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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.01.2016

Verbraucherschutz Fleisch mit Sternen?

Folkhard Isermeyer im Gespräch mit Nana Brink

Eine Fleischtheke (dpa/picture-alliance/Alexandr Kryazhev)
Null-Sterne-, Ein-Sterne- oder Zwei-Sterne-Fleisch? Eine solche Kennzeichnung könnte Ordnung schaffen, meint Folhard Isermeyer. (dpa/picture-alliance/Alexandr Kryazhev)

Ein staatliches Siegel für Fleischprodukte fordert der Agrarökonom Folkhard Isermeyer. Eine Kennzeichnung mit einer verschiedenen Anzahl von Sternen könnte über die Qualität des Angebots an der Fleischtheke in Zukunft Auskunft geben. Heute beginnt in Berlin die Internationale Grüne Woche.

Folkhard Isermeyer , Präsident des  Braunschweiger Johann Heinrich von Thünen-Instituts (TI), hat sich für die Einführung eines staatlichen Siegels für Fleischprodukte ausgesprochen. Das sei ein wichtiger Orientierungspunkt für eine Nutztierstrategie, sagte er im Deutschlandradio Kultur. So ein Siegel würde Ordnung im bisher unübersichtlichen Angebot schaffen und den Verbrauchern nützen:

"Sie sind es auch gewohnt, mit vielen Werbeversprechen konfrontiert zu werden. Aber es herrscht doch eine gewisse Label-Vielfalt. Und man weiß nicht so richtig, was sich hinter den verschiedenen Labeln, die wir derzeit haben, verbirgt."

Isermeyer verwies auf einen Vorschlag des Deutschen Tierschutzbundes, der unter wissenschaftlicher Begleitung erarbeitet worden sei und auf die Komplexität der Tierhaltung eingehe:

"Und da gibt es, einfach gesprochen, Null-Sterne-Fleisch, Ein-Sterne-Fleisch und Zwei-Sterne-Fleisch. Und das schafft dann Ordnung. "

Umsetzung ist eine Frage des politischen Willens 

Die Umsetzung dieser Vorschläge sei eine Frage des politischen Willens, betonte Isermeyer. Die Bundesregierung habe sie bereits als vernünftigen Ansatz erkannt und würde solche Regelungen gerne auf europäischem Niveau einführen:

"Nur: Auf europäischem Niveau in dieser Frage Gleichklang zu erzielen, ist politisch eine große Herausforderung."

Bei der Entwicklung einer Nutztierstrategie sei es allerdings nicht so leicht, per Dekret und per Auflagen bestimmte Ziele zu erreichen, äußerte Isermeyer. Das sei schon deshalb schwierig, weil sich die deutsche Landwirtschaft in einem sehr scharfen internationalen Wettbewerb befinde. Bei einer geänderten Tierhaltung erhöhten sich die Produktionskosten:

"Und wenn unsere Kollegen in Polen oder in Frankreich nicht den gleichen Standards ausgesetzt sind, dann besteht schon die Gefahr, dass Billigfleisch von Anbietern aus dem Ausland eingeführt wird. Und dann wandert über kurz oder lang – wegen der erhöhten Standards bei uns – die Tierhaltung ab ins Ausland. Und wir kaufen dann halt importiertes Fleisch. Das kann ja nicht der Sinn der Sache sein."

Das Johann Heinrich von Thünen-Institut ist ein Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei.



Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Wären Sie bereit, mehr Geld zu bezahlen für Ihr Steak, wenn Sie wüssten, dass das Tier artgerecht gehalten wurde, also nicht als Massentier unter prekären Bedingungen? Wenn ja, dann gehören Sie zu den zwei Dritteln aller Bundesbürger, die bereit sind, für Fleisch mehr zu bezahlen. Das geht aus dem "Fleischatlas 2016" hervor, den der BUND und die Grünen-nahe Böll-Stiftung vorgestellt haben, rechtzeitig zur Grünen Woche, die beginnt ja heute in Berlin. Also solle keiner sagen, der Verbraucher schätze nicht Qualität.

