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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 30.09.2009

"Verblendung"

Hans-Ulrich Pönack über eine Literaturverfilmung aus Skandinavien

Der gefürchtete Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist wird beauftragt, den vermuteten Mord an dem Mitglied eines mächtigen Familienclans zu recherchieren. Dabei deckt er eine grausame Geschichte um Korruption, Mord und Inzest auf. Der Film "Verblendung" basiert auf dem gleichnamigen Roman des schwedischen Autors Stieg Larsson.

Schweden / Dänemark / Deutschland 2009, Regie: Niels Arden Oplev, Darsteller: Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Sven-Bertil Taube, Peter Haber, ab 16 Jahren, 152 Minuten

Ein Film von Niels Arden Oplev, geboren 1961, Abschluss des Studiums an der Dänischen "Filmskole" 1989, war mit seinem Debütfilm "Portland" 1996 im Berlinale-Wettbewerb, drehte erfolgreiche TV-Serien wie "Der Adler" (2005/2006). Sein Film "Der Traum" war 2006 der erfolgreichste dänische Kinofilm und erhielt auf der Berlinale den "Gläsernen Bären" als "bester Kinderfilm". Sein 2007 entstandener Film "Worlds Apart" (über eine junge Zeugin Jehovas) lief 2008 bei der Berlinale. Mit "Verblendung" adaptierte Niels Arden Oplev den ersten Teil von Stieg Larssons populärer "Millenium-Trilogie".

Stieg Larsson: Geboren am 15. August 1954 in Umea, gestorben am 9. November 2004 in Stockholm an den Folgen eines Herzinfarkts. Larsson war schwedischer Journalist, Schriftsteller und Herausgeber des antirassistischen, antifaschistischen Magazins "Expo". Larsson galt als einer der weltweit führenden Experten für anti-demokratische, rechtsextreme und neonazistische Bewegungen, der freiberuflich als Kriminalschriftsteller tätig war. Er hinterließ drei - von zehn geplanten - Kriminalromane um den Journalisten Mikael Blomkvist und die skurrile Meister-Hackerin Lisbeth Salander. Die Bücher fünf und sechs liegen als Exposés, der vierte Teil als teilweise fertig gestelltes Manuskript vor.

Die Millenium-Trilogie umfasst die Romane "Man som hatar kvinnor" (2005), "Männer, die Frauen hassen" - deutscher Titel: "Verblendung", 2006; "Flickan som lekte med elden", 2006, "Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte" - deutscher Titel: "Verdammnis", 2007, sowie "Luftslottet som sprängdes", 2007, "Das Luftschloss, das gesprengt wurde" - deutscher Titel: "Vergebung", 2008. Weltweit wurde diese Krimi-Trilogie über 15 Millionen Mal verkauft, alleine in Schweden über 3,5 Millionen und bei uns über drei Millionen Exemplare. Stieg Larsson rangierte 2008 global auf Platz 2 nach Khaled Hosseini ("Der Drachenläufer"). Sein Roman "Verblendung" war im gleichen Jahr eines der bestverkauften Bücher innerhalb der EU. Der Film kam am 27. Februar 2009 in die schwedischen Kinos und zählt in ganz Skandinavien zu den erfolgreichsten Kinofilmen aller Zeiten.

Der Film "Verblendung" ist ein solide inszenierter Thriller, der die 700-seitige Buchvorlage auf eine spannende Detektivgeschichte fokussiert. Wo der Roman mit vielschichtigen, atmosphärischen Personenporträts eine faszinierende Beschreibung der schwedischen Gesellschaft mit ihren abnormen Sünden zeichnet, geht es hier um die diffizile Schnüffel-Arbeit des erfolgreichen, kompromisslosen und deshalb gefürchteten Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist) vom Millenium-Magazin. Der wird vom 82-jährigen Patriarchen eines mächtigen Familien-Konzerns, Henrik Vanger (Sven-Bertil Taube), beauftragt, den vermutlichen Mord an seiner Lieblingsnichte Harriet aufzuklären. Die verschwand vor über 30 Jahren auf mysteriöse Weise bei einem Familienfest. Offiziell ist der Fall unaufgeklärt, abgeschlossen, beendet. Doch jedes Jahr geschieht immer wieder dasselbe: Pünktlich zum Geburtstag erhält der Senior von Harriet eine Trockenblume ins Haus geschickt.

Im hohen Alter unternimmt der Alte deshalb einen letzten Versuch zur Aufklärung dieser Tragödie, die ihm keine Ruhe lässt. Denn er glaubt, dass ihn Harriets Mörder mit diesem Präsent verhöhnen will. Deshalb soll der gewiefte Mikale Blomkvist ran, um noch einmal aufwändig und ausgiebig zu recherchieren. Bei hohem Honorar. Doch auch der Journalist tappt zunächst im Dunkeln, entdeckt weder Spuren, noch kann er Verbindungen ausmachen. Doch dann kommt er mit der schrägen, düsteren Punker-Hackerin Lisbeth Salander (Noomi Rapace) in Kontakt, und sie vermag ihm zu helfen. Beide kommen einer abgründigen, äußerst bösartigen, grausamen Geschichte um Korruption, Mord, Inzest und Nazi-Sippschaft auf die widerwärtigen Schliche. Dabei trifft der Originaltitel des Romans den üblen Kern präzise: "Männer, die Frauen hassen".

Ein spannender Film, gewiss - mit hervorragenden Hauptakteuren, vor allem Noomi Rapace als traumatisierte Lisbeth, ist eine sensationelle Entdeckung. Die junge Frau, die nie eine Schauspielschule besucht hat, ist körpersprachlich, in Bewegung, Gedanken, Ausdruck, weibliches Dynamit und besitzt eine aufregende mentale Reizkraft. Mit ihrem "Gothic-Look" und ihrem introvertiertem Auftreten knallt sie alles nieder. Ein schauspielerisches Natur-Ereignis! Während Michael Nyqvist, bekannt aus dem auch bei uns geschätzten Schweden-Film "Wie im Himmel" (2004), als idealistischer, charismatischer Schnüffler ordentlich in die Gänge kommt.

Aber da sind wir sogleich bei den Schwächen des Films: Die erzählerische Virtuosität Larssons findet sich nämlich nur bedingt wieder. Die Filmstory kommt nur behäbig in Schwung, die aufgebaute, chiffrierte Geheimniskrämerei wirkt mitunter zähflüssig. Doch wenn dann endlich der Fall vorankommt, ist auch die Spannung und Anteilnahme nicht weit. "Verblendung" ist ein klein-großer Blick auf die Abgründe menschlichen Handelns, als Film zum Klasse-Buch immer noch und allemal zu empfehlen.

Filmhomepage: "Verblendung"

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