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Religionen / Archiv | Beitrag vom 09.06.2012

Vater gesucht

Spenderkinder fragen nach ihrer Herkunft

Von Maria Riederer

Männliche Samenzellen unter dem Mikroskop. (RUB)
Männliche Samenzellen unter dem Mikroskop. (RUB)

Beim Weltfamilientreffen am vergangenen Wochenende in Mailand betonte Papst Benedikt XVI. die Bedeutung der Familie, doch nicht immer kommen Kinder auf natürliche Weise auf die Welt. Die Eltern von Spenderkindern tragen daher eine besonders große Verantwortung.

Paare, die auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen, können auf medizinische Hilfe zurückgreifen und vielleicht mithilfe eines anonymen Samenspenders Nachwuchs bekommen. Die ältesten Spenderkinder in Deutschland sind heute ungefähr 45 Jahre alt. Sie wissen nicht, wie ihre Väter aussehen, sie kennen nicht einmal den Namen oder den Wohnort. Denn die Reproduktionskliniken schützen den Spender mit Anonymität – und das, obwohl im Gesetz verankert ist, dass Kinder ein Recht auf das Wissen um ihre Herkunft haben.

Sophia*: "Das hat angefangen, als ich ungefähr 3 Jahre alt war und gemerkt habe, dass meine Schwester braune Augen hat und ich hingegen klar blaue Augen und sogar andere Leute immer wieder sagten, naja, ihr seht euch ja überhaupt nicht ähnlich. Und es kam dann auch dazu, dass ich immer mehr, wie man auch als Kind schonmal entwickelt, die Ansicht hatte, dass ich eventuell adoptiert sein könnte, weil ich eben so anders aussah, ich sah auch eigentlich bisschen anders aus als meine Mutter und völlig anders als mein Vater."

Livia: "Also, geahnt hab ich erstmal nichts, ich war 10 Jahre, als ich das dann erfahren hab, meine Eltern haben sich überlegt, dass sie auf jeden Fall doch wollten, dass sie mir das sagen, waren sich aber sehr unsicher, wann sie mir das sagen, wie sie mir das sagen, usw."

Sophie und Livia teilen ein Schicksal. Sie wurden in einer Essener Klinik vor rund 25 Jahren durch den Samen eines unbekannten Spenders gezeugt. Livia hatte Glück. Sie war erst zehn Jahre alt, als ihre Eltern ihr die Wahrheit über ihre Herkunft sagten. Als aufgewecktes, neugieriges Kind hatte sie in einer Zeitschrift herumgeblättert und darin etwas über die Eizellenspende gelesen. Als sie sie ihre Mutter darüber ausfragte, war klar, dass sie Reife besaß, auch die Zusammenhänge ihrer eigenen Herkunft zu verstehen.

"Ich fand das erstmal unheimlich spannend dann auch, ja dass da jetzt einfach noch jemand mit dabei ist, ich hab dann meine Mutter gelöchert und gefragt: Wer ist denn der Mann, kennst du den, wie sieht der aus, wie heißt der, was macht der - hat der auch vielleicht noch Kinder? Ja - aber da konnte meine Mutter mir dann gar nichts zu sagen, und eigentlich war mir dann relativ schnell klar: natürlich will ich wissen, wer das ist."

Sophie, die junge Frau mit den hellblauen Augen, musste länger mit ihrer Ahnung leben, dass etwas, wie sie es ausdrückt, nicht ins System passte. In jeder Phase ihrer Kindheit und Jugend tauchten die Gefühle von Fremdheit auf, die sie immer wieder erfolgreich verdrängte.

"Das ist dann aber stärker geworden während meines Studiums, wo dann auch aufgrund der Tatsache, dass ich Medizin studiere, ich Hinweise erhalten habe, dass meine Augenfarbe gar nicht passen kann, da meine Mutter grüne Augen hat und mein Vater braune, und es kam dann noch dazu, dass ich gesagt bekommen habe, dass ein Mann in der Situation meines Vaters mit einer gewissen Behinderung gar keine Kinder zeugen kann. Er ist gelähmt ab dem 4. Halswirbel durch einen Unfall bedingt, aber diese Personen können in der Regel keine Kinder zeugen, zumindest nicht zum damaligen Zeitpunkt. Heute kann man eine Entnahme machen, damals nicht."