Aber wir alle, die wir einkaufen gehen, wissen auch, dass es gar nicht so leicht ist, diese Qualität auch zu erkennen. Professor Folkhard Isermeyer ist Präsident des Johann Heinrich von Thünen-Instituts. Das ist ein Bundesforschungsinstitut für ländliche Räume, Wald und Fischerei. Ich grüße Sie, Herr Isermeyer!

Folkhard Isermeyer Ja, guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Also, viele Verbraucherzentralen fordern ja ein neues Siegel, damit endlich mal Ordnung kommt in diesen ganzen Wust aus Bio-Siegeln, Bio-Labeln, wo man ja gar nicht mehr durchblickt. Was halten Sie von so einem verbindlichen Siegel?

Isermeyer: Also, im Grundsatz ist das, wie ich finde, ein sehr vernünftiger Vorschlag. Auch der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium hat schon vor einigen Jahren solch ein Siegel gefordert. Das würde wirklich Ordnung machen. Denn die einzelnen Verbraucher, die an der Fleischtheke stehen, sehen dort die Produkte in der Auslage, sie sind es auch gewohnt im Grunde, mit vielen Werbeversprechen konfrontiert zu werden, aber es herrscht auch eine gewisse Label-Vielfalt und man weiß nicht so richtig, was sich denn hinter den verschiedenen Labeln, die wir derzeit haben, verbirgt. Und ein staatliches Siegel wäre für eine Nutztierstrategie, also für eine Entwicklung des gesamten Sektors schon ein ganz wichtiger Orientierungspunkt.

Vorbild: Kennzeichnung von Eiern

Brink: Dann frage ich mich trotzdem: Also, ich gehe in den Supermarkt und, wie Sie es genau geschildert haben, ich stehe da, sehe die Verpackungen, sehe unterschiedliche ganz bunte Siegel, sehe immer die Versprechungen und frage mich: Die Verbraucher, also wir fordern das ja alles, warum ist das noch nicht erreicht? Woran hakt's?

Isermeyer: Na ja, wir fordern sicherlich auch Produktvielfalt und es ist gut und richtig, dass die Anbieter darauf entsprechend reagieren. Und das kann eben auch jeder Verbraucher auf seine Weise machen. Man muss wirklich unterscheiden zwischen diesen einzelnen Werbeversprechen, gegen die gar nichts einzuwenden ist, und einem Siegel, das man vielleicht am besten vergleichen kann mit den Zahlenaufdrucken auf den Eiern. Als seinerzeit die Diskussion anstand, steigen wir aus der Käfighaltung für Legehennen aus oder nicht, da wurde ja Ordnung geschaffen durch diese 0-, 1-, 2-, 3-Kennzeichnung, die heute jedes Schulkind eigentlich mitbekommt.

Brink: Kann man das nicht bei Tieren, also bei Fleisch dann auch machen? Warum geht das nicht?

Isermeyer: Das kann man machen. Das ist natürlich etwas komplizierter, weil es hier nicht nur um Käfig oder Boden oder Freiland geht, es geht um komplexere Dinge, ob Spielmaterial im Stall ist, ob die Tiere Zugang zur Außenwelt haben, ob Spaltenboden da ist und, wenn ja, wo. Also, diese ganzen Dinge müssten ein bisschen geordnet werden. Aber es gibt ja beispielsweise den Vorschlag des Deutschen Tierschutzbundes, der ja mit wissenschaftlicher Begleitung erarbeitet worden ist, wo diese Komplexität ein bisschen geordnet wird.

Und dann gibt es – einfach gesprochen – Null-Sterne-Fleisch, Ein-Sterne-Fleisch, Zwei-Sterne-Fleisch und das schafft dann Ordnung. Das könnte man machen, das ist eine Frage des politischen Willens. Und da müsste sich die Politik vielleicht dann doch ein bisschen darauf einlassen. Die Bundesregierung hat das ja im Kern auch als vernünftigen Ansatz schon erkannt, möchte es gerne auf europäischem Niveau eingeführt haben. Nur: Auf europäischem Niveau in dieser Frage Gleichklang zu erzielen, ist politisch eine große Herausforderung.

