Beamte stehen Spalier - für einen schwerkranken Greis der nach einem Schlaganfall auch noch die Sprache verloren hat.

Ronald Biggs ist mittlerweile 79. Wenn er nicht vorzeitig entlassen und alt genug wird, muss er bis 2029 einsitzen. Sein abenteuerliches Leben hat den "großen Postzugraub" erst richtig zu Legende gemacht. Mehrfach wurde das spektakuläre Verbrechen verfilmt, in Deutschland unter dem Titel "Die Gentlemen bitten zur Kasse". Heute wäre das Gaunerstück wohl nicht mehr möglich. Ein solches Präzisionsunternehmen würde allein schon an der Unpünktlichkeit der Züge scheitern.

Kalenderblatt

Vor 500 JahrenDas Ende der Mamluken-Herrschaft in Ägypten
Blick auf das Fort Kait Bey in Alexandria. Der Mamluken-Sultan Kait Bey ließ die dreistöckige Festung 1477 bei einem Besuch in Alexandria erbauen.  (dpa / picture-alliance / Mohamed Hamed)

Durch den Sieg über die als unbesiegbar geltenden Mongolen im Jahr 1260 schafften es die Mamluken, ein Kalifat in Ägypten zu installieren. Die ehemaligen Militärsklaven genossen hohes Ansehen bei der Bevölkerung. Doch vor 500 Jahren wurde ihr Reich vom osmanischen Heer zerschlagen.Mehr

75 Jahre Wannsee-KonferenzDie Vorbereitung des Massenmords
Das Haus der Wannsee-Konferenz (imago/McPHOTO )

Vor 75 Jahren wurde in einer Villa am Wannsee über die Vernichtung der Juden beraten. Knapp zwei Stunden dauerte die Besprechung. Ziel der Wannsee-Konferenz war es, einen Plan zur Deportation und Vernichtung der Juden aus westeuropäischen Ländern festzulegen.Mehr

75. Todestag von Walter SpiesKünstler im Paradies
Kecak (Monkey Dance), created by German artist and choreographer Walter Spies in the 1930s drawing on elements of the Hindu epic the Ramayana, Bali, Indonesia, Southeast Asia, Asia  (imago stock&people / Luca Tettoni)

Der Maler und Komponist Walter Spies lebte und arbeitete 16 Jahre auf der indonesischen Insel Bali. Mit seinen Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen revolutionierte er die balinesische Malerei und machte das Eiland in Europa und Amerika bekannt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur