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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.11.2010

"Verbraucher wollen keine Atom- und Kohlekraftwerke"

Bund der Energieverbraucher widerspricht Vattenfalls Kritik an der Ökoumlage

Aribert Peters im Gespräch mit Nana Brink

Elektrizitätswerk (Jan-Martin Altgeld)
Elektrizitätswerk (Jan-Martin Altgeld)

Der Vorsitzende des Bundes der Energieverbraucher, Aribert Peters, hat angesichts der steigenden Strompreise einen Anbieterwechsel empfohlen. Die Verbraucher seien bereit, für erneuerbare Energien zu zahlen - aber "nicht mehr als unbedingt notwendig".

Nana Brink: Es ist nun also kein Geheimnis mehr: Wir alle, die wir Strom verbrauchen – zumindest, wenn wir bei den großen Stromkonzernen Kunde sind –, müssen nächstes Jahr tiefer in die Tasche greifen. Die Strompreise 2011 werden steigen, im Schnitt um 7,4 Prozent. Einige wie der Energieriese Vattenfall, der in Berlin einen Marktanteil von über 80 Prozent hat, erhöht den Preis sogar um 9 Prozent. Das bedeutet je nach Größe des Haushaltes Mehrkosten von 50 bis 90 Euro pro Jahr. Die großen Konzerne wie Vattenfall, E.ON oder RWE begründen die steigenden Kosten mit der Ökoumlage, heißt: Die Kosten für die erneuerbaren Energien würden per Gesetz auf alle Stromkunden umgelegt. Was also können die Verbraucher tun? Am Telefon ist jetzt Aribert Peters, Vorsitzender des Bundes der Energieverbraucher. Einen schönen guten Morgen, Herr Peters!

Aribert Peters: Schönen guten Morgen, Frau Brink, ich grüße Sie!

Brink: Erst einmal: Stimmt die Begründung von Vattenfall zum Beispiel – wir müssen die Preise erhöhen wegen der Ökoumlage?

Peters: Nein, das stimmt nicht. Es stimmt, dass die Ökoumlage zum nächsten Jahr steigt, aber es stimmt eben genauso, dass die Versorger auch den Strom jetzt billiger beziehen können. Das ist unfair, die höheren Belastungen den Verbrauchern weiterzugeben und die gesunkenen Kosten eben nicht. Das ist ein unfaires Spiel.

Brink: Wie kommt das, dass sie das machen können?

Peters: Die sind frei in ihrer Preisgestaltung, es gibt keine staatliche Kontrolle mehr über die Preise, denn wir haben sogenannten Wettbewerb, das heißt, die Kunden können einfach den Anbieter wechseln.

Brink: Verstehe ich Sie jetzt richtig: Die großen Energiekonzerne nutzen also die Ökoumlage dann de facto für einen Preisanstieg, der nicht notwendig ist?

Peters: Genau so ist es. Man muss auch sagen, dass in den vergangenen Jahren ebenso die Bezugskosten der Versorger gesunken sind, die hätten ebenfalls weitergegeben werden müssen, de facto war schon in den letzten Jahren – ohne dass es diese Begründung durch die Ökosteuer gegeben hat –, sind die Preise Jahr für Jahr um ein bis zwei Cent gestiegen.

Brink: Steigen denn auch die Preise der alternativen Anbieter?

Peters: Die Vergütung der alternativen Anbieter, also das, was man kriegt, wenn man Ökostrom erzeugt, das ist ja gesetzlich festgeschrieben. So, und jetzt gibt es natürlich Ökostromanbieter, die aber dann auch die Preise erhöhen müssen. Es ist ja so, dass der Ökostrom dadurch erzeugt wird, dass er eine Vergütung, eine gesetzlich festgelegte Vergütung bekommt, und diese Vergütung wird eben dann auf die Stromkunden umgelegt. Durch diesen Mechanismus ist jetzt gesichert, dass die erneuerbaren Energien eben sehr schnell ausgebaut werden, und das haben wir in den letzten Jahren sozusagen als Wunder erleben können, dass die erneuerbaren Energien ganz rasant im Land sich ausgebreitet haben, und das ist auch gut so und das ist richtig so, denn die Verbraucher wollen keine Atom- und Kohlekraftwerke, sie wollen erneuerbare Energien und sind auch bereit, dafür zu zahlen – aber eben nicht mehr als unbedingt notwendig.

Brink: Nun, das ist ja eine politische Entscheidung. Nun könnte man ja auch auf dem Standpunkt stehen: Jeder Verbraucher, der sozusagen das Preisspiel der großen Anbieter nicht mitmachen will, kann ja wechseln, es gibt ja einen freien Wettbewerb. Warum tun das so wenige?

Peters: Ja, die Leute haben Angst, das ist zu unübersichtlich, die Leute haben Angst, sich zurechtzufinden im Tarifdschungel. Es gibt 7000 Tarife. Sie haben Angst, dass sie auch ohne, vielleicht mal ohne Strom dastehen, obwohl das überhaupt gar nicht der Fall ist: Selbst wenn der neue Anbieter, zu dem sie wechseln, im schlimmsten Fall mal Pleite geht, selbst dann steht man nicht ohne Strom da. Also die Angst ist einfach emotional unbegründet. Sie ist emotional begründet, aber eben eigentlich ohne sachliche Grundlage.

Brink: Ist es nicht auch so, dass der Verbraucher immer ein bisschen faul vielleicht auch ist, um das zugespitzt zu formulieren, sich zu informieren im Dschungel der Preise und sagt, na, dann bleibe ich lieber bei den Etablierten und nehme die Kostensteigerung in Kauf?

Peters: Richtig, denn es gibt wenig Hilfe dann. Wenn man im Tarifdschungel steht sozusagen, dann ist es ein bisschen schwierig, sich zu orientieren. Ich habe dazu zum Beispiel ein Buch geschrieben, "Energie für Verbraucher", gibt ein bisschen Hilfestellung. Aber die Verbraucher wissen eben auch nicht, dass sie so viel Geld sparen durch den Wechsel. Es sind etwa 100 bis 200 Euro im Jahr, es sind also ganz andere Beträge als jetzt die Preissteigerung ausmachen, die man im Jahr sparen kann, und das sollte es einem doch wert sein, sich mal ein bisschen mit der Materie zu befassen.

Brink: Was raten Sie denn dann den Verbrauchern? Müssen sie sich an dem Ort, an dem Sie sind, ganz konkret informieren, und wie können sie das tun?

Peters: Also das ist relativ einfach dann, man guckt im Internet nach, in einem Preisrechner, zum Beispiel verivox, zwei Mal mit "v" geschrieben, verivox.de, da kann man dann sehen, welcher Anbieter jetzt an dem entsprechenden Ort Strom anbietet, und dann kann man sich auch ansehen dort, wie die Verbraucher, die schon gewechselt haben, diesen speziellen Anbieter, den man nun im Auge hat, bewertet haben, also ob das jetzt alles klappt, denn es gibt welche, die haben vielleicht einen besseren Service und welche, die haben einen schlechteren Service. Also wir raten davor dann, wir raten dazu, nicht zu den Allergünstigsten zu wechseln, weil da eventuell dann wieder nur der Preis ein Lockargument ist, und dann der Service nicht stimmt.

Brink: Rechnen Sie denn mit weiteren Erhöhungen in den nächsten Jahren?

Peters: Also wir haben in der Vergangenheit gelernt, dass seit dem Jahr 2000 die Preise Jahr für Jahr, und zwar ohne Begründung, gestiegen sind. Das finden wir natürlich nicht so brillant, denn ebenso, parallel sind eben auch die Gewinne gestiegen, die sind von zwei Milliarden im Jahr auf jetzt 30 Milliarden im Jahr – allein für die drei großen Konzerne – gestiegen. Das ist natürlich nicht in Ordnung.

Brink: Aribert Peters, Vorsitzender des Bundes der Energieverbraucher, und wir sprachen über die Erhöhung der Strompreise und was der Verbraucher tun kann. Schönen Dank für das Gespräch, Herr Peters!

Peters: Ich danke Ihnen! Tschüss!

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