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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.10.2008

Verbotene Literatur

Siegfried Lokatis, Ingrid Sonntag (Hg.): "Heimliche Leser in der DDR", Ch. Links Verlag, Berlin 2008, 406 Seiten

Die Berliner Mauer in Kreuzberg, 1962 (AP)
Die Berliner Mauer in Kreuzberg, 1962 (AP)

Offiziell gab es in der DDR keine Zensur, dennoch konnte unter dem SED-Regime nicht alles gelesen und gesagt werden. Der Band "Heimliche Leser in der DDR" berichtet darüber, wie sich die Menschen mit dem begehrten Lesestoff versorgten und wie die staatlichen Instanzen versuchten, die Verbreitung verbotener Texte zu verhindern.

Bei den "heimlichen Lesern" denken Lokatis und Sonntag nicht an Kinder und Jugendliche, die mit der Taschenlampe unter der Bettdecke schmökern, weil ihnen die von den Eltern zugestandene Lesezeit entschieden zu kurz für ein spannendes Buch ist. Die Herausgeber des Buches, in dem die Beiträge einer im September 2007 durchgeführten Konferenz gleichen Titels versammelt sind, wenden sich vielmehr zunächst jenen Lesern in der DDR zu, die sich meistens Literatur aus dem Westen beschafften, weil sie weder in Buchläden zu kaufen noch in Bibliotheken zu lesen war. Wie Lektüremauern gezogen wurden und zu welchen abenteuerlichen, aber auch gefährlichen Listen man greifen musste, sie zu überwinden, kann man diesem Sammelband entnehmen.

Die DDR war ein Land mit eingeschränkter Öffentlichkeit, auch wenn es laut Verfassung keine Zensur und das Recht auf freie Meinungsäußerung gab. In Artikel 9 der Verfassung der DDR von 1949 hieß es: "Eine Pressezensur findet nicht statt." Und in der Verfassung von 1968: "Jeder Bürger der DDR hat das Recht, den Grundsätzen der Verfassung gemäß, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern." Dennoch konnte in der DDR nicht alles gelesen und auch nicht alles gesagt werden. Manche Verbote machten Sinn: Kriegsverherrlichendes Schriftgut war ebenso verboten wie Literatur mit pornografischem Inhalt. Solche Druckerzeugnisse fielen unter die Rubrik der "Hetz- und Schundliteratur", zu denen auch Schriften gezählt wurden, in denen man die DDR oder der Sozialismus verunglimpfte. Absurd aber war das Verbot von Autoren der Weltliteratur. Lange Zeit wurden den interessierten Leser in der DDR Bücher von Franz Kafka, Max Frisch, Robert Musil, Günter Grass oder Uwe Johnson vorenthalten.

Wer nicht warten wollte, bis von der Kulturpolitik und der Hauptverwaltung Verlage Publikationen dieser und anderer Autoren gebilligt wurden, musste sich anders behelfen. Die eingeschränkte Öffentlichkeit im Osten Deutschlands forderte gerade dazu auf, sie zu unterlaufen. Was legal nicht zu beschaffen war, versuchte man illegal zu bekommen. Auf der Leipziger Messe wurden den Westverlagen die Bücher aus den Regalen geklaut. Wer da zu spät kam, hoffte auf den Mut seiner Westfreunde oder lag den Großeltern – die als Rentner in den Westen fahren konnten – in den Ohren, sie mögen sich doch das dünne Taschenbuch in den Rock- oder Hosenbund stecken und das heiß ersehnte Druckerzeugnis über die Grenze schmuggeln. So schwierig konnte es im gelobten Leseland DDR sein, an westliche Literatur zu gelangen, die in den Bibliotheken häufig in sogenannten "Giftschränke" stand, für den ein Berechtigungsschein erforderlich war.

Noch gefährlicher aber als heimliches Lesen – auch dafür konnte man ins Gefängnis kommen – war die ungenehmigte Herausgabe von Zeitschriften. Die Literaturszene des Berliner Prenzlauer Berg gab in den achtziger Jahren solche Zeitschriften in Kleinstauflagen heraus. In der DDR wurde heimlich gelesen, aber nicht nur Belletristik, die von manchen Enthusiasten sogar abgeschrieben wurde, worüber Erich Loest berichtet. Es gab auch Lesehunger auf Tageszeitungen, Zeitschriften wie die "Bravo" oder den "Kicker" und auf die Kataloge der großen Versandhäuser. Damit die Leser in der DDR durch solche Druckerzeugnisse nicht ideologisch vereinnahmt wurden, gab es in der DDR noch andere "heimliche Leser", die bei der Post, den Zollorganen der DDR und beim MfS arbeiteten. Diese "heimlichen Leser" lasen, um zu verhindern, dass "Unerlaubtes" gelesen wurde.

Der Band von Lokatis und Sonntag vereint unterschiedliche Stimmen. Es kommen sowohl die zu Wort, die heimlich gelesen haben und darüber berichten, wie sie vorgingen, um an verbotene Literatur zu kommen, als auch jene stattlichen Kontrolleure, die auf der anderen Seite standen und verhindern sollten, das gelesen wurde, was nicht erlaubt war. Neben Erfahrungsberichten und Interviews mit Zeitzeugen aus dem Verlagswesen finden sich Aufsätze, in denen Forschungsergebnisse zu diesem überaus spannenden Gebiet der DDR-Alltagskultur präsentiert werden. Ein lesenswertes Buch, das vielfältige Einblicke in einen lange hermetisch abgeriegelten Bereich stattlich reglementierter Bevormundung präsentiert, der gut funktionierte, und der dennoch Lücken aufwies, die hier umfassend dargestellt werden.

Rezensiert von Michael Opitz

Siegfried Lokatis, Ingrid Sonntag (Hg.): Heimliche Leser in der DDR. Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur
Ch. Links Verlag, Berlin 2008
406 Seiten, 29,90 Euro

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