Als Sophie ihre Eltern mit diesen Tatsachen konfrontierte, kamen auch sie mit der Wahrheit heraus. Auch Sophies ältere Schwester ist ein Spenderkind. Sie war, anders als Sophie, völlig unvorbereitet, als sie von ihrer künstlichen Zeugung erfuhr.

"Meines Erachtens ist es so, sie haben sich damals in der Klinik, wo ich gezeugt wurde, sehr große Mühe gegeben mit der Auswahl meiner Schwester. Denn sie sieht meinem Vater sehr ähnlich. Bei mir haben sie wahrscheinlich sich nicht mehr so viele Gedanken gemacht, oder es ist irgendwas Genetisches aufgetreten, was sie nicht einplanen konnten. Und deshalb passte ich halt nicht mehr ins Bild."

Viele Spenderkinder erfahren erst als Erwachsene, und oft durch Zufall oder unter schmerzhaften Bedingungen von der Art ihrer Zeugung. Denn das Ziel der reproduzierenden Ärzte ist es, den Kinderwunsch so zu erfüllen, dass weder dem gezeugten Kind noch dem sozialen Umfeld die Existenz eines fremden Spenders in den Sinn kommen könnte. Reiner Anselm, Professor für theologische Ethik, beschäftigt sich seit 10 Jahren mit ethischen Fragen der Reproduktionsmedizin. Er weiß vom Bedürfnis der Eltern, nach der Geburt ihres Wunschkindes die oft mühselige Vorgeschichte zu vergessen.

Anselm: "Dann ist das glaub ich ein ganz normaler Mechanismus, dass man dann auch sagt: Jetzt soll das dann auch so sein und jetzt wollen wir aber 'ne normale Familie sein. Ich könnte mir vorstellen, dass es viele gibt, die an dem Punkt irgendwann den rechten Zeitpunkt verpassen, dann bricht es plötzlich auf, dann ergibt es sich aber nicht, und so läuft es immer weiter, bis dann ein bestimmter Druck erreicht ist und dann greift sich das Raum, nicht immer mit den besten Ergebnissen - das ist aber glaub ich ein Vorgang, den wir in anderen Bereichen der eigenen Biografiedeutung genauso kennen, dass wir sagen, wir wollen, dass die Dinge auch abgeschlossen sind und wollen nicht ständig drüber reden."

Die Kinder wollen allerdings in vielen Fällen sehr wohl darüber reden und vor allem selbst bestimmen, ob sie etwas über ihren biologischen Vater erfahren wollen oder nicht.

Livia: "Wenn dann aber die Eltern entscheiden, dass das Kind gar nichts über seine Entstehungsweise wissen darf, indem sie das Kind gar nicht drüber aufklären, bevormunden sie es mitunter ein Leben lang, oder wenn dann die Eltern aber den Schritt der Aufklärung gegangen sind, wie zum Beispiel meine Eltern, dass es dann die damaligen Ärzte gibt, die sich das Recht rausnehmen zu entscheiden, dass - in dem Fall ich und andere in meiner Situation, die das gerne wissen möchten, wer der biologische Erzeuger ist - dass sie sagen: Nein, das ist nicht nötig. Da endet das Denken dann beim niedlichen Baby, was ja auch erstmal das Ziel ist, aber was ja nun auch ein vollwertiger Mensch mit allen Rechten und Pflichten wird und ist. Aber so weit ist der Blick einfach nicht."

Reiner Anselm wirft als evangelischer Ethiker auch gerne einen Blick in die Bibel:

"Wenn man auf die Herkunftsgeschichte der Kirche schaut, dann ist schon Jesus aus einer, sagen wir mal, durchaus nicht unproblematischen Samenspendesituation entstanden" (lacht) "…aber völlig unabhängig davon, ob es Reproduktionstechnologien gab - also die Art, wie sich die Erzväter zu Nachkommen verhielten und wie die Sachen da gelaufen sind, die sind nicht weit davon weg von komplexen Patchworkformen, die wir heute haben, ja, dass Männer, bzw. Patriarchen, also Hofvorstände Kinder mit ihren Mägden hatten, weil die eigene Frau keine Kinder bekommen konnte."

Tatsächlich sind viele Familien in der Bibel komplizierte Gefüge, weit entfernt von der heute als normal oder klassisch bezeichneten Familie. Leihmutterschaft brachte Abraham zu einem Teil seiner berühmt zahlreichen Nachkommen. Auch vier der zwölf Söhne Jakobs wurden von Mägden geboren und gelten doch – wie ihre Halbbrüder – bis heute als Stämme Israels. Auch wenn die beteiligten Frauen in der Bibel teilweise schwer an der Leihmutterschaft zu tragen hatten, ist die Entstehungsart der Kinder im weiteren Verlauf der Geschichte nicht wichtig. Entscheidend ist deren Berufung ins Leben durch eine göttliche Macht, die größer ist als die Zeugungs- oder Gebärfähigkeit der Eltern.

Sophie: "Da denke ich, dass es irgendwie gut war, dass ich entstanden bin. Ich bin keine gescheiterte Existenz. Ich hab 'ne sehr gute Zukunft vor mir, in der ich auch vielen Menschen helfen möchte. Und von daher denke ich, es war richtig, dass ich entstanden bin."

Livia: "Ich denke schon, dass es eine höhere Macht oder ein Gottwesen gibt und dass das schon auch so seine Richtigkeit hat, dass ich existiere."

Trotzdem fügen sich die beiden jungen Frauen nicht ihr Schicksal. Sie engagieren sich mit anderen Spenderkindern dafür, dass die so genannte donogene Insemination, die Zeugung mit Spendersamen, neuen Gesetzen unterworfen wird und alle Beteiligten das Wohl des Kindes im Blick behalten. Sophia gibt Eltern, die eine Samenspende in Anspruch nehmen möchten, einen ganz praktischen Rat.

"Sie sollten eine Klinik wählen - ich weiß nicht, wie viele es davon gibt, wahrscheinlich nicht besonders viele - die sagen: Wir geben Ihnen die Möglichkeit, dass das Kind später, sag ich mal ab dem 15. oder 16. Lebensjahr in der Lage ist, seinen Vater zu suchen. Dann sollten sie drauf achten, dass das Kind, sobald es eigentlich anfängt zu sprechen, zu denken, damit aufwächst: du bist auf eine besondere Art und Weise entstanden. Du bist unser Kind, du bist auf jeden Fall von deiner Mama, dein Papa konnte damals keine Kinder kriegen, aber er hat dich ganz, ganz besonders lieb."

Aber auch von den Spendern wünschen sich die Nachkommen weitaus mehr Verantwortungsbewusstsein. Die Klinik zahlt dem Spender für jeden Einsatz Geld, das sie über hohe Zahlungen durch die Wunscheltern vielfach zurück erhält. Ein gutes Geschäft für alle Beteiligten. Ein Geschäft mit Hochglanzbabys. Jürgen Hacke war über mehrere Jahre Samenspender. Er ist heute 67 Jahre alt und gehörte zur ersten Spendergeneration. Er hat keine Erinnerung an tiefer gehende Beratungsgespräche vor seiner Aufnahme in die Spenderkartei.

"Also man erklärte dann nur, dass man eben Paaren, die zusammenleben, die keine Kinder haben können aus diesen oder jenen Gründen, dass man denen eben helfen könnte. Gut, und das ist ja auch ein durchaus ehrenwerter Sinn. Und naja, ich will das nun nicht auf so ein Podest heben, so absolut Mutter-Teresa-mäßig, sondern es war auch eine ganz schöne Geldsumme, die kam dann da zusammen, aber ich hatte auch ein gutes Gefühl dabei."

Wie viele Kinder aus seinem Sperma gezeugt wurden, weiß Jürgen Hacke nicht.

"Dann hab ich auch mal gefragt einen der Ärzte, und die meinten: Naja, also es gäbe da nun falsche Vorstellungen, zu viele dürfte ich mir da nicht vorstellen von Nachkommen, weil die Spenden nicht jedes Mal funktionieren. Ich hab dann mir immer vorgestellt, dass da irgendwo 10, 15 Kinder vorhanden sind. Ich mein, ich hab ja nie Beweise gesehen, aber ich hab gedacht, wenn die alle so gut geraten sind wie meine Tochter, dann geht's ja. So ungefähr hab ich drüber nachgedacht, aber sonst nicht weiter nachgedacht."

Als Jürgen Hacke das erste Mal vom Verein der Spenderkinder hörte, war die einzige Tochter, die er selbst großgezogen hatte, schon lange erwachsen.

"Irgendwann kam ich dann durch diesen Artikel in der Zeitung auf diese Mädels, die da zusammengeschlossen sind, und sofort fiel mir meine eigene Tochter ein, die rumläuft und würde fragen: Wer ist mein Vater? Also, ich hab da sofort feuchte Augen bekommen. Und, ja, ich hab dann mit denen Kontakt aufgenommen und mir das erzählen lassen, und das war dann so, wie ich das befürchtet hatte, dass es wohl immer Fälle gibt, wo das nicht so ganz gut läuft."

Jürgen Hacke deutet hier die Brüche in manchen Familien an, in denen die Kinder allzu spät von ihren anonymen Wurzeln erfahren. Das angeknackste Vertrauen kann zu folgenschweren Brüchen zwischen Eltern und Kindern führen.

Sophie: "Ich bin im Frieden mit meiner Familie, weil ich weiß, dass meine Familie durch Schicksalsschläge in diese Situation gekommen ist. Ich bin im Frieden mit mir selber, ich bin halt geworden wie ich bin und ich kann nichts daran ändern, dass ich einen Teil von mir nicht kenne. Ich bin aber noch nicht im Frieden damit, dass ich aufgebe. Ich werde darum kämpfen, dass ich diesen Mann kennenlerne. Und ganz wichtig: Für mich ist kein Frieden mit der Sache gemacht, dass immer noch Kinder auf diese Art und Weise gezeugt werden. Dafür bin ich auch bereit, einiges noch zu tun, dass das geändert wird."

Sophie und Livia sind Mitglieder des Vereins "Spenderkinder". Sie haben ihre DNA an eine amerikanische Datenbank geschickt, bei der möglichst viele Spenderkinder und auch Spender, die sich Klarheit wünschen, ihre DNA einreichen sollten – nicht zuletzt, um auch Halbgeschwister ausfindig zu machen und auf diese Weise Inzucht zu vermeiden.

Livia: "Wir haben auch schon einige wenige uns bekannte Spender angeschrieben und die auch drauf hingewiesen, und sollte es dann zu einem Match, also zu einem Treffer kommen, dann könnte man sich überlegen: Ok, trifft man sich oder geht man dem nach oder auch nicht? Uns ist bisher noch niemand bekannt, dem das geglückt ist."

Sophie: "Was würde er sagen: Na gut, ja, ich hab dich halt gezeugt und, öh, das war's dann - oder würde er ein ehrliches Interesse daran haben, mir auch etwas über meine Herkunft zu erzählen, was mir halt auch was bringen würde und mich auch bisschen beruhigen würde, wenn ich wüsste, woher ich komme, was meine Verwandten gemacht haben, irgendwo diese Wurzeln sind was sehr Wichtiges für einen selber. Also man sucht die auch, und die Sehnsucht danach ist riesig, natürlich."

Livia und Sophie wollen ihre genetischen Wurzeln kennenlernen und dafür kämpfen, dass auch Kinder, die in Zukunft durch Samenspende gezeugt werden, eine Chance auf die Wahrheit haben.

Livia: "Ich stell mir das so vor, als wenn ich so mit beiden Beinen auf dem Boden stehe, wie so ein Baum, der irgendwie Wurzeln hat, und bei mir ist dann eben nur die eine Wurzel ausgeprägt, und das andere Bein, das hängt so bisschen im Leeren. Also ich würde nicht sagen, dass ich labil im Leben stehe oder so, aber ich denke, ich könnte etwas sicherer sein, wenn ich eben auch noch wüsste, was unter dem anderen Fuß steht."

* Die Namen der Kinder wurden geändert.

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