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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.12.2008

Verbale Eiertänze

Von Unwort-Detektoren und Gesinnungs-Gouvernanten

Von Michael Klonovsky

Eine Jury ermittelt das Unwort des Jahres, hier im Jahr 2003. (AP)
Eine Jury ermittelt das Unwort des Jahres, hier im Jahr 2003. (AP)

Über der vielzitierten bundesdeutschen Streitkultur waltet in Wirklichkeit ein notorisches Belauerer- und Denunzierwesen. Oft genügen ein Wort oder eine Assoziation, und schon beginnen die Diskurslinienrichter mit der Abseitsfahne zu fuchteln.

Etwa als Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs eine lautstarke Aktion linksalternativer Jugendlicher, die eine Sitzung des Potsdamer Stadtparlaments zeitweise lahmlegte, mit den Worten kommentierte: "Die Nazis haben auf diese Art und Weise Parlamentarier eingeschüchtert. Das sind schon dieselben Methoden." Die Empörung war, wie immer in solchen Fällen, groß. Jakobs verharmlose den SA-Terror, hieß es in diversen Medien.

Als der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulf von einer "Pogromstimmung" gegen Manager redete oder fantasierte, folgten vergleichbare Reaktionen. Wulf tat, was deutsche Politiker am liebsten tun: Er entschuldigte sich. Und zwar mit den Worten: "Nichts kann und darf mit der Judenverfolgung und den schrecklichen Pogromen gegen die Juden verglichen werden."

Das war insofern seltsam, als er nichts dergleichen getan, sondern nur von Pogromstimmung an sich gesprochen hatte - ein übertriebenes, womöglich ein bisschen dämliches Bild, aber ohne Übertreibungen und Dämlichkeiten ist freie Rede nicht zu haben. Man wüsste allerdings gern, wie ein Christdemokrat zu der ethisch fragwürdigen Behauptung kommt, Pogrome gegen Hugenotten, Armenier oder Bosniaken seien weniger schrecklich als Pogrome gegen Juden.

Gewisse Worte lösen nahezu unabhängig vom Kontext, in dem sie stehen, pawlowsche Reflexe aus. Der Begriff "Autobahn" etwa führte die TV-Sprecherin Eva Herman bei Johannes B. Kerner endgültig auf den diskursiven Seitenstreifen. Freilich hatte sie schon vorher das Wort "Mutter" im positiven Sinne verwendet, obwohl "niemand mehr dem Führer ein Kind schenken" müsse, wie die Führer- und wohl auch Kindergegnerin Alice Schwarzer gierig nach Missverständnissen anmerkte.

Und Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus hatte auf einer Israelreise doch tatsächlich die Leistungen beim Autobahnbau in seinem Bundesland angepriesen! Die heimische Presse (nicht die israelische!) wies ihn darauf hin, wie dergleichen nazinaher Baustolz auf Juden wohl wirken müsse.

Verboten ist ferner das Wort "Rasse", denn es gibt keine. Was aber immer wieder mit der größten Selbstverständlichkeit in den Medien vorkommt, sind Rassenunruhen. Wer mag für sie verantwortlich sein? Erstaunlich überdies, dass gerade diejenigen, die am vehementesten meinen, es gebe keine Rassen, bei der Wahl Barack Obamas immer wieder auf seine Hautfarbe hinwiesen. Hier beginnt schon der nächste verbale Eiertanz. Das N-Wort ist verboten (auch wenn es jeder denkt), und das gleichbedeutende "schwarz" inzwischen so gut wie. Also ward das Wort "farbig" herbeigefaselt. Farbig ist allerdings auch George Bush, nämlich ungefähr beige. Darf der sich nun diskriminiert fühlen?

Der Begriff "deutsches Volk" wiederum steht zwar in der Eidesformel unserer Politiker, sollte aber ansonsten nicht verwendet werden, denn das haben schon die Nazis getan. Besser man sagt "Bevölkerung". Das ist zwar kein politischer Begriff, aber dafür auch kein anstößiger.

Und als der Kölner Kardinal Meisner predigte, eine Kultur, die sich vom Kultus abgekoppelt habe, sei "entartet", erfuhr die Öffentlichkeit, dass die Verwendung dieses Begriffes, der übrigens anno 1892 vom jüdischen Intellektuellen Max Nordau geprägt wurde, stracks ins Vierte Reich führe, wenn keiner den Anfängen wehre. Und so weiter, und so weiter.

Den Bezugsrahmen für die zeitgemäße politische Stammelei bilden hierzulande fast immer die Hitlerjahre. Ohne die Distanzierung von den Naziverbrechen scheint allenfalls noch eine Kindergarteneinweihung möglich zu sein. Interessant dabei ist, das das wilhelminische Reich weiland seinen Platz an der Sonne mit demselben Angeberjargon reklamierte - "unvergleichlich", "einzigartig" - den die wiedervereinigte Bundesrepublik benutzt, um Deutschland einen Platz im Orkus der Geschichte zu sichern. "Sündenstolz" nannte das der Philosoph Hermann Lübbe.

Dahinter steckt wohl mehr oder weniger bewusst die Ahnung, dass die Nazi-Ära die letzte Periode der deutschen Geschichte war, von der international geredet wird, eine Art Kainsmal als Markenzeichen, mit dem man, in Sack und Asche zwar, aber immerhin, noch hausieren gehen kann.

Mit Dichtern und Denkern wartet dieses Land ja kaum mehr auf, dafür mit Unwort-Detektoren und Gesinnungsgouvernanten, die sich durch die wohlfeile nachträgliche Distanzierung von Hitler und den Seinen wichtig zu machen versuchen.

Übrigens war Hitler ein entschiedener Nichtraucher, während Roosevelt, Churchill und Stalin geraucht haben - eine Rücknahme des Nichtraucherschutzgesetzes wäre also ein deutliches Zeichen gegen den Neonazismus. Und es sollte endlich einmal jemand die Mathematik ideologiekritisch untersuchen. Immerhin haben die Nazis sie benutzt.

Michael Klonovsky, Jahrgang 1962, ist Journalist, Romanautor und Essayist. Er arbeitet als Chef vom Dienst bei Focus. 1990 erhielt er den "Wächterpreis der Tagespresse". www.michael-klonovsky.de

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