Ziele einer Nutztierstrategie

Brink: Ich würde ja dann auch immer sagen, fangen wir doch mal erst vor der eigenen Tür zu kehren an und gucken, ob wir das irgendwie auf dieser nationalen Ebene hinkriegen! Sie haben etwas Interessantes angesprochen, das ja auch in diese Frage der Kennzeichnung reingeht, nämlich eine Nutztierstrategie. Was ist das ganz genau, wie soll die aussehen? Soll die dann auch dazu führen, dass man sich auf verbindliche Standards einigt?

Isermeyer: Ja, ich glaube schon sehr wichtig, dass man zum einen Ziele entwickelt, da kommen wir ja genau eben in die Größen hinein, die wir eben diskutiert haben, null Sterne, ein Stern, zwei Sterne beispielsweise. Das ist die Frage, wo wollen wir hin. Und die zweite Frage ist dann, wie können wir dahin kommen? Und da ist es nicht so leicht, in dieser Nutztierhaltung die Ziele einfach per Dekret zu erreichen.

Klassisch geht die Politik ja so vor, dass sie dann den Landwirten irgendwelche Auflagen macht und sagt, ihr müsst jetzt soundso vorgehen, ihr dürft nur noch soundso viel Tiere pro Quadratmeter halten und dergleichen. Das ist deswegen so schwierig, weil sich unsere Landwirtschaft in einem sehr scharfen internationalen Wettbewerb befindet. Und wenn wir jetzt nur noch halb so viel Tiere pro Quadratmeter beispielsweise halten dürfen, dann erhöhen sich ja die Produktionskosten.

Und wenn unsere Kollegen in Polen oder in Frankreich nicht den gleichen Standards ausgesetzt sind, dann besteht schon die Gefahr, dass Billigfleisch von Anbietern aus dem Ausland eingeführt wird. Und dann wandert über kurz oder lang wegen der erhöhten Standards bei uns die Tierhaltung ab ins Ausland und wir kaufen dann halt importiertes Fleisch. Das kann ja nicht der Sinn der Sache sein.

Brink: Aber ist es nicht auch eine Uneinigkeit oder sagen wir mal: eine komplett unterschiedliche Philosophie zwischen konventioneller Landwirtschaft und auch Bio-Landwirtschaft?

Isermeyer: Na ja, das, würde ich sagen ...

Billigfleisch sollte aus den Supermärkten verschwinden

Brink: Also die Schwierigkeit, dass man sich da auf Standards einigt?

Isermeyer: Na ja, das Kernproblem ist tatsächlich, dass man, wenn man sich mal auf Standards geeinigt hat - und da gibt es ja im Bio-Fleischbereich ganz ähnliche Standards wie im Premiumsegment des Deutschen Tierschutzbundes – also, wie gesagt, Standards im Sinne von Zielen und Vorschriften sind schon da. Aber es geht um die Frage: Wie bringen wir die Verbraucher in der Masse dazu, dann auch dieses Fleisch zu kaufen und nicht das Billigfleisch? Das ist die entscheidende Frage.

Und da zeigt auch alle Erfahrung, dass, wenn wir in ein und demselben Supermarkt den Verbrauchern die Wahl lassen, dann wird allen Bekundungen zum Trotz sehr, sehr oft doch zum Billigen gegriffen. Und aus diesem Grunde brauchen wir eine Nutztierstrategie, um gemeinsam dahin zu kommen, dass über kurz oder lang die Supermärkte das Billigfleisch gar nicht mehr listen. Das ist nicht ganz so leicht.

Brink: Fokhard Isermeyer vom Thünen-Institut für ländliche Räume, Wald und Fischerei. Schönen Dank, Herr Isermeyer, für Ihre Einschätzungen zu diesem Thema!

Isermeyer: Sehr gerne, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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